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3400 Kilometer Florida

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Es war ruhig hier, eine Woche Florida ist der Grund. Nicht Urlaub, sondern Arbeit. Notizen zu 3400 Kilometern Autofahrt (und dem ganzen Rest).

Der Wahlkampf: Neben kleineren Sachen haben wir vor allem zwei große Stücke mitgebracht: Wir waren in unterschiedlichen Teilen des Staates, um die Wut der Republikaner besser zu verstehen. Und wir waren im Osten und Süden, um mit Latinos über die Wahl, aber auch über ihre Situation zu reden. Ich bin froh, dass Bea sehr viel besser spanisch als ich spricht. Wenn es eine verbindende Klammer gibt, dann vielleicht das Gefühl, dass es nicht mehr reicht, dass es immer schwerer wird, seinen Weg zu machen. Das ist auch in anderen Industrienationen so, aber nirgends ist die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs durch Fleiß so tief in der DNS eines Landes wie hier. Und natürlich diese Spaltung, nicht nur politisch, sondern auch wieder stärker entlang ethnischer Linien. Aber sehr viel mehr darüber in den beiden @SZ-Geschichten.

Planet Florida: Florida ist nochmal eine völlig andere Welt in diesem Land, das reich an seltsamen Orten ist. Die ersten beiden Tage bin ich hier immer sehr euphorisch, weil gerade im Norden ein ganz eigenes Völkchen lebt, das nicht viel von Stilvorgaben oder dem Aufrechterhalten des Scheins hält, wie ihn viele Amerikaner pflegen. Nach einiger Zeit aber macht sich das Gefühl einer großen, floridaesken Leere breit, einer schwer benennbaren Apathie unter der ständig scheinenden Sonne, das durch die Kunstwelt-Freizeitparks rund um Orlando noch verstärkt wird. Ich glaube, wenn man seine Ruhe haben möchte, ein reiches oder genügsames Innenleben hat und mit Wärme klar kommt, ist Florida einer der besten Orte auf der Welt (neben der Karibik). Aber die Voraussetzungen sollte man wirklich erfüllen.

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Mit dem Auto: Die völlige Verwechselbarkeit amerikanischer Highways lässt sich natürlich auch hier erleben, das Klischee von Strand und Golfplätzen stimmt nicht, man muss nur einmal stundenlang rund um Tallahassee über die Waldautobahn fahren. Floridas Autofahrer haben einen schlechten Ruf, völlig zurecht (und das sage ich, der in einer Stadt voller Besoffener hinter dem Lenkrad lebt). Dauernd sieht man Unfälle, beim Abbiegen gucken viele nicht, andere schreiben SMS oder haben das Telefon am Ohr, nah aufzufahren gehört zum guten Stil. Zwischen Tampa und Orlando ist die Autobahn Tag und Nacht voll. Und in Miami sind die Staus unerträglich, alles findet unter verschärften Bedingungen statt – jede Lücke wird genutzt, um sich irgendwo reinzudrängeln.

Florida

Miami: Der speziellste Ort. Wenn Du mit Hispanics in anderen Teilen des Landes spanisch sprechen willst, wechseln die schnell auf Englisch. Hier ist Spanisch die Verkehrssprache. Und alle reden über Geld, weil es so teuer geworden ist und selbst von 80.000 Dollar Jahresverdienst nichts mehr übrig bleibt. An einigen Ecken ist Miami ein echtes Plastik-Klischee, an anderen richtig schön, die kleinen Inseln, der Norden von Miami Beach (siehe Foto unten), ein paar Wohngegenden im Westen. Der Verkehr ist brutal und ich bin mir sicher, dass das die Lebensqualität erheblich mindert (das gilt für arm und reich, wir haben die TV-Legende Don Francisco im Stau gesehen).

Aber Miami im Jahr 2016 lässt sich nicht ohne den Klimawandel und seine Folgen denken, bereits jetzt laufen einige Straßen in Miami Beach bei Flut regelmäßig voll. Dieser Longread im New Yorker vermittelt einen guten Eindruck von der drohenden Katastrophe, die den ganzen Süden Floridas betreffen wird (Stichwort: mit dem Meer verbundene Entwässerungs-Systeme). Und das ist vielleicht das, was mich als Europäer am meisten irritiert: Dass große Teile der Bevölkerung in Florida wirklich, die SUVs und das völlig abwesende Umweltbewusstsein geben Zeugnis, unter dem Motto „nach uns die Sintflut“ zu leben scheinen.

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