Texte und der blinde Fleck im Social Web

Lose Gedanken rund um das Teilen journalistischer  Texte.

Hand

(Foto: woodleywonderworks, Flickr, CC BY 2.0)

Klammern wir mal aus, dass ich Facebooks Bedeutung in den kommenden Jahren eher schrumpfen als wachsen sehe: Die Kulturtechnik des Teilens* wird jenseits einzelner Dienste ein grundlegendes Instrument im Netz bleiben – eines, das klassische Textmedien noch nicht wirklich anzufassen verstehen.

Soweit, so bekannt. Natürlich nutzen immer mehr Medienschaffende Twitter, Facebook oder was auch immer; in den kommenden Jahren wird hierzulande auch das Kuratieren von Nachrichten einen höheren Stellenwert gewinnen. Was ich vermisse, möchte ich anhand von zwei Beispielen beschreiben.

Auf das Thema gekommen bin ich über die Gerüchte zur Facebook-Erweiterung um einen Musik- und Videodienst.  Bereits jetzt gibt es über die Hulu-Integration für US-Nutzer die Möglichkeit, eine bestimmte Szene in einer Sendung/ einem Film zu kommentieren und bei Facebook zu posten. Klickt ein Kontakt auf die Statusmeldung, sieht er genau die Szene, die kommentiert wurde.

Das zweite Beispiel fand ich in einem Telekom-Spot für das Fußball-Abo bei T-Home. Dort kann man sich als Nutzer seine Konferenz selbst zusammenstellen. Wenn ich also mit einem Freund, der Köln-Fan ist, vor dem Fernseher sitze, kann ich theoretisch eine Konferenz mit Schalke-Leverkusen und Köln-Kaiserslautern verfolgen und muss nicht alle x der stattfindenden Spiele (oder ein einziges) sehen.

Was sind also die Punkte, die ich vermisse? Ich bin mir nicht sicher, ob sich das Hulu-Beispiel auf den Textbereich übersetzen lässt – aber vielleicht sollten wir feinkörniger denken. Praktisch gesagt und sicherlich noch nicht mal ansatzweise weit genug gedacht: Warum bieten wir nicht Share-Optionen für einzelne Textstellen an? Oder ermöglichen es zum Beispiel Nutzern eine Art Tumblr-Funktion direkt am Text – also eigene Notizen, Ergänzungen, Links, etc., die dann wiederum geteilt werden können. Oder wie wäre es mit einer Community, die nicht unter, sondern neben dem Text kommentieren kann – also mit Anmerkungen und Ergänzungen zu einzelnen Absätzen, ja sogar Worten? Jenseits von der Frage nach der technischen Umsetzung, die nicht trivial ist, bleibt die Frage, ob es dafür ein Publikum gibt. Ich bin mir selber nicht sicher, habe aber nicht das Gefühl, dass die One-size-fits-all-Lösung (Teile den gesamten Text) der Teiler-Kultur nicht gerecht wird.

Das T-Home-Beispiel, ich hätte es auch durch Live-Events bei Twitter oder gemeinsames Musikhören/Filmgucken bei Facebook ersetzen können, beinhaltet aber zwei wichtige Faktoren des Social Web: Zeitsynchronität und Gemeinschaftsgefühl.  Eine journalistische Textform, die diese beiden Dinge vereint, gibt es erst einmal auf den ersten Blick nicht – wer liest schon mit Freunden zu einem bestimmten Anlass journalistische Texte, und dann noch übers Web? Auf den zweiten Blick gibt es natürlich eine Form, bei der Zeitsynchronität und Gemeinschaftsgefühl eine Rolle spielen: Diskussionen in der Community, ob auf der Seite oder rund um einen Text irgendwo im Web. Auch hier herrscht dringend Nachholbedarf, denn jenseits von Ausnahmen wie der Economist Debate wird den Ereignischarakter von Diskursen zu journalistischen Texten bislang komplett vernachlässigt.

Vielleich liest dies ja jemand und hat gerade eine Idee dazu – oder kennt Beispiele, die meinen Wünschen entsprechen.

6 Gedanken zu „<span class='p-name'>Texte und der blinde Fleck im Social Web</span>“

  1. Hm, also ich glaube zu ersterem könnte Quote.fm passen. Kleines deutsches Start-Up, die zumindest in dem Sinn in diese Richtung gehen, als dass sie auf Community und Teilen von Texten gehen: http://visuellegedanken.de/2010-12-14/quote-fm-ein-loftbuero-und-die-zukunft-des-internets/
    Und vieles bei uarrr.org

    Befindet sich momentan in einer geschlossenen Betaphase – und immerhin haben sie es schon geschafft einen kleinen Hype zu erzeugen.

    Oh, und weil ich mich hier gerade ganz gut von der Diplomarbeit abhalten lasse: Du bekommst später noch eine Mail von mir, vielleicht sogar auch deswegen. 😉

  2. Share-Optionen für einzelne Textstellen halte ich für eine extrem spannende Idee, die auch bereits umgesetzt wird: quote.fm befindet sich gerade in der closed beta.

    Und eine Community neben dem Text – ist das nicht so ähnlich wie dieser Sidewiki-Dienst, den Google gerade eingestellt hat?

  3. Ha! Und da kann ich gleich mit meinen Themen einspringen. Zum einen habe ich das neulich sogar irgendwo gesehen, dass jeder Absatz einen eigenen Anker hatte, so dass man mit http://example.com/my/article.html#paragraph3 auf den 3 Absatz verweisen konnte. Das ist eigentlich auch keine große Kunst, sowas mit einem Redaktionssystem in ein beliebiges Blog oder eine Nachrichtenseite reinzubauen. Weil das aber eigentlich eine redundante Information ist, gibt es dafür schon seit ziemlich geraumer Weise eine bessere Lösung für, um genau zu sein seit 2002 und um noc genauer zu sein, eine W3C Recommendation: XPointer. Leider haben die Browserhersteller scheinbar keine Lust, das zu implementieren, wie sovieles, wass sich das W3C an Gutem ausgedacht hat. (Xlink z.B.)

    http://www.w3.org/TR/xptr/

    Was gemeinsames aber entferntes Erleben betrifft, gibt es ja schon eine Form, die auch im Online Journalismus mal eingesetzt wurde: Der Chat. Chats auf News-Seiten sind inzwischen ziemlich tot scheint mir. Ich glaube, das Konzept hat noch potential.

    Und um sogar auf Dein Fußballbeispiel zurückzukommen. Ich hab mir bei der letzten WM das Spiel Deutschland – England im Audio-Player der Sun angeschaut und gleichzeitig im Kommentarbereich des Artikels dazu rumgetobt. Das war ein sehr, sehr tolles Erlebnis.

    http://anmutunddemut.de/2010/06/27/england-leaves-in-many-ways-humiliated.html

  4. Die New York Times hat letztes Jahr Permalinks für einzelne Absätze eingeführt – wenn auch extrem zaghaft: Wenn man einen Artikel aufruft und dann zweimal die Shift-Taste drückt, erscheinen kleine Absatzzeichen am Anfang des Absatzes. Dave Winer, der Permalinks am Ende seiner Absätze einbaut, dazu: http://scripting.com/stories/2010/11/29/theNyTimesLeadsAgain.html

    Die Idee, Kommentare mit Textstellen zu verknüpfen und rechts daneben anzuordnen, schlummert auch bei mir in einer Irgendwann-mal-genauer-überlegen-Liste 🙂 – seit ich die neue Kommentarfunktion für Google Docs gesehen habe. Ist eine ziemliche Usability-Herausforderung, und ich bin nicht sicher, ob das bei Kommentaren zu Artikeln so einleuchtend funktioniert wie bei gemeinsamer Arbeit an einem Dokument, aber einen Versuch wäre es wert.

  5. @all: Danke für die Kommentare und Hinweise, ich kannte die entsprechenden Beispiele noch nicht bzw. konnte mir bei quote.fm nix drunter vorstellen.
    Ich glaube, dass so etwas nur auf Seiten der „Portale“ (mir fehlt gerade ein besseres Wort) eingeführt werden kann – Bookmarklet-Dienste oder neue soziale Netzwerke sehe ich in diesem Zusammenhang nicht. Die Frage nach der Usability stellt sich da auf jeden Fall, und man muss noch dazu die Frage stellen, ob es wirklich einen Bedarf gibt – oder wie so etwas so attraktiv werden könnte, dass es Nutzer den Sinn entdecken.

    Was das Gemeinschaftsgefühl angeht: Chats…hmm, womöglich könnten wir eine Wiederbelebung sehen, so wie bei YouTube-Videos jetzt Hangouts gestartet werden können. In journalistischer Hinsicht wäre da aber auf jeden Fall die Beteiligung des „Autors“ unerlässlich, und selbst das garantiert noch nicht, dass so etwas angenommen wird.

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