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Die beste aller Zeiten

Klammern wir die Privatsphäre aus, liegt für den politischen Menschen die beste Zeit stets in der Vergangenheit. Zumindest, wenn wir von beste mit „friedvoll und ruhig“ gleichsetzen.

In meiner eigenen Erinnerungen wirken die Neunziger in der Rückschau fast wie ein Paradies, auf Normalmaß zurückschrumpfende Imperien und eine Welt, in der das Ende der Geschichte wirklich möglich schien. Doch natürlich gab es damals die Balkan-Kriege, und obwohl mein politisches Bewusstsein in diesem Jahrzehnt erst am Erwachen war, erinnere ich mich deutlich an die Krassheit eines Krieges in Europa.

Von den Konflikten in der Ukraine und dem Zerfall des Nahen Osten aus betrachtet wirken sogar die Nullerjahre erträglich. Der Irak-Krieg und dessen Folgen waren ja damals in Deutschland vor allem eine staatspolitisch-moralische Debatte (im Irak selbst und in den USA freilich war dies ganz anders, und natürlich sind mir die großen afrikanischen Kriege bewusst).

Aber natürlich ist heute so gesehen immer noch eine gute Zeit für die Bundesrepublik. In diesem Ukraine-Stück des Guardian ist von Barkeepern die Rede, die inzwischen an der Front kämpfen müssen. Das erlaubt einen Blick darauf, we ein Krieg eine Gesellschaft auseinander sprengt. Die (gerechtfertigte) Wertschätzung für die eigenen Soldaten, aber auch die Kaputtheit vieler Veteranen hier in den USA zeigt, wie es in einem Land aussieht, das eigenlich ständig mit Krieg lebt, obwohl hier selbst schon lange Frieden herrscht.

Es ist ein echtes Wunder, dass die Deutschen unter 70 keine dieser Erfahrungen am eigenen Leib machen mussten.

4 Gedanken zu „Die beste aller Zeiten“

  1. Der letzte Satz ist leider nicht wahr, und dass Du ihn so aufschreibst ist schon eine der bemerkenswertesten Entwicklungen der letzten 20 Jahre: Deutsche Soldaten kämpfen, sterben und werden verstümmelt, seit dem ersten Krieg gegen Serbien. Ich hab damals noch studiert und einer der Jungs, die in der Kneipe arbeiteten, in der ich gekelnert habe, ging für ein Jahr auf den Balkan. Als er wiederkam hat er ein paar Wochen bei uns in der WG gewohnt, auf dem Sofa geschlafen oder gesessen. Selbst wenn der Fernseher lief, hat er nicht hingeschaut, sondern die meiste Zeit nur Zigaretten gedreht und geraucht. Das wenige was er überhaupt erzählt hat von seinem Jahr auf dem Balkan war gruselig genug, als dass ich heute gar nicht erst hochrechnen möchte, wie es den Soldaten geht, die wir in all die anderen Kriegsgebiete schicken.

    Und just vor ein paar Wochen hat Josh bei mir kommentiert (überigens zum Artikel über die Glaubwürdigkeit der Press ), der als Soldat auch auf dem Balkan und in Somalia war und was er in Andeutungen beschreibt, zeichnet ebenfalls ein Bild tiefer emotionaler und intellektueller Einschnitte.

    Deutschland führt Kriege seit fast 20 Jahren. Kontinuierlich. Mit allem was dazugehört. Einzige Ausnahme: Kampfhandlungen auf Deutschem Boden und spürbare Beeinträchtigung der deutschen Wirtschaft. Beides sind die Rahmenbedignungen und der denen auch die USA spätestens seit dem „War on Terror“ kontinuierlich Kriege führen und Kriegshandlungen begehen. Und das fast immer ohne UN-Mandat. Das dies bei jeder Regierungswahl sowohl in den USA als auch in Deutschland wieder und wieder von den Wählern, dem Souverän des Landes als Vorgehen legitimiert wird, ist eine der größten „Errungenschaften“ des konservativen Staatdoktrinen der letzten 30, 40 Jahre.

    Oder in kurz: Genug Deutsche erfahren das am eigenen Leib. Aber die Mächtigen haben es hinbekommen, das praktisch vollständig zu marginalisieren.

  2. @Ben: Es gibt einen Unterschied zwischen Generalmobilmachung, der militärischen Allgegenwärtigkeit in einer Gesellschaft und deutschen Berufssoldaten im Auslandseinsatz. (zu den US-Zahlen, siehe z.B: http://www.npr.org/2011/07/03/137536111/by-the-numbers-todays-military) Mir ging es um diese beiden Phänomene, die wir in Deutschland schlicht nicht kennen. Vielleicht kommt das nicht klar raus.

    Zu den Bundeswehreinsätzen und der Marginalisierung: Es wäre schon einmal ein Anfang, wenn wir den deutschen Soldaten Respekt entgegenbringen würden, ob wir mit der Außenpolitik der Regierung übereinstimmen oder nicht. Wenn Du in den USA aus einem Auslandseinsatz zurückkommst, bist Du ein Held. Wenn Du in Deutschland zurückkommst, wirst Du im besten Fall bemitleidet, im schlimmsten blöd angeguckt. Vielleicht gibt es Mittelweg, Respekt würde nämlich auch den Soldaten dabei helfen, damit etwas besser klarzukommen. Sein Leben für eine Gesellschaft einzusetzen, der das zum großen Teil scheissegal ist, macht den Job sicher nicht besonders erfüllend.

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