Teilrückzug aus dem Web 2.0

Die jüngsten Datenklau-Skandale erschüttern nicht mehr. Warum wir so apathisch reagieren und weshalb uns die Politik nicht retten wird.

Daten des Trägers sind bekannt (via sunside, Flickr)

Als die Telekom ihre Mitarbeiter abhörte, war der Aufschrei groß. Nun kam jüngst ans Licht, dass der Handel mit den Daten deutscher Bürger ein Ausmaß und einen kriminellen Energiegehalt erreicht hat, der jedem Bürgerrechtler die Zornesröte ins Gesicht treiben müsste.

Doch die Empörung hielt sich in Grenzen: Die Tatsache, dass mit unseren persönlichen Daten Schindluder getrieben wird, überrascht nicht; so dreist vorzugehen hatten wir, wenn wir ehrlich sind, derlei Datenschiebern immer schon zugetraut.

Die Antwort, weshalb wir so apathisch geworden sind, finden wir in einer Mischung aus Naivität und Bequemlichkeit. Das frühe 21. Jahrhundert ist vom Siegeszug des Breitbands geprägt, der ungeheure Massen von Menschen ins digitale Zeitalter katapultiert hat, ohne dass diesen das nötige Training für die Bewegung in der neuen Umgebung gegeben worden wäre. Das Phänomen, an den Segnungen der vernetzten Welt teilhaben zu wollen, durchzieht alle Subkulturen: Selbst diejenigen, die das Wasser Datenenthaltsamkeit predigen, scheinen auf den Wein nicht verzichten zu wollen, da nehme ich mich selbst nicht aus (verzichte aber, auf meine diversen Profile zu verlinken).

Datenschutz spielte einmal in breiteren Kreisen der Bevölkerung eine Rolle, man denke nur an die Volkszählung von 1987. Auch für den Staat hatte er eine Bedeutung, doch der 11. September 2001 versetzte die westlichen Regierungen endgültig in einen Schockzustand der Paranoia, der bis heute anhält. Ironischerweise hatten die staatlichen Datenschutzbeauftragten in den vergangenen Jahren deshalb alle Hände voll zu tun, die Bürger (leider erfolglos) gegen die Begehrlichkeiten des Staates (!) zu schützen. Personell schlecht ausgestattet blieb so kaum Zeit und Raum, Lobbyarbeit zu betreiben, um die Bürger vor den neuen Möglichkeiten wirtschaftlichen und kriminellen Datenklaus politisch schützen zu lassen.

Das Resultat ist ein Datenschutzrecht, dass seiner Zeit 30 Jahre hinterherhinkt. Datenklau ist kein Kavaliersdelikt und muss noch härter bestraft werden. Behördliche Datenschützer brauchen weitreichende Befugnisse, um Informationsjongleuren den Gar auszumachen; das Widerspruchsrecht des Bürgers gegen Datenweitergabe muss schleunigst in ein Opt-In-Modell umgewandelt werden.

Diese Maßnahmen in die Wege zu leiten, wäre nur der Anfang, doch selbst der bleibt fraglich: Trotz der Bürgerrechts-Bekenntnisse aus Teilen der Politik herrscht im Regierungsapparat immer noch die Philosophie vor, Datenschutz sei Täterschutz. Können wir ob solcher Erfahrungen (Stichwort Vorratsdatenspeicherung) wirklich an ernsthafte Bemühungen seitens der Politik glauben, das Problem nachhaltig und sinnvoll anzugehen, jenseits von einem Happen Symbolpolitik nach dem Sommerloch?

Wir können es nicht. Die Diskussion über eine mögliche Änderung
des Grundgesetzes
wird deshalb eine theoretische bleiben. Es ist eine Tragödie, dies schreiben zu müssen, doch die einzigen Wächter unserer Grundrechte sitzen heute in Karlsruhe – und vor diesem Computer: Wenn wir es mit dem Datenschutz ernst meinen, müssen wir ernst machen. Der Teilrückzug aus dem Web 2.0 sollte beginnen.

Update: Die Diskussion zum Thema findet sich bei Oliver Gassner, auch die Berichterstattung des Report aus München dürfte bald Wellen schlagen.

Update II, einge Wochen später: Der Teilrückzug hat begonnen, gerade hat Xing mich als Mitglied verloren.

5 Gedanken zu „Teilrückzug aus dem Web 2.0“

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