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Schande, Schuld und Social Media

Shame

David Brooks denkt in der NYT darüber nach, wie sich unser gesellschaftliches Moralsystem durch Social Media verändert hat. Genauer gesagt referiert er die Ideen, die in einem Essay von Andy Crouch zu finden sind. Die anthropologische Unterscheidung zwischen zwei moralische Mechanismen: Schuld (mein Gewissen sagt mir, ob ich gut oder schlecht handle) und Schande (die Gesellschaft sagt mir, ob ich gut oder schlecht handle).

Crouch und Brooks leiten aus den Mechanismen von Social Media ab, dass wir uns wieder in Richtung Schande-Kultur bewegen.

„On the positive side, this new shame culture might rebind the social and communal fabric. It might reverse, a bit, the individualistic, atomizing thrust of the past 50 years.

On the other hand, everybody is perpetually insecure in a moral system based on inclusion and exclusion. There are no permanent standards, just the shifting judgment of the crowd. It is a culture of oversensitivity, overreaction and frequent moral panics, during which everybody feels compelled to go along.“

Gerade diese ständigen Bewegungen der Standards inklusive ihrer strengen Überwachung sind das, was Social Media so anstrengend macht, bis hin zu Kritik als Sprach- und Kontextspiel. Ganz subjektiv: Auch ich selber bin weniger aktiv inzwischen: a) weil ich im Moment nicht das Bedürfnis nach ständigem Senden und Empfangen habe und ich genervt davon bin, dauernd getriggert zu werden (vgl. „ständig gucken, was es Neues gibt“) und b) weil die gängigen Social-Media-Plattformen wegen der oben beschriebenen Kultur und den Konventionen der einzelnen Plattformen (Ton, Rahmen der Botschaft, Resonanz-getrieben) kein Raum zum Nachdenken sind.

Gerade die Idee des vernetzten Nachdenkens fand ich am Internet immer faszinierend, und mein Blog scheint mir dafür der bessere Ort, trotz geringerer Aufmerksamkeit (ich wünschte mir, offene Denk- und Dialogbewegungen wären ein größerer Teil meines „professionellen“ Lebens, btw.). Die Frage ist, ob das nur ich bin, es einfach noch keinen anderen Ort dafür gibt oder jeder größere Ort irgendwann einmal auf dem Level der Schande-Kultur ankommt. Wenn Crouch und Brooks recht haben, wird die Schande-Kultur auch die Plattformen von morgen prägen, selbst wenn wir sie anders designen wollen.

2 Gedanken zu „Schande, Schuld und Social Media“

  1. ist es schlussendlich nicht eine frage der kultiviertheit (’sophistication‘) auf welchem level wir kommunizieren/leben? ich mein, die schande-kultur ist doch ebenso eine ganz gute beschreibung des gesellschaftlichen hin und hers eines dorfes, oder? (inklusive der von dir genannten medien-charakteristika).
    vielleicht geht die rechnung so: ‚kein X zum nachdenken‘ = schande-kultur (wobei X = wille, raum, möglichkeit, …)

  2. @Thomas: Interessante Rechnung, müsste ich mal länger drüber nachdenken. Ich glaube, es geht auch um die fehlende Akzeptanz anderer Haltungen, unfertiger Überlegungen – das ist nicht einmal eine Frage der Kultiviertheit, zumindest nicht, wenn wir sie im Sinne von „Umgangsform“ definieren.

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