Ungleichheit und die Legitimation von VC-Tech

Sand Castle at the Beach

Paul Graham, millionenschwerer VC und Gründer von YCombinator, hat ein Essay über Ungleichheit geschrieben, das in und um die Tech-Blase größere Aufmerksamkeit erhält. Die Kernthese: Wer etwas gegen Einkommensungleichheit tut, könnte damit Startups zerstören (weil Gründer Startups gründen, um reich zu werden). Also besser Ungleichheit zulassen und die Ursachen von Armut bekämpfen.

Ich kann die Lektüre empfehlen, alleine um einen Eindruck des Weltbildes zu bekommen, das einige einflussreiche Tech-VCs im Silicon Valley ihrer Gefolgschaft vermitteln. In Deutschland wären die Thesen wohl indiskutabel, was ich insofern schade finde, als man über fast alles diskutieren kann.

Es gibt bereits einige gute Antworten, (hier, hier, hier), auch aus der Branche. Ein paar Ergänzungen von mir, gespeist aus meiner Erfahrung in der Bay Area.

Grahams Gedanken sind der Produkt zweier unverrückbarer Pfeiler in der (ideologisierten Form der) Weltanschauung des kalifornischen Tech: (1) Startups sind der beste Weg, Wohlstand zu schaffen und (2) Startups ermöglichen die gerechteste Form des sozialen Aufstiegs, weil das Silicon Valley eine Meritokratie ist. Aus (1) folgt, dass Startups keine Steine in den Weg gelegt werden dürfen (z.B. durch Besteuerung hoher Erträge, im Graham-Jargon „Angriff auf den Wohlstand“), aus (2) leitet der Autor unbewusst davon ab, dass „arbeite hart und Du schaffst es“ ein allgemein gültiges Konzept und die Messlatte für Verteilungsgerechtigkeit ist.

Das alles entspricht jener konservativen/libertären Philosophie, die nur funktioniert, wenn weder unterschiedliche Rahmenbedingungen für sozialen Aufstieg thematisiert werden (wer kann es sich leisten, ohne soziales Netz Gründer zu werden? wer hat überhaupt Zugang zu Bildung? Wer zu Finanzierung?), noch die deutlichen Vorzüge, die inzwischen Kapital gegenüber Arbeitskraft genießt. Dazu kommt noch ein kräftiger „Startups-retten-die-Welt-und-Ihr-so“-Bias, der recht fern von der Realität angesiedelt ist. Und natürlich ist (1) genauso wenig wahr (vgl. Geldverbrennung, Schaffung von vgl. wenig Arbeitsplätzen/umstrittener Wertbeitrag für die Allgemeinheit) wie (2), denn gerade die VC-geförderte Tech-Kultur beruht auf Bekanntschaftsnetzwerken, Cliquen und „cultural fit“.

Ich habe vergangenes Jahr schon einmal über die Struktur von Kulturen hinter Tech und den Konflikt Developer vs. MBA geschrieben. Das Graham-Essay ist ein gutes Beispiel dafür, wie das Risikokapital sich als Leitsystem legitimiert. Die kalifornische Tech-Industrie, genauer gesagt ihr VC-gesteuerter Arm, muss den gewaltigen Reichtum begründen, der dort auf wenige verteilt wird. Drängende Probleme der Allgemeinheit zu lösen, können nicht viele aus der aktuellen Gründer-Generation behaupten. Aber Wohlstand braucht immer Legitimität, um sich gegen Neid abzusichern, egal wie gut oder schlecht die Argumente sind.

Startups werden deshalb zur Idealform von Karriere und Wertschöpfung erklärt, deren Existenz gesellschaftlich belohnt werden muss und durch angebliche Umverteilung bedroht ist. Als wären ausgerechnet die Amerikaner auf Gleichmacherei aus. Aber VCs wie Graham geben der Mission ihrer Schützlinge und Anhänger, das nächste Milliardenunternehmen zu starten und damit einfach nur reich zu werden, den weltanschaulichen Rahmen und eine Rückversicherung gegen Kritik oder Zweifel. Und weil Westküsten-Tech den Besitz von Reichtum gerne für den Besitz von Weisheit hält, wird er in der aktuellen Startup-Generation unter zahlreichen Jung-Goldgräbern reichlich Gehör finden.

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