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American Football vs. Fußball

Vergangenen Sonntag war ich das erste Mal bei einem NFL-Spiel. Die Oakland Raiders, derzeit so etwas wie der TSV 1860 München der Liga, gegen die San Diego Chargers. Natürlich haben die Raiders verloren, aber immerhin knapp dieses Mal. Warum Oakland? Weil die San Francisco 49ers so etwas wie Bayern München sind und die Eintrittspreise im neuen Stadion unerschwinglich sind. Ich mag Underdogs.

Ich bin schon seit Kindesbeinen Football-Fan und habe früher die Spiele immer Sonntagabend im Allied-Forces-Radio auf UKW verfolgt. Aber nicht nur deshalb war das Spiel etwas Besonderes. Ein paar kurze Eindrücke

  • Don’t bring your guns: Man ist ja als Auswärtsfan in der Bundesliga viel gewohnt, aber Oakland war ungefähr auf dem Niveau von Energie Cottbus (okay, es gab mehr als eine Toilette). Es herrscht ein Verbot für Taschen fast aller Größen, man darf nur eine kleine Tüte mitnehmen. Bei der Taschenabgabe muss man ganz genau aufpassen, denn gestapelt wird alles ohne System, was wiederum beim Abholen zu freundlichen Ratespielen führt. Warum der Terz? Die Veranstalter wollen Geld am Catering verdienen, aber es gibt in Kalifornien auch eine Menge Schusswaffen, die besser nicht ins Stadion sollten. So ist es ganz logisch, dass man auch noch durch einen Metalldetektor am Eingang muss.
  • Bier für 12 Dollar: Tickets gibt es nicht unter 50 Dollar und wer sich betrinken möchte, sollte gerade mit seinem Startup einen Exit hingelegt haben. 12 Dollar kostet ein Bier (ca. 0,4 Liter). Vielleicht zahlt man auch für die Ausgiebigkeit des Service, gemächlicher als in amerikanischen Stadien geht es in keinem Bierausschank der Welt zu. Dass trotzdem sehr viele Besoffene rumlaufen, liegt daran, dass den ganzen Morgen auf dem Parkplatz gebechert und gegrillt wird. Selbst im Damenklo wurde gekotzt, wie mir berichtet wurde.
  • Wilde Meute: Anders als in der Bundesliga existiert keine Fangesangs-Kultur, außer ein langezogenes Raiiiiders oder den obligatorischen „Defense!“-Rufen. Auswärtsfans gibt’s aufgrund der Distanzen auch wenige, selbst bei einem kalifornischen Derby wie am Sonntag liegen fast 800 Kilometer zwischen den Städten. Anders als beim Baseball und meistens beim Basketball ist es trotzdem sehr laut: Die Menschen brüllen einfach, gerade bei gegnerischen Spielzügen (um die Ansagen es Quarterbacks zu übertönen). Das erinnert dann wirklich an das Gladiatoren-Klischee, das mancher Deutsche vom American Football hat, inklusive des Publikums. Die Bierbauch- und Dauerwellenquote ist übrigens ungefähr so hoch wie in den Achtzigern auf Schalke. Speisen wie Nachos mit Käsesoße sorgen dafür, dass das durchschnittliche Fan-Kampfgewicht nicht zu sinken droht.
  • Tanzkultur: Okay, die Zuschauer singen doch. Und sie tanzen. Weil so viele Pausen zwischen den Spielzügen sind, werden immer brechend laut diverse Mitgröhl-Hits eingespielt, manchmal darf das Publikum sogar abstimmen. Sport ist hier viel stärker Unterhaltung als in Deutschland, weshalb der Party-Faktor eine wichtige Rolle spielt.
  • Sie reden miteinander! Ähnlich wie der Fußball in Deutschland die unterschiedlichsten Milieus zusammenbringt, reden beim Football plötzlich Schwarz und Weiß und Braun miteinander, als gäbe es die ganzen Probleme im täglichen Umgang miteinander nicht. Wer die getrennten Sphären im Alltag (selbst in Kalifornien) erlebt, freut sich über diese Normalität, die leider an den anderen Tagen der Woche keine ist.
  • Fan-Sein: Baseball und Football sind Volkssportarten, aber die extreme Hingabe, die man von deutschen Vereinen kennt, fehlt meines Eindrucks nach beim Großteil der Fans. Das System funktioniert natürlich auch anders: Die Raiders waren beispielsweise lange in Los Angeles angesiedelt, bevor der Eigentümer sie nach Oakland umzog. Unvorstellbar in Deutschland. Ebenfalls inexistent ist der Existenzkampf: Die Raiders haben eine Bilanz von null Siegen und fünf Niederlagen, aber aus der NFL kann wie aus den anderen Großsport-Ligen niemand absteigen – die Saison ist also praktisch gelaufen. So kannst Du Dich darüber aufregen, dass die Mannschaft keine guten Wide Receiver hat, aber das war es schon, der Rest ist Achselzucken.

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