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Afghanistan: Der Anfang vom Ende

Die Offensive in Kandahar ist verschoben – es dürfte der Beginn des Rückzugs der US-Truppen sein.

US Truppen in Kandahar

Am Ende eines langen Weges? (via U.S. Army, Flickr, CC)

Vor ein paar Wochen hatte ich ein längeres Telefongespräch mit Tim Lynch, und mich ärgert es, dass ich es bislang noch nicht in einen Text für meinen Arbeitgeber gießen konnte. Tim Lynch ist ein harter Knochen, aber das wird man auch nach so vielen Jahren im und um das Militär. Er ist ein Militärunternehmer, seine Auftraggeber sind nach eigenen Angaben vor allem NGOs. Seit einigen Jahren ist er in Afghanistan und hat 32 der 34 Provinzen dort besucht.

Vor allem gehört Tim aber zu der kleinen Gruppe aus dem Militär-Umfeld, die aus Afghanistan bloggen. Wer sich für Analysen aus Kriegsgebieten interessiert, die er so nicht in den Zeitungen findet, dem sei sein Blog wärmstens empfohlen.

Tim hat einige interessante Standpunkte, die er gerne mit deftigen Worten beschreibt.  „Die Menschen haben Respekt vor der afghanischen Armee, aber die Polizisten dort sind so blöd, die wischen sich den Hintern mit Steinen ab“, sagte er mir, auf die Probleme mit den dortigen Sicherheitskräften angesprochen.

Auch für die US-Politik fand er klare Worte, ohne seine Wut zu verbergen: Der US-Kongress „habe das Geld wie betrunkene Seemänner aus dem Fenster geworfen“ sagte er mir. So seien nun Hightech-Fahrzeuge und Maschinen im Einsatz, die dort völlig nutzlos sind. Dafür können die US-Soldaten den Weg von einem Feld zum anderen mit dem Helikopter zurücklegen – obwohl beide nur eine Meile voneinander entfernt liegen. Die Truppenaufstockung führt seiner Meinung nach dazu, dass noch mehr Soldaten in den Camps sitzen; der Versuch, auf die Bevölkerung zuzugehen, der Tims Meinung nach von Anfang an der Schlüssel gewesen wäre, wird weiterhin nicht unternommen. Stattdessen hat sich seiner Ansicht nach eine riesige Militärbürokratie entwickelt, inklusive zahlreichen militärischen Subunternehmen, um diese wiederum zu schützen und zu versorgen.“Es ist der Fluch des Reichtums, der uns daran hindert, etwas gebacken zu kriegen.“

Ich hatte das Gespräch mit Tim fast verdrängt, doch  als ich gestern diesen Artikel in der New York Times las, fiel es mir wieder ein. Ich hatte ihn damals gefragt, wie wichtig die für Juni angekündigte Offensive in der Provinz Kandahar sein würde. Tim war der Ansicht, dass der Kampf um Kandahar die entscheidende Schlacht um die Zukunft Afghanistans sein werde. Doch nach einer kurzen Pause sagte er: „Ich glaube nicht, dass die Offensive stattfinden wird.“ Es würden zu viele Marines benötigt, die derzeit nicht zur Verfügung stünden. Die afghanischen Truppen könnten diesen Mangel niemals ausgleichen. Und dann ergänzte er: „Wenn wir Kandahar nicht machen, sollten wir hier schnellstens verschwinden. Auch die Leute aus der Peripherie wie ich.“

Nun hat das Pentagon, und davon handelt der Artikel in der New York Times, die Offensive in Kandahar tatsächlich verschoben. Stattdessen sollen erst einmal zivile Maßnahmen im Mittelpunkt stehen. Der Gouverneur der Provinz ist übrigens niemand anderes als Ahmed Wali Karzai, der Bruder des Präsidenten. Ihn als korrupt zu bezeichnen, dürfte wohl der Wahrheit entsprechen; seit Monaten arbeitet er gegen eine Offensive in der von Taliban kontrollierten Gegend. Dass ihn die USA gewähren lässt, könnte nach Tims Angaben damit zusammenhängen, dass Karzai vermutlich ein CIA-Spitzel ist.

Ich habe diesen Krieg lange verteidigt, weil ich an eine Möglichkeit geglaubt habe, zumindest teilweise eine halbwegs stabile Region zu schaffen. Die politische Diskussion driftete mir allzu oft in die Extreme „Verteidigung unserer Freiheit am Hindukusch“ und „imperialer Angriffskrieg“ ab. Vielleicht war ich naiv, aber so habe ich die Dinge eingeschätzt, und dazu stehe ich.

Inzwischen glaube ich nicht mehr, dass es irgendeine Möglichkeit gibt, Afghanistan zu befrieden. Und ich denke, selbst ein großer Teil der US-Regierung glaubt inzwischen nicht mehr daran. Im Juli nächsten Jahres soll der Abzug der Kampftruppen beginnen, wahrscheinlich lässt man bis dahin die „Uhr auslaufen“, wie es so schön beim Basketball heißt. Was ein instabiles Afghanistan für die Region, insbesondere für das benachbarte Pakistan bedeutet, möchte ich mir nicht vorstellen.

Oder, um meinen Gesprächspartner zu zitieren: „Wo ist all das Geld hin, das wir in das Land gesteckt haben? Und warum ist die Situation schlimmer als je zuvor?“

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