Moderne (a.k.a das Ende der Konsenskultur)

Ob jetzt die Gida-Bewegungen bleiben oder schrumpfen: Deutschland ist am Ende der Konsenskultur angekommen, die sich in den vergangenen Jahren entwickelt hat.

Was wir angesichts der schleichenden Entpolitisierung seit 1990 übersehen, ist die Tradition des Kulturkampfes (nein, nicht Bismarck) in der Bundesrepublik aus den Jahrzehnten zuvor. Studentenproteste, Nato-Doppelbeschluss, Ökologie, Wackersdorf: Nicht immer lebten wir in einer Kümmer-Republik, wovon auch Ausläufer wie die (parteipolitisch durch die Linke aufgefangene) Anti-Hartz-IV-Bewegung oder (ein bisschen) Stuttgart 21 zeigen.

Kulturkampf ist nicht einfach, meistens verlernen seine Teilnehmer in ihm zeitweilig, die Existenz dessen zu akzeptieren, was anders ist. Aber so diskutiert eine Gesellschaft nunmal einige Grundsatzfragen und schafft sich ihre Identität.

Wir wissen nicht, wie der Kulturkampf der Zukunft aussieht. Ob er aus dem Ressentiment der Gida-Fremdenangst entsteht oder aus der gefühlten Teilhabelosigkeit an entscheidenden Prozessen der Moderne, die nicht nur heimatlose Rechtskonservative (die gerade den Gidas den Rücken kehren) empfinden, sondern auch viele andere Milieus. Ganz sicher aber ist: Die Zeit des Konsens ist vorbei, und wir erleben unausweichliche Phänomene wie Truthiness, das Ende der gemeinsamen Realitätsraums und die extreme Aufspaltung in Mikro-Milieus.

Das Gefährliche am Merkelismus im Kontext einer Großen Koalition war immer, dass seine Form des Hyperkonsens die komplette Entpolitisierung der gesellschaftlichen Mitte bewirkt. Fairerweise muss man sagen, dass diese Form der Politik auch eine Reaktion auf eine rapide alternde Gesellschaft ist.

Wenn wir also nun aus den vergangenen Monaten lernen, dass Demokratie niemals in seiner Endform im GroKo-Sinn existiert und diese Erkenntnis einen Teil der Vernünftigen politisch reaktiviert, ist der nächste Schritt nur logisch: Wir sollten mehr streiten über die Moderne und wie wir sie leben wollen. Was dafür nötig ist, ist echte Pluralität (die ich auch in manchen politisierten liberalen urbanen Milieus inzwischen vermisse) und der Glaube daran, dass zwischen “alternativlos“ und “sinnlos“ ein Weg in die Zukunft liegt, den wir als Gesellschaft selber bestimmen wollen.

P.S: Ich habe vor kurzem ein Interview mit dem Universalhistoriker Yuval Harari geführt. Er mag die Zukunft als Extremszenario beschreiben, aber nicht einmal realistische Entwicklungen wie die nächste Automatisierungswelle werden in Deutschland thematisiert. Genau darüber sollten wir reden, statt vor jeder Wahl Vollbeschäftigung zu versprechen.

7 Gedanken zu „Moderne (a.k.a das Ende der Konsenskultur)“

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  2. [..] unausweichliche Phänomene wie Truthiness,
    [..] das Ende der gemeinsamen Realitätsraums und
    [..] die extreme Aufspaltung in Mikro-Milieus

    die zentrale frage ist ja: „welcher konsens?“

    was ist, wenn dieser „konsenz“ die von den väter und müttern des grundgesetzes verordnete „humanität“ ist, die einer konsequenteren neoliberalisierung, also mehr auf die produktion als auf das „leben als solches“ fixierten gesellschaft ist, ich denke an der stelle eher darüber nach, was das ende des konsenses mal für die behinderten, alten oder allgemein „schwächeren“ bedeutet.

    das ende des konsense beinhaltet ja auch das ende verbindlicher „wahrheiten“. wahrheit ist heute das, was jeder dafür halten mag. das ist ua. das ergebnis dessen, was fefe (keine ahnung, wo er es geklaut hat, ich hab’s jedenfalls bei ihm entliehen) die „echokammern gleichgesinnter“ nennt, orte, an denen einfache wahrheiten in einem hermetischen raum durch affirmation zu allumspannenden wahrheiten aufgebläht werden. das manifeste ergebnis dieses prozesses ist breivik und damit der grund, weshalb ich mir den „quixiot“ zu gelegt habe.

    [..] die Existenz dessen zu akzeptieren, was anders ist.

    ich habe andernorts ja erzählt, wie mein leben seit einemhalben jahr aussieht: ich sitze mit einer chinesin nächtelang da, wir reden über alles und versuchen, den anderen in seinem anders sein zu verstehen. das ist normalerweise ein schwerer prozess, weil ja jeder zunächst dazu tendiert, das eigene auf den anderen zu projezieren und den unterschied sozusagen zu übersehen. bei uns trifft es sich gut, daß wir beide buddhistisch und vor allem dàoistisch angehaucht sind, sprich: wir tendieren zu einem zustand der harmonie und vermeiden es, dinge als „so und so“ festzulegen, sie eher als „im fluss“ zu betrachten und uns die zeit zu nehmen, sie eins zwei wochen später nochmal im licht des „verstandenen“ noch mal neu zu verstehen.

    das dào, um ein wenig abzuschweifen, stellt sich eine gesellschaft von sich aus verantwortungsvoll handelnder personen im kant’schen sinne vor, die weniger regeln als einsicht erwartet. der kaiser in diesem sinne regiert nicht. er ist nur eine instanz, die verbindet, den konsens gewährleistet, um den schlenker zum thema zurück zu machen.

    der merkelismus ist kein konsens. er ist „kitsch“. er tut nur so, um den widerstand zu meiden, die klar definierten interessen aber trotzdem durchzusetzen. wenn der widerspruch zum alternativlosen ans licht tritt, ist der schaden längst angerichtet, siehe griechenlandkrise. im nachhinein ist kritik an dem moment, an dem der mist begonnen wurde, keine frage, über die noch lange diskutiert werden kann und das angeblich alternativlose längst teil der dna. ich habe merkel damals „mama feelgood“ genannt, die einen ponyhof regiert, ihr vorgeworfen, daß ein einziger energischer satz _damals_ jeder krise sofort den saft abgedreht hätte. statt dessen hat die springerpresse den nationalistischen joker und die neiddebatte gezogen … und da stehen wir nun halt und regen uns darüber auf, daß „der gierige grieche“ nicht mal das hemd in die hose stopfen kann.

    nur, auch hier die frage wie andern orts: wo verdammt nochmal ist „die jugend“, die dem einhalt gebietet. oder schlimmer noch, fühlt sie sich so überfordert, daß sie die alternativlosigkeit eher goutiert als den zweifel und den widespruch?

    ergebnis ist jedenfalls, da hast du recht, das ende des konsenses. nur daß er eben nicht dem gespräch einer auf harmonie abzielenden, dem kantschen aka. kategorichen imperativ verpflichteten gesellschaft gewichen ist, sondern einem kakophonischem gezetert derer, die nun aus ihren echokammern herauskrabbeln und in deren „hab ich doch schon immer gesagt: ich habe recht!“ letztlich impliziert, daß „der andere“ oder „das andere“ letztlich „weg muss“.

    ich befürchte, die freude über das ende des konsenses ist verfrüht, so sehr ich ihm selbst immer als dem ergebnis einer nie recht vollzogenen entnazifizierung mißtraut habe. mit ihm ist das „verbindliche“ verschwunden – und das werden wir (räusper, ihr, ich bin zu alt und nippele hoffentlich vorher ab) noch mal furchtbar bedauern.

    falls wir angesichts der aktuellen lage, das jahr als solches überleben werden, aber das ist eine andere baustelle …

    grüße aus der garage

  3. und, sorry, kleiner nachtrag: „truthiness“.

    ich verstehe darunter zb. die attitüde eines niggemeier, der mir jedenfalls unterdessen wie eine moderne variante von robespierre erscheint. die „tugendhaftigkeit“ unterschlägt die wichtigste einsicht in das wesen des menschen, der ist nämlich faul und korrupt – was ich nicht böse oder verächtlich meine, es ist einfach die akzeptanz des „ist zustandes“.

    „truthiness“ wäre nur gut, wenn der mensch denn wirklich „edel und gut“ wäre und – vor allem, es denn so etwas wie die eine für alle verbindliche „wahrheit“ gäbe. es gibt aber nur „wahrheiten“.

    ein monopol auf DIE wahrheit ist per se eine diktatur.

  4. @Hardy: Truthiness und Niggemeier, ich weiß nicht, ob das passt. Mir geht es eher um „gefühlte Wahrheiten“ – vergleiche in den USA die Klimawandel-Debatte oder die über den Kreationismus, wo wissenschaftliche Argumente überhaupt keine Rolle mehr spielen. Truthiness ist keine gute Sache für eine Gesellschaft, im Gegenteil, aber es war erwartbar, dass wir in irgendeiner Form damit zu tun bekommen. Was den Konsens betrifft: Wir werden sehen. Vielleicht liege ich auch falsch und Deutschland altert weiter vor sich hin, ohne Streitkultur und nur mit ab und zu aufflackernden Phänomenen der Unzufriedenheit.

  5. [..] Deutschland altert weiter vor sich hin

    wie du ja andernorts von mir liest, denke ich, dass das zu einem großen teil an einer sehr angepassten jugend voller ängstlichkeit liegt, die jetzt eigentlich das land wirklich mal von seiner nazivergangenheit befreien müsste. ich begreife das land aus der perspektive zweier bücher: „flakhelfer“ von malte herwig

    http://www.amazon.de/Die-Flakhelfer-Parteimitgliedern-Deutschlands-Demokraten/dp/3421045569

    und „die geprügelte generation“ von frau müller münch

    http://gepruegelte-generation.de/

    oder der von mir thematisierten „gedankenautobahn“ auf der wir immer noch fahren ohne zu bemerken, wer sie gebaut hat …

    [..] truthiness

    ah, verstehe, du meinst die „truther“ bewegung und weniger den robespierre’schen anspruch darauf, es gäbe nur die eine wahrheit und deren besitzer sei der jeweilige blogger 😉

    beides ist nicht gut. nicht nur, weil es die eine eben nicht gibt. was noch schlimmer wird, wenn jemand für sich in anspruch nimmt, sie zu besitzen … in „wirklichkeit“ aber nur von der skandalisierung banalster ereignisse lebt.

  6. Pingback: Misstrauen (Edition 2016) – kopfzeiler.org

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