Bildung: Lange Schatten im Zwergenland

Bayern, der einäugige Bildungskönig unter den Bundesländern.

Klassenzimmer

Es werde Licht in den Klassenzimmern (via The Trident, Flickr, CC)

Bayern hat im aktuellen Bildungstest einmal mehr vergleichsweise gut abgeschnitten, allerdings auch Belege dafür geliefert, dass im Freistaat ein erschreckender Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und den Bildungschancen liegt. Eine beinahe siebenfach höhere Chance auf einen hohen Schulabschluss für Kinder aus Oberschichtsfamilien (bei gleicher Leistung!) würde ich jetzt mal knallhart als Bildungssegregation bezeichnen.

Die Ministerialbürokratie feiert das Ergebnis trotzdem – als wären die im internationalen Vergleich mittelmäßigen Resultate kein Grund für einen Kurswechsel. Dabei kommen mir die kritischen Analysen auch fast ein Dutzend Jahre nach meiner Schulzeit in den besetzten Gebieten des Freistaats bekannt vor: Der Drill auf Reproduktion von Wissen sowie hoher Druck und eine Durchlässigkeit, die nur nach unten gegeben ist, sind Kennzeichen des bayerischen Systems – zementiert durch G8 und die unumkehrbare Weichenstellung nach der vierten Klasse. Dass der zweite Bildungsweg in Bayern so gerne beschritten wird, hat eben auch mit den Versäumnissen des ersten zu tun.

Das wird man im Kultusministerium ungern hören: Fordern statt fördern bleibt die Philosophie und die Erkenntnisse aus dem Mathematikunterricht finden gleich Anwendung – beim Erfinden einer „demographischen Dividende“ , um die versprochenen tausend Lehrerstellen (nachdem in den vergangenen Jahren gestrichen wurde) mal schnell mit einem Rechentrick verschwinden zu lassen.Und auch sonst lassen sich, glaubt man den Vorwürfen aus Lehrerkreisen,  so einige Dinge im Schulwesen ganz nach ministerlichem Plan(wirtschaftlichem Modell) lösen.

Bayern bleibt jedoch der einäugige König der Bundesländer, in Berlin würde man sich solche Probleme wahrscheinlich wünschen. Doch um aus Schulen mehr als die gegenwärtigen „Lehrplanvollstreckungsanstalten“ zu machen, braucht es mehr: Mehr pädagogisch geschultes Personal, eine praxisbezogenere Lehrerausbildung, Raum für individuelle Förderkonzepte und Lehrpläne, in denen lösungsorientiertes Denken statt der Abfrage von eingepauktem Wissen im Mittelpunkt steht.

Es ist auch eine bittere Ironie, dass wir vom föderalen Wettbewerb im Bildungssystem sprechen, in der Praxis der Schulwechsel zwischen einzelnen Bundesländern jedoch hohe bürokratische Hürden mit sich bringt. Der Wettbewerb sollte zwischen den einzelnen Schulen stattfinden – doch dafür bräuchten wir mehr Freiräume vor Ort und Transparenz für Eltern, zum Beispiel Informationen über die Fähigkeiten des Lehrpersonals oder die disziplinarische Lage an den einzelnen Schulen (und ich bin mir der Probleme, dies objektiv darzustellen, bewusst).

Die Reform des Bildungswesens ist die wahrscheinlich wichtigste Aufgabe der Gegenwart*. Dass die Verantwortlichen um sie nicht zu beneiden sind ist kein Grund, sich mit mittelmäßigen Ergebnissen zufrieden zu geben.

*Dazu auch ein Posting aus dem Jahr 2008, das ich eigentlich heute genauso veröffentlichen könnte

3 Gedanken zu „Bildung: Lange Schatten im Zwergenland“

  1. ich selbst bin an einem gymnasium in bayern. und ich kann dazu eigentlich nur sagen, dass es kinder aus dem entsprechendem milieu wirklich nicht allzu schwer haben, das abitur zu machen. ich finde es schrecklich, mein ganzer jahrgang ist voll von kindern, die es nur so weit geschafft haben, weil ihre eltern das nötige geld haben.
    das klingt jetzt vielleicht ketzerisch. aber ein abitur ist doch eh nichts, auf das man stolz sein kann heutzutage. und g8 war eher noch ein rückschritt vom niveau her. übrigens werden die noten in der kollegstufe im g8 beschönigt, durch ein neues notenvergabesystem. ich bin gespannt, was passiert, wenn das ministerium dann mit statistiken um sich wirft, dass die g8schüler ja bessere abi-ergebnisse haben, als die jahrgänge vorher. das ist nämlich alles gefälscht. ich selbst bin übrigens selbst in dem g8jahrgang, muss also keine vorwände suchen oder so.
    aber das abitur und auch das gymnasium an sich ist ein völlig veraltetes modell. und reformbedarf ist nicht nur da,sondern wirklich im gesamten bildungswesen. weil schule so wie sie ist, viel mehr kaputtmacht, als sie bringt. weil sie die neugier und den wissensdurst der kinder kaputtmacht.

  2. @angstpop: Danke für den Erfahrungsbericht. Hört sich reichlich desillusioniert an – und Schule soll doch eigentlich Interesse am Leben wecken.

  3. Seit dieser so zutreffende Beitrag gepostet wurde, ist einige Zeit ins Bayernland gegangen. Leider hat sich jedoch an den geschilderten Verhältnissen kaum Wesentliches verändert. Schule wird in der Hierarchie oben wie unten immer noch nicht als Beziehungsgeschehen verstanden, sondern administrative Herausforderung. Infolgedessen geraten sogar Junglehrer nach kurzer Berufstätigkeit in einen Modus der zynischen Desillusionierung: sie bemerken gar nicht mehr, was sie beim Schüler ablassen und vor allem in welcher Form es aus ihnen spricht. Solches Tun treibt die gequält-gelangweilten Schüler in Zustände, in denen sie nur noch körperlich anwesend sind und nach Vorschrift funktionieren. Schlussendlich sitzt man sich im Groll gegenüber, verliert die Lust an seiner Aufgabe und dem (gemeinsamen) Lernen. Schüler wie Lehrer orientieren sich nur noch an der nächsten Prüfung und leben in der Hoffnung, dass es später einmal anders und besser werde; für die einen in Ausbildung, Studium und Beruf und für die anderen als Pensionär. Bekanntlich trügt solche Hoffnung.
    Um die Stimmung aber nicht ins Düstere abgleiten zu lassen, mag ich den Kommentar mit dem Hinweis schließen, dass es aus meiner Sicht Licht am Ende des Tunnels gibt. Eine große Zahl von Elterninitiativen, Vereinen, Elternbeiräten und überaus engagierten Einzelpersonen setzt sich mit erstaunlicher Kraft für ein verändertes Verständnis von Lernen und von Kindheit ein. Bei genauer Betrachtung wird erkennbar, dass dieser Druck von unten in den Kultusbehörden zitternde Unruhe bewirkt. Zittern ist durchaus eine Form von Bewegung, auch wenn sie – noch – am Ort verharrt.

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