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Kaukasus: Rationalität im Irrationalen

Der Terroranschlag von Moskau zeigt, dass Russland im Kaukasus versagt hat. Doch der Kreml wird nicht von seiner Strategie abrücken – zum Leidwesen aller Staatsbürger.

Soldatenstiefel

Konfliktlösungsstrategien, Kreml-Style (via Stroopwaffels, Flickr, CC)

Mehr als 50 Menschen sind seit Montag vergangener Woche bei verschiedenen Anschlägen in Russland ums Leben gekommen: In Moskau sprengten sich zwei Frauen in der Metro in die Luft und töteten dabei mindestens 40 Menschen, zwei Tage später kamen zwölf Menschen bei zwei Selbstmordanschlägen in Dagestan ums Leben, weitere Anschläge auf Güterzüge folgten.

Es geht hier nicht um einen Freiheitskampf, sondern um Rache und den Versuch, Chaos zu stiften. Diese Taten sind in ihrer Unmenschlichkeit nicht zu rechtfertigen; wir sollten allerdings auch davon absehen, der Semantik zu folgen, welche die russische Führung über den Konflikt im Nordkaukasus gewölbt hat. Die leidige Phrase vom “Krieg gegen den Terror“ darf nicht mehr vom wahren Kern des Konflikts ablenken.

Noch im vergangenen Jahr erklärte Moskau, die Situation in Tschetschenien sei stabil. Was jahrelange Truppenpräsenz nicht zu erreichen schien, schaffte seit 2007 der dort als Statthalter Moskaus fungierende Präsident Ramsam Kadyrow. Man könnte den 33-Jährigen als sadistischen Gangster beschreiben und würde damit wahrscheinlich nicht besonders falsch liegen: Zu seinen Methoden sollen Entführungen von Regimegegnern, Folter und die Ermordung von Kritikern gehören – einige davon waren nicht einmal im Ausland vor ihren Henkern sicher.

Der Deckmantel des Antiterrorkampfes hat Moskau und seinen Vasallen den Vorwand geliefert, fundamentale Menschenrechte wiederholt mit Füßen zu treten.  Die Frustration, die auch die Bevölkerung in Nachbarregionen wie Dagestan und Inguschetien verspürt, machte es Verbrechern wie dem selbsternannten pankaukasischen Emir Doku Umarow leicht, Anhänger für sich und seine islamistische Ideologie zu sammeln. Ob die beiden Selbstmordattentäterinnen von Moskau aber tatsächlich unter seinem Einfluss standen, ist  alles andere als sicher – was Umarow auf jeden Fall gelungen ist, ist die Erweiterung des Konflikts um eine gefährliche religiöse Komponente, die vor 15 Jahren noch keine Rolle spielte.

Russland kämpft bereits seit dem 19. Jahrhundert immer wieder gegen Unabhängigkeitsbestrebungen im Kaukasus, wo mehrere Dutzend unterschiedlicher Völker auf unübersichtlichem Terrain nebeneinander leben. Wer sich an Afghanistan erinnert fühlt, liegt richtig – und ein Afghanistan im eigenen Hinterhof, womöglich von Schwergewichten wie Iran unterstützt, ist das letzte, was Moskau gebrauchen kann. Allerdings zeigen die Anschläge einmal mehr, dass das Mittel der gewaltsamen Unterdrückung bittere Konsequenzen hat und sich Medwedew und Putin dringend eine neue Strategie überlegen müssen – die ersten Äußerungen aus dem Kreml deuten allerdings nicht darauf hin, dass es dazu kommen wird.

Eines ist klar: Würden Dagestan, Tschetschenien oder Inguschetien unabhängig werden, würde die Region derzeit weiter destabilisiert, unkontrollierbare Bürgerkriege in den jeweiligen Ländern ausbrechen und eventuell die ganze Region ins Chaos stürzen. Eine Devolution der Verwaltungen könnte sicherlich einigen Druck vom Kessel nehmen, jedoch wird die paranoide russische Führung dies weiterhin nicht ins Auge fassen – abgesehen davon sind die derzeitigen Führer vor Ort korrupte Marionetten, die keinerlei Interesse am Wohl des Volkes haben.  Die Alternativstrategie, in die Regionen zu investieren, um durch Wirtschaftswachstum für Zufriedenheit zu sorgen, ist bislang gescheitert:  Das meiste Geld aus Moskau verschwand auf den unterschiedlichsten behördlichen Ebenen, bevor es die Menschen und Unternehmen vor Ort erreichen konnte.

Ich sehe derzeit keine Lösung für den Konflikt im Kaukasus. Das Bild der 17-jährigen Attentäterin zeigt das „Pop-Potential“, das der Terror dort inzwischen hat. Die Führer vor Ort sind korrupt, die Menschen der Willkür der Sicherheitskräfte ausgesetzt; Moskau selbst ist in einer Ideologiefalle gefangen und wird durch brutaleres Durchgreifen diese Situation nur verschärfen. An das Schema Aktion-Reaktion haben wir uns als Außenstehende in dieser Region bereits gewöhnt – für die Menschen vor Ort bleiben die bitteren Alternativen, einzig zwischen der Akzeptanz brutaler Unterdrückung durch die örtlichen Machthaber und den irrationalen Parolen der Islamisten wählen zu können.

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