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Reggae, Homophobie und der Fall Sizzla

Warum es sich das Münchner Backstage zu einfach macht, dem Reggae-Musiker Sizzla ein Forum zu bieten.

Sizzla: Toleranz oder Image-Korrektur wegen Konzerteinnahmen? (via Veeichik, Flickr)

Sizzla: Läuterung oder Lippenbekenntnis? (via Veeichik, Flickr, CC)

Manchmal bin ich etwas naiv: Ich dachte, wir wären in Deutschland bereits so weit, dass ich nicht mehr über Selbstverständlichkeiten bloggen muss. Selbstverständlich sollte zum Beispiel sein, dass wir hier Menschen, die ihrem Hass gegen Minderheiten freien Lauf lassen, keine Plattform geben.

Falsch gedacht: Zur Zeit befindet sich der jamaikanische Reggae-Sänger Sizzla auf Deutschland-Tour. Der Mann hat in der Vergangheit ein Weltbild propagiert, in dem Homosexuelle keinen Platz haben. Und das ist noch harmlos ausgedrückt. Kostproben gefällig?

“mi kill sodomite and batty man dem bring aids and disease on people“
(“Ich bringe Sodomiten und Schwule um, sie bringen der Menschheit Aids und Krankheiten“)

In meiner Ex-Stadt Berlin haben die Veranstalter nach einem Hinweis auf den Geistesdurchfall Sizzlas das Konzert abgesagt, in meiner aktuellen Wahlheimat München durfte Sizzla am Freitag auf die Bühne des Clubs Backstage. Backstage-Geschäftsführer Hans-Georg Stocker scheint die Kontroverse nicht zu erkennen: Das mit der Homophobie sei “nicht so eindeutig“, zwar seien die Songs “sehr aggressiv und brutal“, aber Sizzla sei ja ein “international anerkannter Künstler“, der sich inzwischen geändert habe. Ihn als Hetzer darzustellen, sei “komplett absurd“, so Stocker zur ddp.

Das scheint so nicht ganz richtig zu sein: Sizzla hat zwar mit anderen jamaikanischen Reggae-Musikern im Frühsommer 2007 eine Selbstverpflichtung unterzeichnet, “die Rechte aller Menschen zu bewahren, ohne Angst vor Hass und Gewalt wegen ihrer Religion, sexuellen Orientierung, Rasse, ethnischen Herkunft oder ihres Geschlechts zu leben“. In Europa hat das die Konsequenz, dass er von einigen Veranstaltern keine Gage erhält, wenn er die Verpflichtungen des “Reggae Compasionate Act“ (RCA) nicht einhält. In der ersten Zeit nach Unterzeichnung hat das anscheinend dazu geführt, dass Sizzla in Europa umstrittene Passagen aus Songs wie „Nah Apologize (to no battybwoy)“ (Text hier) nicht selbst sang, sondern einfach das Mikro ins Publikum hielt.  Der LSVD  dokumentiert folgende Aussage auf einer Pressekonferenz im Rahmen des Kölner Summerjam im Sommer 2007 (pdf hier): “Gründest du eine Familie, erweist du deiner Mutter Respekt. Gehst du zu anderen Männern, ziehst du ihr Ansehen in den Schmutz. (…) Ein Mann muss sich entscheiden, ob er ein Stück Dreck sein will oder ein stolzer Mann – so einfach ist das.“

Über ähnliche Äußerungen zu einem späteren Zeitpunkt, ob in Interviews oder neuen Songs, habe ich nichts gefunden, auch gibt es im Netz kein Statement Sizzlas, in dem er Stellung zum RCA nimmt (wer etwas findet, bitte in den Kommentaren verlinken).

Man darf davon ausgehen, dass es bei der Unterschrift solcher Selbsterklärungen vor allem darum geht, die Einnahmen von internationalen Tourneen zu sichern. Wer die Unterschrift unter dem RCA als Beweis für eine Läuterung nimmt, macht es sich zu einfach. Das mache ich auch Stocker zum Vorwurf: Wer einen solchen Künstler einlädt, sollte von ihm im Vorfeld eine eindeutige Erklärung fordern und diese veröffentlichen. Idealerweise nicht als Zitat, sondern als Video, damit jemand wie Sizzla vor einem weltweiten Publikum und auch daheim Farbe bekennen muss. So viel politisches Bewusstsein muss drin sein, und die technische Realisierung eines Testimonials ist in Zeiten des Internets kein Problem. Alles andere sind Ausreden, „don’t ask don’t tell“ funktioniert nicht mehr. Deshalb werde ich das Backstage erst einmal nicht mehr besuchen und mich auf den Besuch Münchner Clubs beschränken, die etwas mehr politische Haltung zeigen.

Allerdings trägt es auch nichts zur Debatte bei, wenn der Grünen-Politiker Volker Beck im Interview zum Thema Falschinformationen verbreitet.  Zitat Beck:

“Aber das ist eben bei Sizzla nicht der Fall. Sein Lied ‚No Apology‘ spielt ja gerade auf das Thema Reggae Compassionate Act an, und da wird mehrmals aufgefordert, Schwule eben zu erschießen, umzubringen, in diesem Lied und sich eben nicht dafür zu entschuldigen, dass man vorher zu Gewalt aufgerufen hat und dass man sich bei Schwulen eben generell auch nicht entschuldigt.“

Wenn Herr Beck sich zwei Minuten Zeit für eine Google-Suche genommen hätte, hätte er herausgefunden, dass “Nah Apologize“ (ich denke, den Track meint Herr Beck) bereits 2005 erschienen ist und im Netz diskutiert wurde, also zwei Jahre vor dem RCA.

Ich habe der Backstage-Geschäftsführung einen Link auf diesen Blogeintrag zukommen lassen und sie dazu eingeladen, sich in den Kommentaren zu äußern.

(Danke an f.t. für den Hinweis auf das Thema)

Ein Gedanke zu „Reggae, Homophobie und der Fall Sizzla“

  1. Pingback: kopfzeiler.org » Blog Archive » Jamaika: Das schreckliche Paradies

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