Leben ohne Arbeit

Warum Deutschland lernen muss, dass Arbeit nicht das Zentrum des Daseins ist.

Fabrik NorddeutschlandNicht zur Sonne, nur zum Licht, Brüder (via st4rbucks, Flickr)

Jüngst sprach ich in einer Regionalbahn durch Franken mit einem LKW-Fahrer. Er war mit der Bahn unterwegs, weil er Lastwägen von A nach B überführt und dann von B mit dem Zug nach Hause fährt. Der Mann hat sich, wie die meisten Franken, einem pessimistischen Realismus verschrieben  – weshalb er sich noch zwei Tage vor Heiligabend auf den Weg von München nach Dänemark macht, um dort einen Sattelschlepper abzugeben, das Risiko, seine Familie allein unterm Tannenbaum zu lassen inklusive. “Ich weiß doch nicht, ob es für mich nächstes Jahr überhaupt etwas zu tun gibt“, so die schulterzuckende Begründung.

Das nächste Jahr wird hart, sehr hart. Die ersten Januarwochen wird Deutschlands Industrie stillstehen, und ob Sie im ersten Halbjahr 2009 überhaupt wieder halbwegs in Gang kommt, ist äußerst fraglich. Wenn ich mich an die populistische Vollbeschäftigungs-Rhetorik erinnere, die von Seiten der Großen Koalition noch im Frühjahr zu vernehmen war, weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll.

Das ist nicht die erste Krise, die eines klar macht: Deutschland muss ein Leben ohne Arbeit lernen. Wir hätten schon im vergangenen Jahrzehnt die Chance ergreifen sollen, stattdessen haben wir mit Hartz IV* den Weg der Stigmatisierung von Arbeitslosen gewählt. Vielleicht muss eine Gesellschaft, die auf der Maloche der späten Vierziger und Fünfziger gründet, die Illusion aufrecht erhalten, dass Arbeit Weg und Ziel eines erstrebenswerten Daseins ist. Im Umkehrschluss kann das Ende der klassischen Erwerbsarbeit zu gesellschaftlichen Verwerfungen führen, die unser gesamtes Zusammenleben in Frage stellen.

Deutschland wird sich deshalb umstellen müssen; wir können mit Milliarden neuer Arbeitskräfte weltweit in vielen Feldern nicht konkurrieren, Subventionierung des Standorts hin oder her. Selbst wenn die bislang noch nicht sichtbare Bildungsinitiative kommt, werden wir viele Menschen haben, für die solche Maßnahmen zu spät kommen, weil ihnen dafür die Grundbildung fehlt oder an ihren Qualitäten schlicht kein Bedarf mehr herrscht. Wir können diese Menschen mit dem Privatfernsehen alleine lassen oder ihnen eine Grundsicherung bieten, verbunden mit der Pflicht zum gesellschaftlichen Engagement, mit dem Akt der Bewusstseinswerdung des Bürger-seins.

Wäre das ein bedingungsloses Grundeinkommen, gekoppelt an gemeinnütziges Engagement? Würde eine solch idealistische Idee funktionieren? Bislang habe ich zum bedingungslosen Grundeinkommen kaum belastbare Modelle gesehen. Und wie sollten wir eine Zivilgesellschaft ausbauen, nachdem wir sie schon so lange Zeit die Entsolidarisierung predigen und leben?

Ich habe auf diese Fragen keine Antwort. Doch Weihnachten ist die Zeit für Utopien, auch wenn sie im Kontext der konkreten Realität allzu illusorisch scheinen mögen. Und wann, wenn nicht in der Wirtschaftskrise von 2008 bis 201x könnte sich die postindustrielle Gesellschaft in einem noch-industriellen Staat wie Deutschland fundamentieren? Es scheint mir die Zeit gekommen, uns der Grundpfeiler unseres Zusammenlebens zu vergewissern und darauf eine Gesellschaft zu bauen, die auch in den kommenden Wirren des 21. Jahrhunderts bestand haben wird. Jetzt ist vor allem die Zeit, fundamentale Fragen zu stellen.

*ich halte übrigens die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe generell für eine sinnvolle Idee, die Ausführung hingegen für total missraten

3 Gedanken zu „Leben ohne Arbeit“

  1. Johannes … ungelogen, beim letzten Absatz hab ich eine Gänsehaut bekommen. Nicht zuletzt weil ich ein großer Freund des bedingungslosen Grundeinkommens bin. Ich erlaube mir gar nicht, darüber nachzudenken, was damit alles möglich wäre.

    Alleine „Open Source“ bekäme damit eine völlig neue Dimension. Ich möchte mal behaupten, dass bestimmt 50% aller deutschen Programmierer oder zumindest der Webentwickler, ihren Job dann aufgäben, um sich zumindest zu einem guten Teil Open-Source-Projekten zu widmen. Es ist dies das revolutionäre an der digitalen Revolution, dass ich Produktionmittel Alltagsgegenstände sind.

    Aber ich will gar nicht soviel rumpropagieren: Danke für den inspirierenden Artikel zu Weihnachten!

  2. Danke für den Hinweis, wo das wieder herkommt…
    Auf absehbare Zeit wird das bedingunglose Grundeinkommen wohl Illusion bleiben, gleichzeitig braucht es meiner Meinung nach eben doch Bedingungen, z.B. Einsatz für das Gemeinwohl. Sehe ich zumindest so, aber ich komme ja aus der Ecke der bürgerlichen Ethik.

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