Journalismus in einer Post-Fact-Society

Müssen sich Medien zu ThinkTanks entwickeln? Ein Gedankenspiel.

Free the facts

Freiheit für Fakten? (Foto: davidgray, Flickr, CC BY-NC-ND 2.0)

Der aktuelle Wahlkampf in den USA ist eine weitere Wegmarke auf dem Pfad zur Post-Fact-Society, eine schwer übersehbare. Weil beide Parteien auf die Wahrheit wenig geben, wird vor allem eine Rolle nochmals wichtiger: die des Factcheckers.

Das verändert auch den Journalismus, in zweierlei Hinsicht: Die Rolle des Faktenprüfers wandert immer mehr vom Back Office (das, was in Deutschland „Dokumentation“ genannt wird), ins Front End. Und: Die Ära des in den USA bereits länger kritisierten He-said-she-said-Journalismus, bei dem einfach Standpunkte beider Seiten unkommentiert weitergegeben werden, geht ihrem Ende entgegen. Die Glaubwürdigkeitskrise der Politik sorgt also auch dafür, dass journalistische Glaubwürdigkeit neu definiert wird.

Ich möchte diese Entwicklung kurz ins Extreme weiterdenken und annehmen, dass sich künftig auch viele Institutionen und Experten in diesem freischwebenden Raum befinden, also nicht per se als glaubwürdig gelten können (was sie ja bereits heute nicht immer sind): Konsequenterweise müssten Redaktionen dann noch stärker selbst die Überprüfung und Bewertung komplexer Sachverhalte wie Modellrechnungen, Statistiken, Prognosen übernehmen.

Beim Beispiel der Altersarmutsberechnung von Ursula von der Leyen wären dann eben keine „Rentenexperten“, sondern die SZ (Disclaimer: für deren Online-Ausgabe ich arbeite) selber die Autorität, die diese Zahlen überprüft hat. Schnell wären wir bei ganzen Abteilungen solcher „neuen“ Factchecker, deren Rolle sich nicht auf die Kontrolle der journalistischen Arbeit konzentriert, sondern auf die Prüfung von Aussagen im öffentlichen Diskurs. Eine Medienmarke würde dann eine Art Hybrid aus Redaktion und ThinkTank sein.

Natürlich ist ein solches Szenario vorerst nicht realistisch, zumal die in Deutschland, wo die Medienwelt noch eine andere als in den USA ist. Allerdings sehen wir schon jetzt, dass sich viele Prüfpflichten immer weniger auf den klassischen „Experten“ abwälzen lassen. Genau deshalb spielt die persönliche Community und deren Wissen für einen Autor eine so große Rolle – letztlich bilden sich durch den Dialog im Netz im Idealfall nichts anderes als Ad-Hoc-Think-Tanks.

Es gibt allerdings eine bittere gesellschaftliche Ironie, die im Begriff Post-Fact-Society mitschwingt: Alle Anstrengungen von Medienmarken, Autoren, Bloggern, ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit zu erreichen, ist in dem Moment vergebens, in dem der Einzelne sowieso nur das glaubt, was er glauben will.

Bereits jetzt sehen wir dies bei vielen ideologisch gefärbten Debatten und ich bin mir sicher, dass auch in Deutschland in absehbarer Zeit die Figur eines Großpopulisten erleben werden, der jenseits aller Fakten argumentieren und damit Erfolg haben wird. Von der Leyens Rentenrechnung und die diversen Wendungen eines Horst Seehofer sind nur kleine Vorboten.

3 Gedanken zu „Journalismus in einer Post-Fact-Society“

  1. Bitte nicht!

    Das kann man sich nur wünschen, wenn man die Funktion der Medien in der Gesellschaft neu definieren will. Richtig: Im Moment haben wir im Wesentlichen ‚He-said-she-said-Journalismus‘. Und dafür gibt es einen sehr guten Grund: Es gibt einem nämlich die Möglichkeit, bei Bedarf ‚He said bullshit‘ dazwischenzurufen. (Und das wird in einer Demokratie immer irgendwer tun.) Dieses Rufen wird aber ungleich schwerer, wenn der Bullshit gleich auch noch von der Stelle beurteilt wird, die ihn berichtet. Das macht ihn gerade nicht glaubwürdiger, sondern zwingt mich erst recht dazu, ihn aus einer anderen Quelle zu verifizieren – nur kämen dann Zeitungen als Informationsquelle schlicht nicht mehr in Betracht.

    Momentan haben wir einen Zustand, den viele ‚Expertokratie‘ nennen: Für jede noch so hirnrissige Behauptung lässt sich ein ‚Experte‘ finden, der vor einigen Jahrzehnten einen akademischen Grad in irgendeinem Fach gemacht hat und der nun – oft gegen Bezahlung – der These einen Anschein von Seriösität geben soll. Die Grenze zum offenen Lobbyismus ist dabei nicht mehr auszumachen.

    Und das soll besser werden, indem man die ‚Experten‘ direkt in die Redaktionen setzt statt auf die diversen Talkshowsessel der Nation? Damit man gar nicht erst in die Versuchung kommt zu diskutieren?

    Bei Ihrem Beispiel mit der Altersarmutsberechnung der Rente könnte ich dann nach Lektüre des entsprechenden Artikels gerade nicht sicher sein, dass von der Leyens Zahlen stimmen, sondern ich wüsste, dass die SZ die Welt genauso sieht wie eine Ministerin, die einer Partei angehört, die ich nicht gewählt habe. Und ich würde mich fragen, wer genau die Fakten verifiziert hat, was derjenige vorher gemacht hat, und wer die größten Werbekunden der SZ sind. Ein anderes Beispiel: Ich mag mir nicht ausmalen, wie der öffentliche Diskurs verlaufen wäre, wenn konservative Medien den dementen Absonderungen eines Herrn Spitzer auch noch das Prädikat ‚wissenschaftlich wertvoll‘ hätten geben dürfen und wenn das dann ohne weitere Prüfung einfach als Faktum in den Diskurs eingeflossen wäre.

    Medien haben durch ihre Möglichkeiten des Agenda-Setting bzw. der Selektion dessen, was sie bringen/nicht bringen schon erheblichen Einfluss darauf, worüber die Gesellschaft diskutiert. Soll man wirklich wollen, dass sie (Die wohlgemerkt systemisch abhängig sind von denjenigen Organisationen, die oft auch die ‚Experten‘ bezahlen!) auch noch definieren, was wahr und was nicht wahr ist?

    Doch wohl kaum.

  2. Ich kann deiner Analyse folgen, aber nicht deiner Schlussfolgerung. Ja, wir werden mehr Fakten checken müssen, aber ich glaube nicht, dass das allein durch eine Community geleistet werden kann. Drei Gründe:

    1) Die Online-Community ist nicht neu. Auch in Analog-Zeiten hatte man schon ein Netzwerk.

    2) Aus diesem Netzwerk haben sich Experten für gewissen Themen herauskristallisiert, die immer wieder angerufen wurden und dann folgerichtig auch in der Öffentlichkeit als Experten präsentiert wurden. Der Grund dafür: Manche Themen sind so komplex und so viel Nische (Renten, Steuern etc.), dass es der Community nicht gelingen kann, sie aufzuarbeiten. Allerhöchstens einzelnen Leuten aus ihr, an die sich der Journalist dann nach zwei, drei Versuchen mit der ganzen Community direkt wendet. Auf Wikipedia haben die Autoren auch ihre Spezialgebiete.

    3) Der Dialog im Netz bildet noch immer nicht alle Fachbereiche ab. Welcher Twitter-Nutzer kann mir etwas zur Missionsgeschichte der messianischen Juden in Deutschland erzählen? Welcher Blogger hat die Details der Entwicklungspolitik von Deutschland in Nordafrika drauf?(Beides Beispiele aus meiner jüngsten Recherche-Erfahrung). Rufe ins Netz können da unbeantwortet verschallen, anders als bei Anrufen.

    Die Community ist ein Baustein beim Fact-Checking, aber nicht DER Baustein. Sie eignet sich gut zur vergleichsweise einfachen horizontalen Überprüfung von Fakten (Wurde in dieser Doktorabeit plagiert? Hat mein Abgeordneter Spesen falsch abgerechnet?), aber nicht zur spezialisierten, Schritt für Schritt tiefer gehenden Recherche.

  3. @ Rico: Ich bin auch nicht der Meinung, dass DIE Community alles ersetzen kann. Sie kann aber ein wichtiger Bestandteil sein und ist es bereits. Ich kann mir dennoch ganz individuell Fachgemeinschaften vorstellen, die sehr wichtig werden – die Arbeit von Thomas Wiegold ist da ein gutes Beispiel, seine Blogkommentare ist voll mit Nischenwissern.

    @ Schall und Wahn: Vielleicht ist das Konzept des Think Tanks nicht ideal gewählt, weil er etwas Verborgenes signalisiert. Letztlich ist es wie mit dem Fact-Checking-Herangehensweise heute: Dort wird auch transparent gemacht, wie man zu einem Ergebnis gekommen ist. Beim Beispiel von der Leyens würde das bedeuten, dass man die eigenen Rechnungen vorlegt und in den öffentlichen Raum zur Überprüfung gibt. Die „Expertokratie“ macht ja dies nicht, sie geht per se davon aus, dass bestimmte Personen sich mit einem Thema auskennen und deshalb qualifiziert für eine Einschätzung sind.

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