Was ist das Netz und wenn ja, wie viele?

Das Internet, die Ideologiefrage und die Hoffnung auf ein systemisches Konzept. Gedankenskizzen voller Fragen.

Mensch mit Maske am Computer

Alternative zur vernetzten Gesellschaft (via Stia Eikeland, flickr, CC)

Drüben bei der FAZ hat Rainer Meyer a.k.a. Don Alphonso mal wieder eine Polemik hinterlassen, dieses Mal zu Google Street View, und fetzt sich ganz nebenbei in den Kommentaren mit Jeff Jarvis (RM: “I don’t mind if you think I’m a lunatic – I consider Gurus like you as ‚Scharlatane’“). Ich will mal weg von der rhetorischen Spiegelfechterei und einen anderen Gedanken aufgreifen: Denn in dem Text schwingt ein Ideologie-Vorwurf mit, der im historischen Kontext nähere Betrachtung verdient.

Blicken wir einmal auf die vergangenen hundert Jahre, spielten neue Medien immer eine große Rolle bei Ideologien. Das Kino sollte nach dem Willen Trotzkis Ästhetik und Ideologie des Kommunismus ins Land tragen. Goebbels nutzte das Radio zur hemmungslosen Propaganda für den NS-Staat. Wenn auch nicht direkt vergleichbar, war das Fernsehen doch eine entscheidende Triebfeder für die Entstehung der Konsumgesellschaft.

Gäbe es eine Ideologie der Technoptimisten, die dem googleartigen Mantra „Was machbar ist, soll gemacht werden“ folgt, würde diese im Medium selbst prinzipiell nur schwer Oberhand gewinnen können. Die Schaffung von Mikro-Öffentlichkeiten (Ende des Sender-Empfänger-Modells) wirkt theoretisch der ideologischen Vereinnahmung entgegen.

Geht man allerdings einen(dekonstruktivistischen) Schritt zurück, sorgt natürlich bereits das Medium selbst für die Botschaft: Denn eine gemeinsame Klammer dieser Mikro-Öffentlichkeiten gibt es: Konsum, und zwar Konsum von Zeit. Der Begriff der Aufmerksamkeitsökonomie ist zwar schon älter, aber seine philosophische Durchdringung steht erst am Anfang, hier zum Beispiel.

Der französische Philosoph Bernard Stiegler liefert hierbei ein interessantes Menschenkonzept, das ich mit dem der Aufmerksamkeitsökonomie verbinden möchte: Der Mensch definiert sich demnach nicht durch den Unterschied zum Tier, sondern durch sein Verhältnis zu Techniken. Denkt man dies weiter, hätte er sich mit dem Internet im Idealfall eine Art perfekten (technisch mediierten) Aufmerksamkeitsmarktplatz geschaffen, mit der Zeit als maßgeblicher Währung. Wie aber könnte dieser Marktplatz eingeordnet werden, welches Konzept steckt dahinter? Können wir ihn uns als eine Art Foucault’sches Panoptikum vorstellen, in dem jeder die Rolle des Wärters und des Sträflings übernimmt? Als unendliche Diskursmaschine, in der sich nur die Begriffe drehen? Oder verrät das Medium selbst (derzeit noch) keine Lösung, wie der schlaue Brite John Naughton mir einmal in einem Interview erzählt hat?

Nach dieser unkonkreten Gedankenskizze noch ein paar Worte zu Street View: Ich denke, mit dem Opt-Out-Vefahren ist eine pragmatische Lösung gefunden worden. Niemand kann einem Privatunternehmen verbieten, Mehrwert aus dem öffentlichen Raum zu ziehen, gleichzeitig muss ich natürlich die Möglichkeit haben, dagegen Widerspruch einzulegen. Ob die Höhe der Street-View-Kamera mit dem Schutz der Privatsphäre in Einklang steht, wird das Bundesverfassungsgericht entscheiden, nehme ich an. Das wird ein spannendes Urteil, da es indirekt auch die Frage klären wird, wie das Verhältnis gesellschaftlicher Verfassheit vs. Technischer Fortschritt in Deutschland austariert wird.

Viel größere Sorgen macht mir übrigens, dass das Datenaustauschabkommen zwischen den USA (und damit Unternehmen wie Google) und der EU so schlampig umgesetzt wird. Kollege Lischka sieht das genauso.

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