Eliten, ohne Schichten


Der Citoyen speist öfter mal zuhause (via Daniel Gasienica, Flickr)

Eliten, so scheint es, materialisieren sich in Deutschland immer nur, wenn über sie hergezogen wird. Doch die allgegenwärtige Abscheu, die sich gegen Figuren wie Schlauch, Tacke, Zumwinkel, gegen Telekom, Siemens und Hedge-Fonds regt, fügt zusammen, was nicht zusammen gehört. Denn, wie schon die Journalistin Corinna Emundts in ihrem fabelhaften Radioessay unlängst anmerkte, hat sich unsere Gesellschaft längst in Teileliten aufgespaltet; untereinander nicht selten zerstritten, ob in tatsächlichen Konflikten oder Scheingefechten, vereint sie vor allem das Bewusstsein über die eigene Ohnmacht ob der Marktgegebenheiten der Globalisierung.

Folgerichtig gelten die dem Markt am direktesten ausgesetzten Kräfte, Politik (im Rest ihrer Steuerungsfunktion) und Entscheidungsträger der Wirtschaft (als Teilnehmer), als egoistisch und korrupt; folgerichtig wirken genau jene Teileliten noch glaubwürdig, die dem Markt durch direkte oder indirekte Alimentierung entfliehen können: Die Kunst und die universitäre Wissenschaft, denen noch traditionell ein Hauch an Unabhängigkeit anhängt.

Die Wirkung, wenn die Telekom Gesetz und Tabu bricht, wenn Schäuble die freiheitliche Grundordnung nach seinem Gusto biegen möchte, ist eine fatale: Weil diese Verfehlungen Symbole sind, in deren Konsequenz ganze Gesellschaftsteile in Sippenhaft genommen werden, wenden sich selbst diejenigen ab, die mit ihrem Verantwortungsbewusstsein eigentlich zu den tragenden Säulen der Gesellschaft zählen würden. Doch sie gehen in die innere Immigration, an die Stelle des Wohls der Allgemeinheit tritt nun das Wohl des Privaten, eine Vorstufe eben jenes Egoismus, der den erfolgsorientierten Aufsteigern aus dem Dunstkreis der Teileliten vorgeworfen wird, im Zirkelschluss begründet.

Doch muss es so sein? Die Eliten-Diskussion droht wieder in ideologische Fahrwasser abzudriften, bevor überhaupt der Begriff geklärt wurde. Eine wirklich tragende Elite kann nur entstehen, wenn sie der Semantik des Schichtendenkens entrissen wird. Was wir erleben, ist die Bourgeoisierung einiger Teileliten. Es ist die Pflicht der anderen, deren Stützlast zu übernehmen, ohne über Verfehlungen zu schweigen und für Änderungen aufzustehen. Die Zeit ist reif, den lange vergessenen Citoyen wieder auferstehen zu lassen. Selten brauchten wir ihn mehr als heute.

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