Europas neue Sündenböcke

Der Hass der europäischen Extremisten auf die Roma wächst: Die Politik muss sich klar positionieren.

Roma
(Foto: Adam Jones, PhD, Flickr)

Juni 2009: In Belfast, Nordirland, sehen sich etwa einhundert Roma Angriffen gegen sich und ihr Hab und Gut ausgesetzt. Nachdem sie in einer Kirche Unterschlupf finden, wird auch diese attackiert. Daraufhin entscheiden sich die Hundert, das Land zu verlassen.

Anfang Juli: Bewohner zweier Dörfer in Siebenbürgen, Rumänien, zünden Gebäude von Roma an. Zwischenzeitlich müssen die Roma sogar aus einem der Dörfer fliehen.

Anfang August: In Ungarn erschießen Unbekannte eine 45-Jährige und verletzen ihre 13-jährige Tochter schwer. Die Opfer sind beide Roma. Die Tat findet an dem Tag statt, an dem die Ungarn den Roma-Opfern des Dritten Reichs gedenken.

Die Gewalt gegen Roma ist längst kein osteuropäisches Phänomen mehr, man erinnere sich an die Pogrome in Italien aus dem vergangenen Jahr. Die vitale rechte Szene in Italien oder großen Teilen Osteuropas mag zur Eskalation beitragen, die Vorfälle in Nordirland zeigen jedoch, dass jede Gesellschaft in Zeiten wirtschaftlicher Schwierigkeiten anfällig für den Hass auf Minderheiten ist.

Das erinnert an den Weg, den Europa in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ging. So schlimm mag es nicht kommen; Solange die Politik jedoch nicht klar Stellung gegen diesen Rassismus bezieht, wird die EU kein sicherer Hafen für Minderheiten sein. Klare Ansagen sind gefordert, der Hass gegen Roma sollte auf Ebene der Regierungschefs behandelt werden.

Auch die Roma selbst sind in der Pflicht: Solange die Älteren es nicht schaffen, die Roma-Traditionen im 21. Jahrhundert zu überdenken und es ihnen nicht gelingt, der jungen Generation Hoffnung auf eine Zukunft jenseits prekärer Lebensverhältnisse zu machen, wird ihre Integration scheitern und den extremen Teilen der Mehrheitsgesellschaft weiterhin einen billigen Vorwand für ihren unverhohlenen Hass liefern.

3 Gedanken zu „Europas neue Sündenböcke“

  1. „Auch die Roma selbst sind in der Pflicht: Solange die Älteren es nicht schaffen, die Roma-Traditionen im 21. Jahrhundert zu überdenken und es ihnen nicht gelingt, der jungen Generation Hoffnung auf eine Zukunft jenseits prekärer Lebensverhältnisse zu machen, wird ihre Integration scheitern und den extremen Teilen der Mehrheitsgesellschaft weiterhin einen billigen Vorwand für ihren unverhohlenen Hass liefern.“

    die erschossene roma frau hat gearbeitet wie alle anderen arbeitenden menschen auch, die roma müssen nicht ihr tun überdenken sondern die mehrheitsgesellschaft und auch du.
    mit dem letzten absatz hat du dich selber als jemanden geoutet der den hass auf diese minderheit dieser minderheit selber in die schuhe schiebt.

    selbst wenn jemand nicht arbeitet muss ich ihn deswegen nicht töten.

    gruss
    ein rom

  2. Hallo Hotte Brecht,
    vorab: Ich denke, ich habe in meinem Text Stereotypisierungen vermieden und die getötete Frau in keinster Weise für den Mord an ihr verantwortlich gemacht. Ich denke aber, dass wir es uns zu leicht machen, wenn wir sagen „Die Mehrheitsgesellschaft in Osteuropa ist rassistisch und muss sich ändern“.

    Natürlich muss eine Gesellschaft ihr Handeln immer reflektieren und Rassismus bekämpfen, da wird in vielen Ländern im Moment zu wenig getan, weil das Problem gar nicht erkannt wird; gleichzeitig, und da bleibe ich dabei, liegt es auch an den entsprechenden Roma-Communities (und ich sage nicht „an allen“, da die Kultur sehr heterogen ist, das sieht man schon an den verschiedenen Sprachen), für Wege aus der Armut zu kämpfen und der jungen Generation ein Lebensgefühl zu vermitteln, dass Hoffnung auf sozialen Aufstieg ausdrückt.

    Ob das einzig durch Annäherung an die Kultur der Mehrheitsgesellschaft passieren kann, kann ich nicht beurteilen. Ich weiß aber, dass der Weg aus der Armut in der Geschichte der Menschheit noch niemals über Abgrenzung, Rückzug und Selbstaufgabe geführt hat.

  3. Pingback: kopfzeiler.org » Blog Archive » Ungarn geht uns alle an

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