Die Fortschrittsfrage

Warum Fortschritt nur mit Moral gedacht werden kann – und wo wir die Debatte, was wirklich fortschrittlich ist, künftig führen werden.

Progress-Straßenschild in Kalifornien

Hier entlang, Freunde (via Anarchosyn, Flickr, CC)

Die Weihnachtsausgabe des Economist ist für mich jedes Jahr ein ganz besonderes Vergnügen. So auch 2009, ist die Titelgeschichte doch ein gesellschaftsphilosophischer Essay über das Wesen des Fortschritts, der wichtige Fragen zur Conditio Humana am Ende der ersten Dekade des neuen Jahrtausends stellt – und den ich hier mit einigen Reflexionen ergänzen möchte.

Tatsächlich ist, wie im Text angemerkt wird, der Begriff des Fortschritts in der westlichen Welt inzwischen kaum ohne Anführungszeichen oder Skepsis zu sehen. Der sprichwörtliche Zivilisationspessimismus hat sich in unser Wesen eingebrannt, obwohl gerade wir in Europa seit 1945 in Sachen Lebenserwartung, Wohlstand und Frieden etwas erreicht haben, was in der Geschichte der Menschheit außergewöhnlich ist. Doch es scheint, als wäre der Fortschrittsbegriff, wie wir ihn in der allgemeinen Wahrnehmung rezipieren, inzwischen auf “materiellen Fortschritt“ beschränkt; als wäre er durch den Kapitalismus von der Moral entkoppelt und dadurch entwertet.

Zudem wissen wir inzwischen zu viel über den Preis der Veränderungen, von Sweat Shops über Umweltzerstörung bis hin Stellvertreterkriegen um Rohstoffe und Ideologien: Fortschritt kann nicht mehr an uns selbst gemessen werden, sondern müsste sich eigentlich an den Entwicklungen bei den Ärmsten der Armen in der südlichen Hemisphäre orientieren. Mit dieser komplexeren Weltsicht relativiert sich das, was wir in den vergangenen Jahrzehnten erreicht haben, relativieren sich auch die westlichen Werte, die dahinter stehen.

Die Gefahr des Werterelativismus

Das ist gefährlich, denn wo sich Werte relativieren, wird auch die Säule des Fortschritts porös, auf die es ankommt: Die moralische Seite (die auch der Economist am Ende hervorhebt).   Wo dem Menschen nicht mehr zugetraut wird, etwas des Allgemeinwohls wegen zu verwirklichen, verfaulen die Früchte der Aufklärung, begibt sich eine Gesellschaft in ihrer Selbstwahrnehmung hinter die Grundsätze des Humanismus zurück, wird Apathie zum Leitmotiv ihrer Mitglieder.  Wenn wir als Einzelne nicht mehr daran glauben, dass wir gemeinsam in unserem Handeln die Ideale der Menschlichkeit verwirklichen können, berauben wir uns als Gesellschaft genau dieser Fähigkeit, Moral und Fortschritt zu kombinieren.

Wie man aus meinen Worten herauslesen kann, bin ich ein Optimist, der an Veränderungen glaubt, die im Einklang mit der Moral und den Werten des Humanismus stehen.  Waren es früher einzelne Personen, die dem Weltgeschehen eine bestimmte Richtung gaben, ist diese Zeit trotz der messianischen Heilserwartungen an einen Politiker wie Barack Obama vorbei. Ebensowenig wird die komplette Weltgemeinschaft (bzw. deren politische Vertreter) in der Lage sein, die Utopie von der gemeinsamen, weisen Weltregierung wahr werden zu lassen. Vielmehr werden es die Ideen kleiner Gruppen von Aktivisten oder Wissenschaftlern sein, die mit ihren Ideen die Menschheit in einer positiven Art und Weise beeinflussen werden.

Das Netz könnte der Ort sein, an dem die Debatten über Praktikabilität, Moral und Folgen solcher Ideen geführt werden und sie verbreitet werden können. Allerdings müssten wir dafür die Diskussionsstruktur wieder vom Kopf auf die Füße stellen, den Stimmen Gehör schenken, die jenseits von Ideologisierungen argumentieren.

Abschied von der Ideologisierung

Daher freue ich mich, dass bald die Zeit beginnt, in der die Metadebatten mit Argumentationslinien zwischen wahlweisen Bezichtigungen als “Kulturpessimist“ und “Fortschrittsapologet“  der Vergangenheit angehören und wir über die Dinge diskutieren, die mir persönlich wirklich wichtig sind: Wie verbessern wir den Prozess demokratischer Willensbildung? Wie schaffen wir Transparenz bei Entscheidungen von Funktionsträgern, die der Öffentlichkeit oder Teilöffentlichkeiten verpflichtet sind? Welche Grundwerte sind von so entscheidender Bedeutung, dass ihre Stärkung nochmals ins allgemeine Bewusstsein gebracht werden muss? Wie schaffen wir es, den Zugang zu Bildung zu demokratisieren? Wie stellen wir sicher, dass die Versorgung der Menschen mit Wasser gewährleistet ist und frei bleibt? Wie gehen wir mit der immer weiter fortschreitenden Entschlüsselung der Funktionalität unserer Gene um? Wie stellen wir uns das Zusammenleben in Zeiten des demographischen Wandels und der Veränderung unserer Bevölkerungsstruktur vor? Wie weit darf das Patentrecht gehen? Wie soll eine Gesellschaft aussehen, in der es nicht mehr genug Arbeit für alle gibt?

Ich persönlich freue mich wie ein Schneekönig auf diese Debatten, denn sie betreffen moralische Fragen, die von höchster Bedeutung sind. Sie in und mit der Welt führen zu können, ist vielleicht einer der größten Fortschritte der vergangenen Jahrzehnte.

Ein Gedanke zu „Die Fortschrittsfrage“

  1. Ihren Optimismus kann ich zwar nicht ganz teilen, da ich befürchte, auch die Debatte zu moralischen Werten wird in der westlichen Welt ohne oder mit falschem Leitmotiv geführt. Andererseits sehe ich ein junge Generation, die sich offensiver wehrt, auf den Homo oeconomicus eingegrenzt zu bleiben. Also kann ich nur wünschen, dass sich Ihre Vorfreude erfüllen möge und die Auseinandersetzung zu „moralischen Fragen, die von höchster Bedeutung sind“, weiter Fahrt aufnimmt.

    Ich will mich auch bedanken für Ihren Blog und Ihnen ein gutes Neues Jahr wünschen. Ich freue mich auch 2010 auf weitere Artikel von Ihnen.

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