Digitale Selbstverständlichkeiten

Radio

(Foto: Radioedit, Flickr, CC BY-SA 2.0)

Es gibt Menschen, die mit dem Siegeszug des Internets eine Veränderung der Rolle von Autoritäten, neue Strukturen und Hierarchien heraufbeschworen haben. Sie hatten unrecht, zumindest machen mich das zwei Ereignisse der vergangenen Tage glauben.

Da ist zum einen Steffen Seibert, der unter @RegSprecher twittert. Der wurde bei der Re:publica abgefeiert. Dafür, dass er ein charmanter Typ ist. Und twittert. Das genügt. (und sagt jetzt nicht, Ihr hättet wegen des Mitmach-Projekts des Verkehrsministeriums gejubelt…).

Dann wäre da Frank Schirrmacher. Der lässt nach einem Hinweis via Twitter einen Online-Artikel ändern. Und wird dafür ebenfalls gefeiert.

Nun seien die Verdienste der beiden Herren, ob auf Twitter oder anderswo, diesen unbenommen – ich bin froh, wenn führende Medienköpfe auch in Deutschland die Dialogmöglichkeiten des Internets entdecken. Doch worüber reden wir hier eigentlich? Wenn ich als Sprecher der Bundesregierung im Jahr 2012 nicht auf Twitter bin, bin ich im falschen Job. Und als Online-Weisungsbefugter (und das scheint Schirrmacher offenbar zu sein) muss ich mich natürlich mit Hinweisen und Feedback auseinandersetzen.

Offenbar scheint der Wunsch nach einer Beteiligung der analog verwurzelten Eliten an der digitalen Welt so groß zu sein, dass diesen Selbstverständlichkeiten genügen, um für Begeisterung zu sorgen und selbst die banalsten Akte wie Pionierarbeit wirken zu lassen. Ich kann mich nicht erinnern, dass beispielsweise ein Sprecher der britischen Regierung oder Guardian-Chef Alan Rusbridger für ähnliche Aktionen derart abgefeiert worden wären. Karl-Theodor zu Guttenberg dürfte sich jetzt noch ärgern, dass er während seines Aufstiegs neben seiner medialen Charmeoffensive nicht noch Zeit fand, einen Twitter-Account anzulegen und zu bestücken. Er hätte bei einem Teil seiner späteren Kritiker mit Sicherheit alleine schon deshalb einige Steine im Brett gehabt.

7 Gedanken zu „Digitale Selbstverständlichkeiten“

  1. Wo siehst Du Begeisterung in meinem Beitrag?

    Ich halte es für lobenswert, wenn Fehler transparent korrigiert werden – egal, ob im Guardian oder in der FAZ. Und darin unterscheiden wir uns offenbar: Ich halte den unmotivierten und in keiner Weise begründeten Hitler-Vergleich für einen Fehler.

  2. Dein Beitrag lobt Selbstverständlichkeiten – und die Begeisterung bezieht sich auf das Gesamtbild, inklusive Twitter. Mal ehrlich, wenn Du über jede vorbildliche Fehlerkorrektur bloggen würdest, würdest Du nicht mehr zum Arbeiten kommen. Es geht um die Person Schirrmacher, weil man ihm es lange Zeit nicht zugetraut hätte, sich überhaupt in diesen Dialograum zu begeben. Das ist per se aber für mich noch kein Grund, dies hervorzuheben.

    Ich halte den Hitler-Vergleich für schlecht gewählt, wenn es denn darum geht, was der Autor wirklich ausdrücken wollte. Und da ich ihn bereits lange kenne, gehe ich davon aus, dass er sich die genannte Interpretation nicht erst später ausgedacht hat.

  3. Verstehe Deinen Punkt. Vermutlich ist es für die Seiberts und Schirrmachers dieser Welt eben doch nicht selbstverständlich – auch wenn es das sein sollte. Daraus ergibt sich eine gewisse Beispielfunktion, um die ging es mir.

  4. Ich weiß auch, dass Du nicht nur die großen Beispiele nennst. Mir war es eben in der Gesamtheit zu viel Aufhebens um Normalitäten.

  5. Ich nehme mal das Radio im Aufmacherbild als Rechtfertigung, etwas „aktuelles“ zu How Much Rebellion zu schreiben … ich höre Dich da tatsächlich viel zu selten und bin jedes Mal, wenn ich es doch tue traurig, über die verpassten Sendungen.

    Wie lustig das ist, wenn Deine Sendung läuft, ich durch meine Wohnung tigere und irgendwo Deine Stimme herkommt … sehr kuhl!

    Aus zwei Gründen also ein Wunsch: Erstens als wöchtenliche Erinnerung, doch mal einzuschalten und zweitens als Möglichkeit an einem angemesseneren Ort meine Kommentare zu Sendung zu hinterlassen … wünsche ich mir HIER einen wöchentliche (am besten Vorab-) „Experimental Jet Set, Talk and No Star“-wenigstens-Playlist-Blogeintrag zur Sendung. Bitte.

  6. Hallo Ben,
    die gab es sogar am Anfang, nur dann kam ich nicht mehr nach mit den Playlists. Ich gelobe Besserung!

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