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Die Revolution der Hungrigen

Flickr Picture Rice in hands
Kein Korn zu verschwenden (via Mr. Kris, Flickr)

Das Ende eines alten Zeitalters bringt tausende Demonstranten von Haiti bis Ägypten auf die Straße: Die Epoche der billigen Nahrungsmittel ist zu Ende – und die Folgen werden ungeahnte Ausmaße haben.

Vielleicht bekommen wir in den westlichen Medien deshalb so wenig davon mit, weil der Weg des olympischen Feuers eine größere Symbolkraft hat. Vielleicht ist der Grund auch der, dass wir tagtäglich von Ausschreitungen irgendwo auf der Welt hören. Doch dieses Mal gibt es eine gemeinsame Klammer: Ob Straßenproteste in der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince, bei denen bislang sieben Menschen ums Leben kamen, Ausschreitungen in Ägypten, Mexiko, Senegal und dem Jemen oder Plünderungen in Asien: Steigende Lebensmittelpreise stürzen derzeit Millionen Menschen weltweit in existenzbedrohende Nöte.

Die Folgen sind fatal: Die Weltbank schätzt, dass in 33 Staaten schwere Unruhen drohen. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen benötigt bereits jetzt 500 Millionen Euro mehr – eine Summe, die bis Ende des Jahres noch deutlich ansteigen dürfte. Ende März stieg der Preis für Reis innerhalb eines Tages um 30 Prozent, inzwischen haben Regierungen in Asien den Export gedrosselt, damit die einheimische Bevölkerung nicht noch mehr als den ohnehin hohen Anteil von 60 Prozent des Durchschnittseinkommens für Nahrung ausgeben muss.

Für den Preisanstieg gibt es verschiedene Gründe: Einmal hat der wirtschaftliche Aufschwung in China und Indien zu einem höheren Bedarf geführt. Während Bevölkerungswachstum sich in steigender Nachfrage nach Weizen und Reis auswirkt, führt ein höheres Einkommen zu einem höheren Fleischbedarf: Verzehrte ein Chinese 1985 im Durchschnitt noch 20 Kilogramm Fleisch, sind es inzwischen über 50 Kilogramm. Mehr Weideland bedeutet weniger Ackerfläche – die Produktion pflanzlicher Nahrung, die Menschen effektiver als Fleisch ernährt, sinkt.

Ein zweiter Grund ist der Klimawandel: Weil die Nachfrage nach Biokraftstoffen steigt, erleben viele Bauern (nicht zuletzt in den USA) goldene Zeiten. Doch der Umstieg von Weizen auf Bioethanol-Mais hat zur Folge, dass wichtige Ackerfläche nicht für den Nahrungsbedarf genutzt wird. Die Erschließung neuer Anbauflächen ist auch keine Lösung – oftmals liegen sich diese in trockenen Gebieten von Afrika oder Brasilien und können sich durch die Folgen des Klimawandels langfristig
als unbrauchbar erweisen.

Als ein dritter Faktor spielt der hohe Ölpreis eine Rolle: Ölbasierte Düngemittel sind für die Steigerung der Ernte in vielen Fällen dringend notwendig – der stetig ansteigende Ölpreis macht diese teurer, weshalb Bauern in einigen Ländern ohne weitere Staatszuschüsse für Düngemittel kaum produktiv arbeiten können. Zudem steigen die Transportkosten, was vor allem armen Netto-Importeuren von Lebensmitteln wie Bangladesh, Nepal oder Niger schwer zu schaffen machen dürfte.

Weil die Reserven für Reis, der immerhin für die Hälfte der Weltbevölkerung das Grundnahrungsmittel darstellt, in den letzten Jahren aus Kostengründen zurückgefahren wurden, ist der Markt extrem volatil. Größere Preissprünge drohen für die nächsten vier, nach Ansicht einiger Experten sogar für die nächsten zehn Jahre.

Die Konsequenzen werden in den nächsten Jahren auch weltpolitisch zu spüren sein: Die jüngsten Wahlschlappen von Simbabwes Robert Mugabe und der Partei von Pakistans Präsident Pervez Musharraf sind auch der Frustration der dortigen Bevölkerung über die immer teurer werdenden Lebensmittel geschuldet.

Noch versuchen Regierungen in Thailand und Indien der Nahrungskrise mit Exportbeschränkungen entgegenzusteuern, in Ländern wie Russland, Argentinien und Mexiko gibt es in diesem Sektor schon länger Preiskontrollen. Sollten diese Regierungen zu langfristigen Subventionen der Lebensmittel gezwungen werden, könnte dies wiederum negative Konsequenzen für die Investitionen in Bildung und Infrastruktur haben. Gleichzeitig drohen im städtischen Raum soziale Unruhen, weil die dortigen Armen und die untere Mittelschicht am stärksten von der Nahrungsmittelknappheit betroffen sind.

Bereits im vergangenen Jahr warnte Gian Carlo Cirri, ein Direktor des Welternährungsprogramms, die westlichen Staaten, dass 2008 ein „gefährliches Jahr“ sein werde. Spätestens in einigen Monaten werden sich die reichen Industrienationen, mit einer zunehmenden globalen Instablität konfrontiert, des Themas annehmen müssen. Im Juli auf dem G-8-Gipfel in Japan könnte die Gelegenheit dafür gekommen sein – doch die Gelegenheit wofür?
Nachhaltige Verantwortung zu übernehmen bedeutet mehr als neue Gelder für das WFP: An der Unterentwicklung der Landwirtschaften Asiens und Afrikas sind nicht zuletzt die hohen Subventionen schuld, mit denen Europa und die USA ihre eigene unproduktive Landwirtschaft seit Jahren künstlich am Leben gehalten hat. Neben einer Neuordnung der Agrarpolitik (doch wer glaubt auf EU-Ebene daran??) sollte auch eine Revision der grundsätzlichen Entscheidung, potentielle Nahrungsmittel für die Herstellung von Kraftstoffen zu verwenden, kein Tabu mehr sein.

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