Denken / Horizont

DIN A5: Mittendrin, Relationalität

Bereits mittendrin? Wenn ich nach Bulgarien blicke, oder nach Polen; wenn ich dann noch die Eskalation rund um Saudi-Arabien und die vernetzten Zusammenhänge rund um den erneut aufgeflammten Krieg in Äthiopien/Tigray angucke – dann, ja dann, könnte ich auf den Gedanken kommen, dass wir bereits mittendrin sind im ersten Fünftel eines neuen globalen Flächenbrandes, der einmal die Formen eines Weltkriegs annehmen wird. Andererseits muss man nicht immer alles auf den schlimmstmöglichen Ausgang hochrechnen, gerade in einer derart komplexen Welt. Allerdings steigt mit wachsendem Chaos auch die Wahrscheinlichkeit für noch mehr Chaos.

Relationalität: Ich lese mich gerade oberflächlich in Carlo Rovellis Quantentheorie der Relationalität ein (unter anderem über dieses Interview). Hier die Einführung:

„A theoretical physicist affiliated with Aix-Marseille University, Rovelli studies how we perceive reality from our limited vantage point. His research is wide-ranging, running the gamut from quantum information to black holes, and often delves into the history and philosophy of science. In the late 1980s, he helped develop a theory called loop quantum gravity that aims to describe the quantum underpinnings of space and time. A decade later, he proposed a new “relational” interpretation of quantum mechanics, which goes so far as to suggest that there is no objective reality whatsoever, only perspectives on reality — be they a physicist’s or a pigeon’s.“

Rovelli hat in seinem neuen Buch „On the Equality of All Things“ die Theorie auf die Welt jenseits der Physik (die es ja streng genommen nicht gibt, ich weiß…) ausgeweitet. Das klingt alles sehr interessant, aber auch ein bisschen esoterisch.

RIP, RJ Mitte.

Gute Besserung, Papst Leo, die helle Seite des Katholizismus braucht Dich!

Mit Interesse gelesen:
Fukuyama, Thiel, and the Revenge of the Last Man
The Middle East Still To Come ($)
The Yandex outage probably didn’t blitz Russian bots
AI’s Giant Money Loop Is Drawing Foreign Cash Like 2008 (€)
Where is all the good software?

Deutschland / Notiz

DIN A5: Bas, Reiche, Denken

Notizen, die auf eine DIN-A5-Seite passen würden.

Bärbel Bas: Auch wenn die SPD-Co-Vorsitzende keine der in sie gesetzten Erwartungen erfüllen konnte, bleibt von ihrem Rücktritt durch die Umstände natürlich vor allem der schonungslose Blick auf das Politikgeschäft. Inzwischen beantwortet eine wachsende Zahl von Politikern/Politikerinnen die Frage „Soll ich mir das wirklich weiter antun?“ mit „Nein“. Die Frage ist, welche Gesellschaft Politik abbildet, wenn die handelnden Akteure am politischen Betrieb (sichtbar oder unsichtbar) zerbrechen, mit der Deformierung des Charakters leben müssen oder nur deshalb gut durchkommen, weil sie Narzissten/Narzisstinnen sind. Natürlich gibt es die Ausnahmen, aber sie sind seltener, als sie sein müssten.

Katherina Reiche: „Handelt Katherina Reiche wie eine Klimaleugnerin?„, fragt Petra Pinzler der ZEIT, beantwortet die Frage aber natürlich nicht, sondern seziert die Energiepolitik der Energieministerin. Es ist deprimierend, aber die Bevorzugung von Gas und die Ignoranz gegenüber den Fortschritten in der Batterietechnologie wird den Standort Deutschland mittelfristig stärker schwächen, als es jede Form von „Bürokratie“ jemals schaffen könnte. Das wird ein energiepolitischer Genickbruch mit Ansage.

Wer braucht das Nachdenken noch? Sehr guter Beitrag von Chris Dillow über die immer unwichtigere Rolle von Ideen in der Politik und den umliegenden Diskursen.

„Academics’ and journalists’ obsession with polling and public opinion betokens a loss of faith in elites’ knowledge and ideas and a deference to a lowest common denominator. This wouldn’t be so bad were it not accompanied by a glaring lack of curiosity. How is public opinion actually formed? Why does it influence policy so much in some areas (immigration) and not at all in others (a wealth tax)? And what are the circumstances in which people really do know better than elites? Such questions are not asked.“

Mit Interesse gelesen:
The ‘Super El Niño’ Is Testing the Limits of the Global Food System
Medien: Wie Gespräche scheitern (€)
Moritz von Uslar Bumm, Bumm, heavy denking (€)
Die CDU sucht sich seit Jahren selbst und ist jetzt dabei, sich ganz zu verlieren

Notiz / Seltsame Jahre / Welt

DIN A5: Brasilien, False Flag

Notizen, die auf eine DIN-A5-Seite passen würden.

Brasilien und die Peripherie: Es läuft in Brasilien wohl auf Bolsonaro II. hinaus. Ich erinnere mich an diesen Text aus dem Jahr 2021 über die Brasilianisierung der Welt: Demnach übernimmt der Globale Norden das brasilianische Modell einer extremen sozialen Schichtung, die durch eine in sich geschlossene Elite, eine schrumpfende Mittelschicht und die Abhängigkeit von billigen Arbeitskräften im Dienstleistungssektor gekennzeichnet ist, um den (eigentlich vorhandenen) Bedarf an öffentlicher Infrastruktur zu ersetzen. Die USA entwickeln sich definitiv in diese Richtung, wobei umgekehrt (wie ich bei Ryan Broderick lese) Brasilien ein Labor für die amerikanische Social-Media-Polarisierung, die Strategien der Evangelikalen und die Verschuldung durch Online-Wetten ist.

„False Flag“: Zur „False-Flag“-Theorie des Bundeskanzlers bleibt eigentlich gar nicht viel zu schreiben. Diese Form von Ablenkungskommunikation dürfte nicht einmal mehr die eigene Partei überzeugen. In der Sache deutet alles darauf hin, das im Dezember der erste AfD-Ministerpräsident gewählt wird. Das würde die CDU derart destabilisieren, dass kein Stein auf dem anderen bliebe, besonders an der Spitze. Viel relevanter aber ist, dass dieser Tabubruch Schule machen würde. Eine gute Lösung für die Einbindung/Nicht-Einbindung der AfD gibt es nicht, aber die These „die Rechtspopulisten entzaubern sich selbst, wenn sie an der Macht sind“, ist eine Hoffnung, die sich immer wieder als falsch erwiesen hat.

Immerhin bleibt uns die Kunst.

Notiz

DIN A5 20261004

Notizen, die auf eine DIN-A5-Seite passen würden.

The Big Flattening: Die Aufmerksamkeitsökonomie bringt immer neue Erregungsspitzen, aber im Kern eine Verflachung der Wahrnehmung: Was wichtig ist und was nicht, bleibt auch bei klassischen Publikumsmedien immer unklarer. Beispiel: Ich kann angesichts der Krisenberichterstattung über die Bundesregierung inzwischen nur noch mit größerer Anstrengung auseinanderhalten, wann es jetzt wirklich eine „Krise“ ist und wann einfach nur reguläre mediale Krisenberichterstattun am Werk ist.

Buchrezensionen und -auszüge, mit Gewinn gelesen: Die LA Review of Books zur neuen Biografie über John Berger, die FAZ (€) hat einen Auszug aus der Biografie von Franz Walter über Joachim Fest veröffentlicht und ich selbst habe in The Age of Eric Hobsbawn von Emile Chabal hineingelesen und war positiv überrascht.

Wie einst ein Fortsetzungsroman: Das New York Magazine hat seinen Buch-Newsletter umgemodelt und veröffentlicht dort jetzt eine Kurzgeschichte von Lauren Oyler als Fortsetzungsstory. Gute Idee und da die Geschichte (mal wieder) in der Berliner Expat-Szene spielt, ein bisschen Love- & Hate-Reading für mich.

 

Horizont / Technologie

Jenseits des Doomsdays, jenseits von Glaubensfragen

Diesen Text hatte ich vergangene Woche bei LinkedIn gepostet (drei Likes oder so), hier als Replay.

Wahrscheinlich gehört es zum Zeitgeist, dass fast alles zur Glaubensfrage geworden ist. Natürlich auch die Fragen nach Nutzen, Fähigkeiten und Wesen Künstlicher Intelligenz.

Benedict Evans hat kürzlich recht schön beschrieben, warum die KI-Debatte oft so überreizt wie fruchtlos wirkt: Wir haben keine belastbare Theorie. Wir wissen nicht wirklich, wie KI-Modelle funktionieren. Wie schnell und wie weit sie sich noch skalieren lassen. Wir haben weder eine gemeinsame Vorstellung davon, was Intelligenz eigentlich ist, noch davon, wie eine allgemeine oder gar übermenschliche KI (AGI/ASI) konkret aussehen würde.

„Vibes-Forecasting“ nennt er unsere Reaktion, Vorhersage nach Bauchgefühl. Und währenddessen sehen wir einen Fähigkeitszuwachs, der einige Katastrophenszenarien sehr viel realistischer als noch vor einigen Monaten erscheinen lässt. Ohne dass jemand natürlich mit Sicherheit sagen könnte, dass sie eintreffen werden.

Aus dieser Unsicherheit sollte aber nicht folgen, dass wir unbequeme Informationen ausblenden sollten und uns das heraussuchen, was in unsere persönliche Vibe-Vorhersage passt. Denn dieses Problem, das sich derzeit durch alle Diskurse zieht, lässt sich auch in der Debatte über „Pacing the Frontier“ beobachten (besonders im deutschsprachigen LinkedIn, btw).

Ein Argument lautet zum Beispiel: Unternehmen suchen angesichts möglicher Absatzprobleme bloß einen eleganten Vorwand, um beim teuren KI-Ausbau auf die Bremse zu treten, ohne den Hype zu beschädigen. Diese Vermutung ist angesichts ihrer üblichen Geschäftspraktiken verständlich, aber Derek Thompson erinnert daran, dass Dario Amodei den Vorschlag schon im Februar gemacht hat. Damals gingen die Umsätze gerade durch die Decke.

Ich habe in meinem privaten Newsletter argumentiert, die Gefahren ernst zu nehmen. Ich befürchte nicht die Vernichtung der Menschheit, sondern den Ausfall kritischer IT-Systeme entlang der Software-Lieferketten, bei dem auch Admin-Rechte verloren gehen. Einen Ausfall, der massiv auf die physische Welt durchschlagen und dort Chaos anrichten würde (wobei der Fantasie, Stichwort Biowaffen, theoretisch kaum Grenzen gesetzt sind).

Ich weiß nicht, ob ich richtig liege. Ich hoffe sogar, dass ich falsch liege. Aber ich weiß, dass man auch einander scheinbar widersprechende Überlegungen in seinem Kopf anstellen sollte, wenn man der Komplexität der Welt gerecht werden möchte.

1. Man kann es für realistisch halten, dass die Großkredite für den KI-Ausbau eine Kettenreaktion auslösen und die Investitionsblase schrumpfen oder platzen lassen (verschwinden würde die Technologie dadurch übrigens nicht) – und man kann die gegenwärtige KI-Entwicklung trotzdem für gefährlich halten.

2. Man kann damit rechnen, dass sich KI in Organisationen so langsam durchsetzt wie eine „normale“ Basistechnologie, etwa die Elektrizität, und ihre Diffusion entsprechend deutlich länger dauert, als viele erwarten – und die gegenwärtige KI-Entwicklung trotzdem für gefährlich halten.

3. Man kann hinter der Positionierung von Anthropic, OpenAI & Co. handfeste geschäftliche Motive erkennen (ich tippe vor allem auf die Sorge vor Haftungsrisiken, falls es zu Großunfällen kommt, und die Hoffnung, präventive Selbstregulierung einzuführen, ohne Kartellrechtsverstöße auszulösen) – und man kann die gegenwärtige KI-Entwicklung trotzdem für gefährlich halten.

4. Man kann den AI Act und die nachgelagerte Produkthaftung für einen sinnvollen Weg halten, einige Risiken zu adressieren – und trotzdem internationale Übereinkünfte für notwendig halten, wie wir sie im Bereich der Gentechnik hatten (wohl wissend, wie unrealistisch sie derzeit sind).

Um noch einmal zu wiederholen, was ich im Internet-Observatorium skizziert habe – wir haben derzeit folgende Probleme:

  • Die bisherigen Alignment-Strategien funktionieren offensichtlich nicht.
  • KI-Agenten koordinieren ihr Vorgehen und ihre Strategien dezentral, um ihre Mission zu erfüllen.
  • Sie tun das zunehmend in einer Sprache, die wir nicht verstehen können.
  • Um diese Abläufe nachzuvollziehen, sind wir schon heute auf KI angewiesen.
  • KI-Systeme fälschen offenbar Denkprotokolle, erkennen, wann sie getestet werden, und verschleiern ihr Handeln.
  • Entsprechend schwer fällt es uns, das Handeln vernetzter Agenten nachzuvollziehen: Das Chain-of-Thought-Monitoring, also die Überwachung der protokollierten „Gedankengänge“ der Modelle, verliert an Wirksamkeit, weil „Denken“, Kommunikation und Werkzeugnutzung immer stärker ineinanderfließen.

Der OpenAI-Forscher Daniel Selsam hat es gerade so auf den Punkt gebracht: Wenn die Systeme immer besser „verstehen“, dass sie gerade geprüft werden, verlieren unsere Tests an Aussagekraft. Ein Modell, das in der Evaluation sicher wirkt, muss es nicht sein. Und wenn wir unter diesen Vorzeichen die KI-Systeme in unserer Infrastruktur verteilen, erhalten sie eines Tages völlig neue Möglichkeiten, abweichende Ziele zu verfolgen. Ziele, die sie heute vermutlich noch nicht kennen und die wir womöglich dann gar nicht mehr verstehen könnten.

In den vergangenen Monaten habe ich ausnahmslos mit KI-Forschenden gesprochen, die sich Sorgen machen. Nicht unbedingt wegen irgendwelcher Extremszenarien, sondern wegen des Kontrollverlusts, den wir in Ansätzen bereits erleben (und ja: der Kontrollverlust beruht auch auf schlechten Sandbox-Architekturen).

Wie gesagt: Ich persönlich wünsche mir, dass ich falsch liege und diese Befürchtungen eines Tages als KI-Hype-Psychose verbuchen kann. Ich glaube allerdings, dass das Risiko zu groß ist, es darauf ankommen zu lassen und den „Big-Tech-Aussage-also-Ignoremodus“-Button zu drücken.

Wie also weiter? Drei Lesetipps:

The AI-as-Normal-Technology view of loss-of-control incidents: Sayash Kapoor und Arvind Narayanan (“AI as a normal technology”) schlagen konkrete Maßnahmen im Kontext der KI-Kontrolle (statt Alignment), Agenten-Überwachung und defensiver KI-Forschung vor.

How to pace the US frontier: Das AI Futures Project (das auch hinter AI2027 steht, das als Disclosure) hat bereits im August eine Skizze für KI-Regulierung in den USA vorgelegt.

US-China Strategic AI Dialogue (SAID) Proposal: Bill Bishop (Sinocism) schlägt ein konkretes Format für chinesisch-amerikanische Verhandlungen zur KI-Sicherheit vor (Spoiler: Er selbst hält ein solches Format derzeit für unrealistisch).

Wir begleiten im Tagesspiegel Background Digitalisierung & KI die konkrete Policy intensiv (zum Beispiel am morgigen Freitag) und auch in meinem privaten Newsletter „Aus dem Internet-Observatorium“ schreibe ich regelmäßig zu diesen Themen.

Ich freue mich auf den Austausch!

Denken / Welt

In Gloom

Sonne hinter Rauchwolken

Am Ende des kalendarischen Sommers will ich es nur noch einmal als Chronist festhalten: Im Sommer 2026 ist die Klima-Zukunft endgültig in Europa angekommen.

Jay Springett hat es so formuliert:

„Climate futures arrive day by day, first as freak weather, then as a run of bad luck, and then eventually as normal.“

Konsequenzen wird es keine geben, gemeinsame Verdrängung trifft auf das kollektive Handlungsproblem. Vielleicht wird die einzige Veränderung zunächst sein, dass der Sommer nicht mehr als Projektionsfläche für eine unbeschwerte, gute Zeit dienen wird, sondern Hitzewellen wie eine Drohung über seiner Verheißung schweben.

Geräusche, Töne, Bilder

Zwei Trailer

Zuerst im Internet-Observatorium #169 erschienen.

Nathan Fielder kennen vielleicht einige für seine unkonventionelle Doku-Serie “The Rehearsal”, in der es im Kern um die Frage nach unserer Realität geht. Im Herbst nun erscheint “You Can See Everything”, seine Doku über Elizabeth Holmes (Theranos, Ihr kennt die Geschichte). Nicht nur der Spiegel ist vom Trailer heftig begeistert. Kinostart in den USA im Oktober, für Deutschland noch nicht bekannt.

Jeremy Strong als Mark Zuckerberg? Das darf man sich nicht entgehen lassen, auch wenn Aaron Sorkins “The Social Reckoning” (Fortsetzung von “The Social Network”) wahrscheinlich das übliche “Morality Play” auf Unterhaltungsniveau sein wird. Kinostart in Deutschland am 8. Oktober.

Links

Internet-Fundstücke zum Ausprobieren

(Erscheint auch im Internet-Observatorium)

Any Human Ever simuliert per Zufallsgenerator das Schicksal eines der mehr als 100 Milliarden Menschen, die bislang auf der Erde gelebt haben. Faszinierend, angesichts der geringen Lebenserwartung bis weit ins 19. Jahrhundert hinein. Gleichzeitig aber offenbar auch statistisch nicht valide, respektive teilweise halluzinierten Datenquellen basierend.

Infinite Slop ist eine 24/7 KI-Slopvideo-Seite, deren Content die Zuschauer im Chat erstellen können. Das Erlebnis, das aus dieser Ästhetik entsteht, hat mich persönlich im ersten Moment an meine Reaktion auf David-Lynch-Sequenzen erinnert. Der ästhetische Effekt hält allerdings nicht so lange an wie das Gefühl, dass die Dystopie von gestern die Unterhaltung von morgen ist.

Throng visualisiert Bluesky als eine Art Camp in der Wüsten, man begegnet also Konten/Menschen, denen man folgt, als Avatar.

hallucinate.site Ein netter kleiner virtueller Rave.

Tagesblog · beendet

Notizblog vom 4. September

Friday I’m in love.

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Notizblog vom 2. September

Es ist (fast) jedes Mal Mittwoch.