Warum noch Feuilleton?

Oder besser: Wie muss es aussehen?

Löwe des Feuilletons

Ort der bissigen Diskurse (Foto: Cappellacci, Flickr, CC BY 2.0)

Georg Seeßlen hat vor einigen Tagen in der taz die Abschaffung des Feuilletons gefordert. Eine Debatte hat er damit nicht ausgelöst, zu plakativ ist seine Argumentation, zu holzhämmernd die oft gehörte Erklärung, mit dem Ende des Bürgertums würden auch seine Institutionen überflüssig (konsequenterweise müssten wir dann auch über die Schließung von Kultureinrichtungen oder geisteswissenschaftlicher Studiengänge nachdenken).

Allerdings deutet er durchaus eine Frage an, die sich zu stellen lohnt. Warum noch Feuilleton, oder anders – wie muss das Feuilleton heute aussehen? Ich gebe zu, ich bin in dieser Angelegenheit befangen. In einem FAZ-Haushalt aufgewachsen, war das Feu schnell neben dem Sportteil der erste Ort, an dem ich mich wiederfand. Später, zu Beginn meiner Studienzeit, ließ ich meinen Vater die Feus sammeln und nahm sie in Stapeln von den Heimatbesuchen mit in meine Studentenbude. Die besten Absätze schnitt ich mir aus. Auch heute möchte ich das Feuilleton nicht missen; das der SZ verschwindet niemals unangelesen im Papierkorb (Disclaimer: ich darf dort auch manchmal publizieren), gerne gucke ich in das der FAZ, NZZ und manchmal auch das der Zeit, die Feuilleton-Presseschau im Deutschlandradio liebe ich.

Dennoch ist natürlich gerade mir als digital geprägten Menschen klar, dass das Feuilleton titelübergreifend aus der Zeit zu rutschen beginnt. Nicht wegen des bürgerlichen Gestus, aber doch, weil es zwei Probleme hat: Es kennt den Leser nicht, für den es schreibt, und es kennt den Leser zu gut, für den es zu schreiben müssen glaubt.

Letzteres ist einfacher zu erklären und äußert sich in den je nach Tagesform prägenden oder zumindest seitenfüllenden Berichten von universitätsnahen Kongressen, Jubiläen, Geburtstagen oder Rezensionen von Sekundärwerken, deren Zahl von Rezipienten nicht einmal dreistellig sein dürfte. Womöglich liegt es daran, dass bei Funktionären der Universitätslehre und des Kulturbetriebs das Feuilleton noch am stärksten wahrgenommen wird und dort wirklich Diskurse bestimmt. Einzig: Die Aufgabe des Feuilletons der Gegenwart kann es nicht sein, Funktionäre zu bedienen.

Nun bietet ein Kulturteil natürlich mehr als das, aber – und da wären wir beim unbekannten Leser – die grenzenlose Freiheit, um die das Feuilleton zu beneiden ist, lässt dieses „Mehr“ für mich seltsam unscharf erscheinen. Ich könnte sagen, für welche Debattenformen und Tonalität das Feu der unterschiedlichen Zeitungen steht; an wen konkret abseits der oben genannten Funktionäre sich das „Paket“ richtet, also wer das Feuilleton von A bis Z durchlesen soll, erschließt sich mir nicht. So intellektuell ansprechend die Lektüre sein mag, ich kenne fast niemanden aus meiner Generation, der das Feuilleton als Kompass für gesellschaftspolitische, ästhetische oder popkulturelle Debatten verwenden würde.

Das hat natürlich auch mit den Veränderungen durch die Digitalisierung zu tun. Das Kanonische ist inzwischen individuell, die oben genannten Debatten werden im teilnehmenden Dialog beinahe spielerisch verhandelt. Die vielleicht größte Schwäche ist, dass das Feu zwar Diskussionen durch schlaue Köpfe anstößt, diese sich dann aber nicht diskursiv digital vernetzen, um ihre Standpunkte auszudebattieren.

Das alles bedeutet nicht, dass ich das Feu am Ende sehe. Allerdings glaube ich tatsächlich, dass es sich verändern muss und wird. Die Ironie daran ist, dass das Feuilleton wie kein anderes Ressort an die geschlossene Form der Zeitung gebunden zu sein scheint, während doch gerade im Digitalen die Instrumente für seine Relevanz liegen. Wir werden in einigen Jahren nicht mehr begreifen, weshalb es Musikrezensionen ohne eingebundene Audio-Files gab. Warum relevante Debatten auf einer hermetischen Expertenebene geführt wurden, anstatt ein Diskursnetz zu spannen, das alle umfasste, die teilnehmen wollen. Wie ein Mainstream-Medium akademische Nischen pflegte, während es die wichtigen Nischenthemen den neuen Medien überließ.

Ich weiß nicht, wie das Feuilleton aussehen muss. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass genau diese Punkte für die Zukunft dieses publizistischen Zweiges eine entscheidende Rolle spielen werden. Und um die Frage „Warum noch Feuilleton?“ zu beantworten: Weil ich mir die Medienlandschaft ohne diesen Wildgarten nicht vorstellen mag.

Update und Linktipp: Die Berliner Gazette hat zur Debatte eine Linkliste zusammengestellt.

11 Gedanken zu „Warum noch Feuilleton?“

  1. Du schreibst „während es die wichtigen Nischenthemen den neuen Medien überließ.“ Genau dafür war doch die Urheberrechtsdebatte ein gutes Beispiel. Nahezu alle für mich relevanten Beiträge habe ich in Blogs gelesen. Auch auf G+ wurde dank zB Marcel Weiss oder Pia Ziefle sehr scharf aber auch in die Tiefe gehend diskutiert. Und im Feu? Da wurden diskussionsverweigernde Aufrufe wie „Wir sind Urheber“ – ohne Kommentarfunktion abgedruckt. Die Unterzeichern verweigerten sich konsequent dem Dialog. Und man merkte auch an den folgenden Beiträgen von Feuilletonisten zum Thema, das diese schlichtweg wenig Ahnung vom Netz haben. Das ist nicht schlimm, man kann auch ohne Expertise diskutieren. Nur die relevante Diskussion darüber fand eben in Blogs statt. Und die Zukunft des Feu? Am besten in Autoren-Blogs auslagern, wo der Autor auch mit dem Leser kommuniziert. Denn ich glaube einfach nicht mehr, das digitale Leser noch in Rubriken-Strukturen Medien wahrnehmen. Und alle Rubriken von „News“ über „Wirtschaft“ bis „Feu“ aus „einem Haus“ wollen. Es zählt nur noch der Kopf, was Spon mit „S.P.O.N – die Kolumnisten“ schon ansatzweise umgesetzt hat.

  2. Hmmm, interessant. Mit der Notwendigkeit der Adaption der heutigen Möglichkeiten in das Feu stimme ich zu. Nur eine Frage: Ist es Aufgabe des Feu, eine Mehrheit zu bedienen? Oder eher ein Soll und Orientierungspunkt zu bieten?

  3. @Frank Krings: In Sachen Personalisierung stimme ich grundsätzlich zu. Beim Thema Urheberrecht fand ich schon, dass es nicht ignoriert wurde und jenseits des genannten Beispiels auch auf beiden Seiten kundige Menschen zu Wort kamen. Aber a) richtig, dass es Ausnahmen gab und b) die Debatte war eben keine.
    @Siegfried: Ich bin mir nicht sicher, ob diese Frage wirklich beantwortet wurde. Ich glaube, die Zielgruppe, die jetzt häufig bedient wird, ist zu klein und wird der Breite der dort verhanelbaren Themen nicht unbedingt gerecht. Das Feuilleton ist ja vor allem ein Versprechen, Kultur- und Gesellschaftsfragen der Gegenwart Raum zu geben. Das muss keine Mehrheit ansprechen, sicherlich aber nicht ein Nischenpublikum, das in dieser Form womöglich garnicht mehr existiert.

  4. Als erstes Mal: Dem Ende der Meta-Erzählung würde ich ja noch zustimmen, aber das Ende des Bürgertums kann ich deswegen nicht sehen. Es mag daran liegen, dass ich mich selbst als Büger, Bildungsbürger und sogar als neuer, digitaler Bildungsbürger sehe: Ich glaube sogar, dass wir das Bürgertum weiter stärken sollten und dass es sogar eher auf dem aufsteigenden Ast ist: Was sind denn sonst all die Hipster und Nerds, von denen Berlin so überquillt, wenn nicht Bürger?

  5. Dann zum Feuilleton darselbst: Just, was ich eben beschrieben habe wird der Grund für das Ende des Feuilletons sein: Diejenigen meiner Generation, die Bürger sind und Bildungsbürger, die haben die gedruckten Zeitungen hinter sich gelassen und mit ihnen das Konzept der Ressorts innerhalb einer Marke und damit natürlich auch die Feuilleton.

    Man ließt nicht etwas „im Feuilleton von Spiegel Online“.
    Man ließt etwas „bei Spiegel Online“.

    Online-Ressorts spiegeln einzig die interne Organisation der Redaktion wieder. Nicht das Interesse oder gar Verhalten der Leser. Wenn es nach denen ginge, würde es keine Ressorts mehr geben. Und Du weißt ja vermutlich sogar besser als ich, dass die Klickzahlen die gleiche Sprache sprechen.

    Unser Feuilletion ist der Feedreader. Unser Feuilleton ist Twitter und Facebook: Die Filterbubbel unser bürgerlichen Freunde und jener Sprecher im Netz, die wir für selbst für wichtig halten. Und darin taucht wieder auf, was Du seit langem forderst und was im Feuilleton ja beste Tradition ist, wie ich glaube: Das Hervortreten des einzelenen Autoren.

  6. 1. Seeßlen hat eine Debatte ausgelöst. Gibt es sonst noch Argumente, dass sein Text plakativ oder holzhämmernd sei?

    2. Wenn man von der Schließung von Kultureinrichtungen oder geisteswissenschaftlichen Studiengängen, über die nicht nur nachgedacht wird, nichts mitbekommen hat, dann kann das entweder daran liegen, dass es einen nicht interessiert, oder daran, dass das nicht im Feuilleton steht, weil es das Feuilleton auch nicht interessiert.

  7. @Erbloggtes: Die Argumente habe ich genannt, Stichwort „Ende-des-Bürgertums“-Argument und die Pauschalkritik (ich gebe zu, dass mein Text ebenfalls nicht jede Nuance beachtet, aber dennoch Unterschied zwischen den Themen macht). Das Äquivalent zur Abschaffung des Feuilletons wäre eine komplette Schließung aller geisteswissenschaftlichen Studiengänge oder – bezüglich der Kultureinrichtungen – eine Lösung, wie sie den Kulturinfarkt-Autoren vorschwebt.

    @ Ben: Durchaus richtig, wobei a) publizistische Marken immer noch recht kräftig sind und durchaus zum Ort der Debatte werden können und b)ich ja auch vom klassischen Feuilleton im „Package“ eines Medienangebots spreche. Dass es sich online vermischt, ist klar, siehe die Blogwelten auf verschiedenen US-Seiten.

    Was die Definition Bürgertum betrifft: Ich weiß nicht, ob Deine Hipster Bürger in dem Sinne sind, dass sie sich aktiv für ihre Umwelt und Umgebung einsetzen und einer finanziell abgesicherten Sphäre zuzuordnen sind, inklusive der Werte, die daraus folgen. Womit wir wieder bei der Frage wären, ob es a) keine Bürger mehr gibt oder b) einfach die Definition inzwischen am Thema vorbeigeht.

  8. Pingback: Macht mehr Feuilleton! « Tim Klimes

  9. ich finde in diesem Debattenbeitrag einige sehr treffende Aussagen. Etwa, dass „im Digitalen (die Instrumente für“ die „Relevanz“ des Feuilletons liegen, so dass „Debatten werden im teilnehmenden Dialog beinahe spielerisch verhandelt“ werden. Oder den Anspruch im Hinblick auf Debatten, ein „Diskursnetz zu spannen, das alle umfasste, die teilnehmen wollen“.

    Ich denke, wir müssen diese Feuilleton-Debatte nicht nur nutzen, um über unser Experimentier- und Debattier-Feld zu reflektieren, sondern aktiv vorführen wie es, in einer erweiterten und weiterentwickelten Form bereits funktioniert.

    So gilt es, sich nicht darüber zu beschweren, dass „Diskussionen durch schlaue Köpfe“ zwar angestossen werden, „diese sich dann aber nicht diskursiv digital vernetzen, um ihre Standpunkte auszudebattieren.“

    Sondern es muss darum gehen, eben dies zu tun: die „Köpfe“ bzw. ihre „Stimmen“ sollten sich untereinander vernetzen.

    Ja, Georg Seesslen hat eine Debatte angestossen, ja, mit teils plumpen Aussagen. Und wir sind mittendrin. Vielleicht hilft das Sommerloch dabei, die Aufmerksamkeit für dsas Thema nicht so schnell wieder zu verlieren und das gemeinsame Nachdenken, nachhaltig zu gestalten – auf das sich ein „Diskursnetz spannt“ über die individuellen Beiträge und Medien hinaus.

    PS: Mein Beitrag zur Debatte findet sich hier:
    http://berlinergazette.de/feuilleton-abfall-elite/

  10. @joha: Die Frage habe ich eben deswegen gestellt, weil sie a) nicht beantwortet wurde und b) überhaupt so noch gar nicht gestellt wurde 🙂

    Ob das Zielpuplikum so überhaupt noch existent ist, ist nur auf den ersten Blick eine berechtigte Frage. Die Kulturschaffenden schaffen Kultur und damit ihr Publikum. Gut, das ist jetzt einfach nur ein plakativer Kontrapunkt, denn letzendlich bedingen sich Beide gegenseitig, aber so als Kontrapunkt…

    Und eben diesen Gedanken möchte ich diesem Artikel hier gegenüber stellen. Nicht notwendigerweise als Gegensatz, aber als Ergänzung. Es ist nicht immer Alles so, wie es auf den ersten Blick scheint. Oft lohnt ein zweiter Blick, um den ersten Gedanken zu relativieren.

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