Plagiat und Zitat

Axolotl

Axolotl, im Zentrum der Debatte (Foto: EikeR, Flickr, CC)

Es ist viel geschrieben worden über den Fall Hegemann, sehr viel Blödes, einiges Schlaues. Vorweg: Ich  habe das Buch nicht gelesen und es derzeit auch nicht vor, und kann deshalb nichts zur Kritik und nur ein kleines bisschen zur Debatte beitrage, indem ich die meiner Meinung nach entscheidenden (und bereits vorgebrachten) Argumente nochmal zusammenfasse.

1.Remix und Plagiat: Wie Dirk von Gehlen* treffend bemerkt hat, gibt es einen großen Unterschied zwischen dem, was Hegemann gemacht hat, und dem, was wir unter “Remix“ oder “Mashup“ verstehen. Hegemann hat Passagen ihres Buches von anderen Quellen abgeschrieben, ohne dies kenntlich zu machen, dieses Produkt also als Original ausgegeben. Ein Remix behauptet schon qua Namen nicht, das Original zu sein. Um es mit einem Schulvergleich zu erklären: Ein Remix ist das, was in der Schule “Transferleistung“ genannt wird: Vorhandene Informationen werden verarbeitet, um etwas zu schaffen, was über die Information selbst hinaus geht. Die Autorin von “Axolotl Roadkill“ hat schlicht und einfach abgeschrieben.

2. “Internetkultur“ und Urheberrecht: Hier genügt es eigentlich, auf den ausgezeichneten Blogeintrag von Anatol Stefanowitsch im Sprachlog hinzuweisen. Abgesehen von dem sehr verallgemeinernden Hilfskonstrukt “Internetkultur“ (das ich, ich gebe es zu, auch ab und zu verwende – jedoch nicht so oft wie den Begriff “Netzgemeinde“. Shame on me…) – es geht bei der Reform des Urheberrechts nicht um dessen Abschaffung, sondern vor allem um eine flexiblere und individuellere Handhabung, in der es dem Autor obliegt, über die Art der Weiterverwendung zu entscheiden. Übrigens beinhalten die aktuellen Creative-Commons-Lizenzen meines Wissens nach alle den Punkt “Attribution“ – also die Namensnennung des Urhebers bei Weiterverwendung.

3.Hyperjazz:
Ja, Medien haben manchmal die Tendenz, zu überdrehen und sollten persönliche Beziehungen tatsächlich den Rezensionstenor von Kritikern verändert haben, wäre das eine Schande. Aber hier gilt die Unschuldsvermutung und die Feststellung: Hyperjazz, also das Überhöhen gewöhnlicher Dinge bis hin zur Verselbstständigung, ist kein auf die klassischen Medien beschränktes Phänomen. Hallo!? Wir erleben doch in unseren Blogs, wie der häufig am meisten Aufmerksamkeit bekommt, der am lautesten schreit.

Ich würde deshalb das, was Thomas Steinfeld** in der SZ als “Gesetz des schärferen Reizes“ beschreibt, als gesellschaftliches Phänomen betrachten: Wir sind lüstern nach Sensatiönchen und für Extreme sehr empfänglich, ob als Kritiker (hier vielleicht auch als Versuch, die Avantgarde nicht zu verpassen) oder als Publikum. Ob wir einfach reizüberflutet sind oder das schon immer so war und die Extreme sich einfach nur geändert haben, weil es keine Tabus mehr gibt – ich weiß es nicht. Dem Markt ist es deshalb sogar egal, ob etwas hochgelobt oder verrissen wird: “Axolotl“ wurde gelobt und verkauft sich wie geschnitten Brot, “Feuchtgebiete“ wurde tendenziell äußerst kritisch rezipiert und verkaufte sich wie belgische Pommes***

Ich weiß deshalb nicht, ob irgendetwas aus dieser Episode hervorgehen wird, außer erkleckliche Einnahmen für die Kulturindustrie und ein bisschen Respekt für den kritischen Geist, der die Debatte ins Rollen gebracht hat. Letzteres ist doch schon was. Dieses Blog ist nach diesem Eintrag allerdings erst einmal hegemanndiskussionsfreie Zone.

*Disclaimer: Wir arbeiten derzeit für denselben Verlag und ich kenne DVG
**Disclaimer: Wir arbeiten derzeit für denselben Verlag und ich kenne T.S. nicht persönlich
***Disclaimer: Ich bin ein großer Fan der flämischen Kartoffelküche

3 Gedanken zu „Plagiat und Zitat“

  1. Das Spannendste an der Geschichte ist die Unfähigkeit der Jubler sich ihren Fehler einzugestehen. Oder zuzugeben, dass niemand das Buch gelobt hätte, wäre die Entstehungsgeschichte bekannt gewesen.

    Die Fähigkeit zur Selbstkritik ist eine sehr seltene Gabe …

  2. @Egghat: Eine Debatte darüber, wie Kritik im Kulturbetrieb heute funktioniert, wäre spannend. Und natürlich hätte niemand das Buch gelobt, wäre die Entstehungsgeschichte bekannt gewesen.
    Die Frage ist, ob die Kritiker, die dennoch auf ihr Lob beharren, in der nächsten Debatte zu Textanleihen ebenso liberal reagieren werden. Zum Beispiel, wenn jemand ihren eigenen Text irgendwo reinkopiert.

  3. Ja, das wäre genau meine gemeine Anmerkung gewesen. Machen wir uns nichts vor: Im Journalismus ist abschreiben unter leichter Umformulierung ja auch sehr üblich …

    (Ich finde es übrigens auch sehr spannend, dass sich niemand gefragt hat, ob eine 17jährige wirklich alle diese Erfahrungen schon gemacht haben kann … Klar, kann man, aber sieht man dann nicht anders aus?)

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