Kehrt die Türkei dem Westen den Rücken?

Ankara findet eine mächtige Sonderrolle.

Erdogan Rede

Blickst Du nach Westen oder Osten? (Foto: unaoc, Flickr, CC BY-NC-ND 2.0)

Als ich auf meiner Bloggertramp-Reise vor einem Jahr mit einem türkischen Fernfahrer unterwegs war, erklärte der mir zu den EU-Ambitionen der Türkei: „Das ist nur Taktik von Erdogan, um bei uns seine Gesetze durchzubringen. In Wirklichkeit will die Türkei gar nicht in die EU.“

Damals kam mir das plausibel, aber auch gewagt vor: Die Türken, mit denen ich davor darüber gesprochen hatte, waren meist von der EU-Mitgliedschaft überzeugt. Heute, da Ankara gerade das Einfrieren aller Beziehungen zur EU androht, falls Zypern die Ratspräsidentschaft übernehmen sollte, da sich Premierminister Erdogan über den Bruch mit Israel ganz klar in Richtung arabischer Welt wendet, scheint die These ihre Bestätigung zu finden (auch, wenn ich sie noch nicht ganz glauben möchte).

Über die Ostwende der Türkei wurde ja bereits länger schon geschrieben, die Revolutionen im arabischen Raum dürften den Prozess beschleunigt haben: Die Türkei kann dort nicht nur pragmatisch wirtschaftliche Interessen verfolgen, sondern sich auch als demokratisches Vorbild präsentieren. Wer die klaren Worte Erdogans in Richtung Syrien gehört hat oder sein Bekenntnis zu säkularen Demokratieformen verfolgt hat, kann ungefähr ermessen, wie eindrucksvoll die türkische Vorreiterrolle in der Region einmal erscheinen könnte. Auch die Entscheidung des Instinktpolitikers Erdogan, das Verhältnis mit Israel dem panislamischen Populismus zu opfern, passt in dieses taktische Schema; sie ist aber gleichzeitig auch ein innenpolitisches Signal, basierte doch das gute Verhältnis der beiden Länder vor allem auf die Beziehungen auf militärischer Ebene – ebenjenes Militär, dessen Einfluss Erdogan jüngst endgültig in die Schranken weisen konnte

Aus Sicht der AKP mag die Umorientierung der Türkei ein brillanter Schachzug gewesen sein. Das Land könnte eine entscheidende Rolle in der Entwicklung der Region spielen. Die EU, will sie ihren strategischen Einflussbereich einmal erweitern, könnte im Idealfall (aus Ankaras Sicht) in einigen Jahren die Türkei sogar hofieren, um sie zum Beitritt zur Union bewegen.

Allerdings birgt der populistische Kurs auch ein erhebliches Risiko einer strategischen Überdehnung. Wie will man in die Rolle des Maklers zwischen Palästinensern und Israel zurückkehren, wenn die Hoffnungen auf eine Vermittlung einmal auf Ankara ruhen? Wird das Land wirklich auf Stabilität und Demokratie pochen, wenn Ägypten und Libyen sich zu autoritären Staaten entwickeln oder – im Falle Libyens – sogar zerfallen sollten? Was, wenn der harte Kurs die Türkei im Westen mittelfristig isoliert und darunter Einfluss und Wirtschaftsbeziehungen leiden? Der gesteigerte Nationalstolz wird auch zu Härte in Sachen Kurden, Zypern und Armenien-Aussöhnung führen – keine guten Aussichten für Konfliktlösungen.

Unbestreitbar ist allerdings, dass wir in diesen Wochen die Wiedergeburt der Türkei als außenpolitische Großmacht erleben. Ob der Rest Europa dies möchte oder nicht: Damit werden wir uns auseinandersetzen und es akzeptieren müssen, dass die strategischen Überlegungen dieser Großmacht am Rande des Kontinents noch über Jahre hinweg von Erdogan und der AKP geprägt werden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.