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Worüber ich meine Meinung geändert habe

 

Foto: Zane Selvans (CC BY-NC-SA 2.0)

Jahresrückblicke und ich – schwierige Sache, das. Nicht nur wegen Jauch und Co, sondern auch hier. Sonst blogge ich ja immer meine Jahresliste oder Gedankensnippets, aber in diesem Jahr bin ich ohnehin wenig zum Schreiben gekommen und ziemlich viele für die Öffentlichkeit bestimmte Gedanken habe ich via Twitter in die Welt geschickt.  Und überhaupt: Hinterher sind wir immer schlauer.

Insofern ist es konsequent, was Radiomoderator Brian Lehrer bei WNYC gemacht hat. Der hat die Hörer seiner Call-In-Show nämlich schlicht gefragt: „Worüber haben Sie 2013 Ihre Meinung geändert?„. Das klingt banal, ist aber schwierig zu beantworten – und zudem so gar nicht besonders in Mode, denn gerade im Online-Diskurs geht es ja häufig um das „Recht haben“ respektive „Recht behalten“.

Worüber habe ich also im Jahr 2013 meine Meinung geändert? Ich musste ehrlich gesagt etwas länger nachdenken.

  • Bayern: Ich bin im Freistaat aufgewachsen und erinnere mich noch gut an meine Kindheit auf dem Land. Eine derartige Bigotterie wie die der – inzwischen weitgehend verstorbenen – Kriegsgeneration möchte ich niemandem wünschen, der Glauben an die Zivilisation in sich trägt. Und eigentlich dachte ich, dass dieses obrigkeitshörige, unterhinterfragend konservative Bayern zumindest zum Teil der Vergangenheit angehört, genau wie die Wucherungen des Filz. Aber von Mollath über die Modellauto-Affäre bis zur Stimmverteilung bei der Landtagswahl: „Bayern halt“ lasse ich wieder als gültiges Erklärungsmuster für Leben und Wirken im Freistaat zu.
  • Vorhersagbarkeit politischer Entwicklungen: Eigentlich dachte ich immer, mit genügend Wissen und Kenntnis über Akteure, deren Macht und Motiv ließen sich die meisten politischen Langzeit-Entwicklungen mehr oder minder absehen. Der Backlash in Ägypten, der Bürgerkrieg in Syrien, Thailand (und das sind nur die Konflikte, die mir einfallen) haben aber gezeigt: Es ist in einigen Fällen zwecklos. Genau wie die westliche Einteilung von „die Guten“ und „die Bösen“ oder die Anwendung moralischer Maßstäbe auf einige komplexe Konflikte. Wenn wie in Kairo Säkulare gegen Islamisten putschen und diese verfolgen, dann passt das nicht in die bestehende Bewertungslogik. Und auch auf die Frage „Muss die Welt in Syrien eingreifen und wenn ja, wie?“ gibt es keine befriedigende Antwort, was aber nichts daran ändert, dass diese Entscheidung getroffen werden muss. Und all das wird noch komplexer.
  • Pressefreiheit im Westen: Es war weniger eine Meinung, als eine Hoffnung. Dass es einen Kern der Pressefreiheit gibt, der in den westlichen Demokratien geschützt bleibt. Aus Tradition, aus dem Wissen, dass sie unabdingbar für das Gemeinwesen ist. Aber von den Aktionen des US-Justizministeriums gegen AP über die UK-Regierungsäußerungen zum Guardian bis hin zu einigen Vorfällen in Deutschland: Die Zivilgesellschaft wird sich strecken müssen, um die Freiheit zu verteidigen, Akte des Journalismus (egal ob von Profis oder „Amateuren“) künftig ohne Angst vollbringen zu können.
  • Sascha Lobo. Der ist mir sofort eingefallen. Ich habe ihn lange eher für einen geschwätzigen Zeitgenossen gehalten, aber er hat in diesem Jahr einige der besten und schlauesten deutschsprachigen Kolumnen geschrieben. Die Zukunft des Journalismus findet sprachlich auch in seinen Beiträgen statt.
  • Die Bundesliga: Ich bin ein Kind der Bundesliga, mich hat sie schon immer mehr als Champions League interessiert. Und doch: Ich langweile mich, weil klar ist, wer in den kommenden Jahren Meister wird. Hätte ich nie gedacht, dass das einmal passieren wird. Von wegen „beste Bundesliga aller Zeiten“.

Natürlich kommen dazu noch viele private Punkte und einiges, was mir nicht einfällt oder ich vergessen habe; zudem bin ich in einigen Fragen optimistischer als vor einem Jahr (Euro-Krise, Medien nach dem Medienwandel). Insgesamt aber ist das überraschend wenig. Eigentlich ein guter Vorsatz, dass auf dieser Liste heute in einem Jahr mehr steht. Damit einhergehend sei Hemingway mit einem Wunsch zitiert, den ich mir generell für den Diskurs im Netz und anderswo wünsche:

„When people talk, listen completely. Don’t be thinking what you’re going to say. Most people never listen.”

Worüber habt Ihr Eure Meinung geändert? Ich freue mich auf Kommentare!

Update: „Dass Aluhüte Spinner sind“, schreibt der geschätzte Egghat zu seiner Meinungsänderung. Gut formuliert. Ich hatte über die NSA-Affäre nachgedacht und war zu dem Schluss gekommen, dass mich zwar das Ausmaß, nicht aber die Tatsache der Überwachung überrascht hatte. Aber der Hinweis darauf, dass einige Verschwörungstheorien nun alleine durch das Ausmaß der Snowden-Enthüllungen etwas plausibler erscheinen, ist ziemlich gut.

8 Gedanken zu „Worüber ich meine Meinung geändert habe“

  1. Ja, ich muss ich da Herrn Egghat anschließen. Als Techie hatte ich ja schon lange mit den Leuten zu tun, die schon immer Linux genutzt haben, nie auf die Idee kämen etwas anderes zu nutzen, ihre Emails verschlüsseln und die keine 16 Pferde je dazu bringen einen Google-Account anzulegen. Heute muss ich sagen: Die hatten bei weitem mehr Recht als wir es hatten. Ja, schlimmer noch, unsere Naivität hat die Krise – die zu erkennen wir Edward Snowden verdanken – erst ermöglicht, oder mindestens doch signifikant verschärft.

  2. Ach und, ich schrob es ja drüben bei mir schon, Josef Kardinal Ratzinger. So sehr ich die Katholische Kirche, wofür sie steht und wofür er steht auch verdamme. Sein Rücktritt ist für mich eigentlich gleich neben Edward Snowdens Auftritt die größte persönliche Leistung dieses Jahr. Das hätte ich ihm wirklich nicht zugetraut und nötigt mir größten Respekt ab. Echt jetzt. Als Papst zurücktreten. Unfassbar.

  3. @Dirk: Hat mich eigentlich nicht überrascht, liberal ist eben im Rahmen des Amtes bei der Sicherheitspolitik auch konservativ. Klingt natürlich nach „eh klar“, soll es aber nicht. Die Desillusionierung hat bei mir nur schon etwas früher stattgefunden.

    @Ben: Aus dieser Warte betrachtet: ja. Ziemlich verblüffend, ein Papst tritt zurück. Aber an Konsequenz hat es Ratzinger nie gemangelt, nur an Weltverbundenheit und zum Teil an Einfühlung. Vielleicht würde ich Franziskus auf die Liste nehmen, aber ich warte erst einmal ab, wie weit sich Befreiungstheologie, Jesuitentum und strenge Hierarchien verbinden lassen.

  4. Ja, was Franziskus angeht verstehe ich auch das Time Magazin gar nicht. Klar, er macht einen netteren Eindruck. Klar, er hat viel versprochen. Aber bis jetzt hat er nichts gemacht, was ich (wenn ich Katholik wäre) vom Papst nicht erwarten würde. Und vor allem hat er ja noch fast nichts wirklich verändert oder gar verbessert. Das scheint mir ähnlich absurd, wie Obamas Friedensnobelpreis: Sehr viele Vorschusslorbeeren für einen Mann, der eines der verheerendsten Ämter der Menschheitsgeschichte inne hat und noch beweisen muss, das auch verantwortungsvoll auszufüllen.

  5. Sehr inspirierend, Johannes! Ich hoffe nur, Du hast über Deinen Lieblingsclub nicht die Meinung geändert… Und zur Bundesliga: Wird schon! Wie oft wurde den Bayern langjährige totale Dominanz vorausgesagt? Und dann hat sich doch immer wieder einer dazwischen gedrängelt. Irgendwann sind wir dran!

  6. @Markus: Nie würde ich die Meinung über Königsblau ändern! Und ja, 2017 sind wir dran (so meine Berechnung). Oder später. Ich versuche, meine Lebenszeit mit gesunder Ernährung zu verlängern.

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