Stunde der Amateure

In der Finanzkrise entpuppen sich Profis als Amateure. Dabei bräuchten wir Könner gerade mehr denn je.
Börsenhändler
Weisheit der Vielen? (via daniel.gene, Flickr)

Im August 2006 verfasste der Journalist Nicholas Lehman für den New Yorker ein Stück mit dem Titel “Amateur Hour“. Darin beklagte er, dass Laien (Bürgerjournalisten) Branche und Gesellschaft ins Unglück stürzen würden, weil sie einfach keine Ahnung vom Metier hätten.

Michael Lewis hat in der aktuellen Ausgabe des US-Wirtschaftsmagazins Portfolio einen Artikel geschrieben, in der die Geschichte von Steve Eisman erzählt wird, der die Ignoranz der Finanzbranche gegen sie verwendete und mit seiner Investmentfirma schon früh auf den Kollaps des Wall-Street-Systems setzte.

Auch wenn Form und Thema voneinander entfernt sind, wirkt der Text wie der Konterpart zu Lehmans Theorie. Wer sieht, wie schnell es möglich war, an der Wall Street Karriere zu machen, wie hoch man ohne einen Funken Basiswissen steigen konnte, dem bleibt nur ein Fazit: Die Profis von heute sind Amateure.

Das ist eine Beobachtung, die wahrscheinlich in jeder Branche zu machen ist. Jeder Mensch kennt die Hochstapler, die sich mit Halbwissen und Charme durchschlagen. Und fragt sich, wie weit Menschen damit kommen und weshalb diese Dinge nicht auffliegen.

Lewis’ Artikel zeigt die Summe der Teile, zeigt, wie rücksichtsloses Nichtwissen(wollen) die ganze Welt aus den Fugen heben kann. Und doch ist die Finanzkrise nur eines von vielen Symptomen dafür, wie sich die globale Situation aufgrund von blinden, kurzfristig orientierten Entscheidungen immer wieder und immer mehr verschärft.

Gerade in Krisenzeiten ist der Mensch nicht dafür gemacht, seine Machtlosigkeit einzugestehen. Die lauen politischen Absichtserklärungen, Paulsons & Bernankes offensiv verkauftes Stochern im Nebel, das lächerliche deutsche Konjunkturprogramm oder die Geldverbrennung für die anstehenden Autoindustrie-Subventionen sind Ausdrucksformen einer simulierten Vollkontrolle über die Geschehnisse. Mit Können hat das nur wenig zu tun.

Das ist fatal: Jetzt wäre die Zeit gekommen, schnell und professionell zu handeln. Stattdessen steuern wir tiefer in die Krise, wachsen uns die Probleme so weit über den Kopf, dass sie inzwischen wahrscheinlich selbst von wirklichen Könnern (die es trotz allem in allen Branchen und Institutionen gibt) schwer zu meistern wären.

Ich befürchte, dass schwere Jahre bevorstehen, dazu nicht zuletzt eine Reorganisation des Währungswesens. Ich habe die naive Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass dann der Moment kommt, in dem wirkliche Könner ran dürfen, keine faulen Kompromisse und neue Blasen entstehen und auch keine unsinnige Einzelinteressen den Weg zu einer gesunderen Marktwirtschaft stoppen können. Manchmal träume ich auch davon, dass wir schon auf dem Weg dorthin sind, obwohl die aktuellen Entscheidungen zum großen Teil in eine andere Richtung deuten.

Ob die Menschen, die unser System einmal reparieren, “Profis“ oder “Amateure“ sein werden, spielt keine Rolle. Der einsame Mahner Eisman hat kein BWL-Zertifikat, er ist Jurist und übertrieb seine Vorkenntnisse, als er ins Finanzwesen einstieg. Genauso wenig wie viele der Finanzblogger, die eine solch großartige Krisen-Berichterstattung machen, Journalisten sind. Lehmans These hat sich wieder als falsch erwiesen: Der entscheidende Unterschied ist nicht der zwischen Amateuren und Profis, sondern der zwischen Neugier und Ignoranz. Die Finanzblogger und den Skeptiker Eisman vereint der Drang, immer wieder Fragen zu stellen und keine Wahrheit als endgültig zu betrachten.

Das ist eine Eigenschaft, die nicht hoch genug zu bewerten ist – ob im Nachrichtengeschäft, der Finanzindustrie oder irgendeiner anderen Branche. Gerade die “Profis“ sollten sie wieder zu schätzen lernen.

Disclosure: Ich bin Journalist, habe aber mit der Kritik keine bestimmte Person oder Redaktion im Sinn.

2 Gedanken zu „Stunde der Amateure“

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