PS: Leistungsschutzrecht

Was bleibt und wird.

Leistungsschutzrecht Debatte

Foto: _boris (Flickr, CC BY-NC-SA 2.0)

Ein Geständnis: Für mich ist das Leistungsschutzrecht mit einer positiven Erinnerung verbunden. Als vor fast genau einem Jahr bekannt wurde, dass es tatsächlich noch in dieser Legislaturperiode einen Gesetzentwurf geben wird, saß ich gerade in einer Bar am anderen Ende der Welt. Hätte der Laden kein W-Lan gehabt, hätte ich nichts mitbekommen und wahrscheinlich nicht diesen wütenden Tweet abgesetzt. Der Moment hat sich mit eingeprägt, doch statt der Wut erinnere ich mich inzwischen an den Blick auf die abendlichen Straßen von Siem Reap, an den Sound von Stimmengewirr und knatternden Motorrädern, an den Geruch von köstlichem Essen und Benzin.

Heute würde ich meinen Tweet von damals etwas milder formulieren, auch wenn sich an meiner Ablehnung nichts geändert hat. Das Gesetz ist peinlich und überflüssig, aber selbst die heftigsten Befürworter auf Seiten der Verleger glauben nicht, dass es die Branchenprobleme löst. Mal ganz abgesehen davon, dass es ursprünglich keine Idee einer Branche, sondern von ein bis zwei Großverlagen war.

Deswegen ist es umso ärgerlicher, dass hinter dem Leistungsschutzrecht verschwindet, dass sich gerade in den vergangenen zwölf Monaten der endgültige Shift von Legacy-Geschäft zur Digitalzukunft vollzogen hat. Dass es inzwischen nicht mehr viele Journalisten gibt, die sich hinter den Verlagsmauern verschanzen und sich der öffentlichen Kommunikation verweigern; dass trotz (oder wegen?) allem Pessimismus die Zahl der Veränderungswilligen so groß wie nie ist.

Die Verabschiedung des Gesetzes enthält jenseits großer Rechtsunsicherheit zwei Tragödien, die in die Zukunft weisen. Über die politische, die mit der Wahrnehmung von Lobbyarbeit und Politikbetrieb zusammenhängt, wurde bereits viel geschrieben. Die Medientragödie besteht darin, dass die Verlagsbranche gerade soziales Stammkapital verspielt hat. Dabei rede ich nicht von der Handvoll meinungsmachenden Medienhasser, für die das Verlagswesen per se ein reaktionäres Feindbild ist. Die sind Teil ihrer ganz eigenen Tragödie. Mir geht es um den wachsenden Teil der netzpolitisch- wie weltgeschehenaffinen Deutschen, den Medienmarken für den digitalen Weg in die Zukunft brauchen. Sei es als Akteur, Leser, Ratgeber, Mithelfer, Geldgeber, Multiplikator – was auch immer. Dort glaubwürdig zu sein, ist essentiell für die weitere Entwicklung der Branche.

Ich bin dennoch, unabhängig vom weiteren Weg des Gesetzes, für den Journalismus “post Leistungsschutzrecht“ optimistisch. Weil ein Großteil der Menschen differenzieren kann zwischen dem, was “ein Verlag“, was “eine Marke“, was “eine Redaktion“, was “ein Autor“ ist. Weil es irrational wäre, den Journalismus für dieses Gesetz in Sippenhaft zu nehmen. Weil es genügend Journalisten gibt, die sich weiterhin den Hintern aufreißen, um ihre gesellschaftliche Rolle zu erfüllen und dabei den höchsten Qualitätsstandards zu genügen. Weil viele von uns gerade schuften wie einst die Heizer im Bauch eines Schiffes, um den Wettlauf mit der Zeit zu gewinnen, das Metier zukunftsfähig zu machen.

Ich bin auch deshalb optimistisch, weil ich an eine Medienlandschaft glaube, in der neben den großen Dampfern auch kleine Boote Platz und genügend Benzin haben. Wer sich also eine andere Medienwelt wünscht, sollte sich nicht nur über die bestehende beklagen, sondern Geld in die Hand nehmen, um den Journalismus zu unterstützen, den er sich wünscht.

Sehr lesenswert zum LSR im größeren Kontext: Kai Biermann und Karsten Wenzlaff

3 Gedanken zu „<span class='p-name'>PS: Leistungsschutzrecht</span>“

  1. Sehr schöne Gedanken, nur bei einem werde ich nicht schlau: „Weil ein Großteil der Menschen differenzieren kann zwischen dem, was “ein Verlag“, was “eine Marke“, was “eine Redaktion“, was “ein Autor“ ist.“

    Ich glaube eben, dass es sehr schwer zu definieren ist, was ein Verlag im Internet ist. Bin ich nur schützenswert, wenn ich nebenbei in der analogen Welt noch Druckerzeugnisse vertreibe?

    Ander gefragt: Was macht einen Verlag im Internet zu einem Verlag und nicht zu einem Publisher wie zum Beispiel einen Blogger oder ein Blogger-Konglomerat oder so? Die Marke? Was?

    ich galube also nicht, dass es so leicht ist zu erkennen, was ein Verlag ist.

  2. Pingback: Das Leistungschutzrecht ist da | anmut und demut

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