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O. J. Simpson und ich


Natürlich kannte ich Frank Drebins Assistenten Nordberg. Ich wusste nicht, dass er in Wahrheit O. J. Simpson hieß und einst ein Football-Star war. Und dann flimmerten im Frühsommer 1994 diese Luftaufnahmen über den Bildschirm, der weiße Ford Bronco, unheimlich langsam verfolgt von einer Kolonne Polizeifahrzeugen. Jubelnde Menschen auf den Autobahnbrücken, unter denen Nordberg/Simpson durchfahren. Ich meine mich sogar an Bilder der deutschen Fußball-Nationalmannschaft zu erinnern, wie sie das auf dem Fernseher gucken (ein paar Tage später begann die WM in den USA).

Damals gab es kein Internet, zumindest nicht bei uns. Dafür aber seit kurzem Satellitenfernsehen, ich musste ja ran gucken. Einige Monate später begann der Prozess, ich war wie viele andere längst völlig gefangen: Kann dieser freundliche Mensch seine Ex-Frau Nicole Brown und ihren Freund Ron Goldman getötet haben? Sky News schaltete ab 18 Uhr häufiger live in den Gerichtssaal, es war ernst, wurde viel genuschelt, beraten, taktiert. Die Oberfläche war häufig langweilig, aber es ging um das Puzzle darunter, jedes Teil. Ich hielt im Deutschunterricht sogar ein Referat über eines dieser flugs produzierten Bücher zum Fall.

Natürlich kam im Prozess die häusliche Gewalt ans Licht, diese brutale Form ehelichen Doppellebens. Natürlich war auch der Rassenkontext war immer präsent. Ich wünschte mir, dass die Wahrheit ans Licht kommt, aber ich wünschte mir natürlich, dass in dieser Wahrheit O.J. unschuldig ist. Hatte nicht eine Zeugin davon berichtet, zwei Männer in der Nähe des Tatorts gesehen zu haben? Und der Handschuh, der hatte nicht gepasst. „If it doesn’t fit, you must aquit“, wiederholte Anwalt Johnny Cochran in seinem Plädoyer.

Der Moment des Freispruchs ließ mich am Ende leer zurück. Es waren einfach Zweifel überall und O.J. Simpson nicht mehr der nette Mensch hinter Nordberg. Damals ahnte niemand, dass er einmal das Buch „If I did it“ schreiben würde, de facto ein Geständnis, um sein leeres Konto aufzufüllen. Heute sitzt er wegen eines Raubüberfalls in einem Gefängnis in Nevada, und das noch für lange Zeit. Die Buchrechte für sein Machwerk liegen bei den Angehörigen der Opfer, die bereits in einem Zivilprozess gegen Simpson seine Schuld feststellen ließen und zumindest finanziell entschädigt wurden. Doch ist das Gerechtigkeit? Karma? Gerechtigkeit ist eine komplexe Angelegenheit, das habe ich damals gelernt. Und die Kinder des Paares Brown-Simpson, die heute weit weg von der Öffentlichkeit leben, hätten dazu auch etwas zu sagen.

Ich schreibe das alles, weil seit dieser Woche „The People vs. O.J. Simpson“ hier im TV läuft. Mit John Travolta als Anwalt. Die erste Folge war ziemlich gut und hat mich schon wieder gefesselt (und natürlich stellt die Serie den Täter, den Zirkus, das Drama, die Moral und nicht die Opfer in den Mittelpunkt). Die Quoten sind ausgezeichnet und alle erinnern sich: Wo sie damals waren, als O.J. Simpson im weißen Ford floh. Was sie dachten, als die Geschworenen ihr Urteil verkündeten. Und natürlich würde der Fall im Internet-Zeitalter ganz anders ablaufen, von der öffentlichen Rezeption bis zu digitalen Beweisen wie Funkzellenabfragen und der Auswertung der in Südkalifornien verbreiteten Nummernschild-Scanner, die O.J. wahrscheinlich eindeutig überführen würden.

Ein Gedanke zu „O. J. Simpson und ich“

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