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Burroughs in New Orleans

Mississippi River - Ship Rounding Algiers Point in New Orleans - Headed Upriver

„It was on a road that ran across a swampy field. The house was a dilapidated old heap with sagging porches running around and weeping willows in the yard; the grass was a yard high, old fences leaned, old barns collapsed.“

So beschreibt Jack Kerouac in On The Road seinen ersten Eindruck vom Haus, in dem William S. Burroughs lebte. Es liegt in Algiers, einem Stadtteil von New Orleans auf der anderen Seite der Brücke.

Die Welt aus On The Road war für mich als Teenager eine jener Landschaften, die sich mit solcher Macht in deiner Fantasie aufbauen, dass du sie noch Jahrzehnte später besuchen kannst. Gerade der Mississippi, dieser in der Dunkelheit dampfende braune Fluss war fast ein mythischer Ort. Dass ich ihn einmal sehen, riechen, ja sogar in seiner Nähe leben würde wäre für mein Teenager-Ich ein zu gewaltiger Sprung in meiner Vorstellungskraft gewesen. Mit Nähe ist leider wirklich nur Nähe gemeint, denn ein Großteil des Flussufers ist hier zugebaut oder abgesperrt.

Diesen Zustand beklagte in On the Road schon Burroughs himself, der 1948/49 mit seiner Familie in New Orleans lebte – vor allem, um in der Hafenstadt seiner Heroinsucht nachzugehen. „Furchtbar langweilig“ nannte er die Stadt, was auch daran lag, dass Weiße damals nicht in die Viertel der Schwarzen gehen durften (und umgekehrt). Denn musikalisch war New Orleans damals vielleicht das musikalische Zentrum der Welt (1949 führte Louis Armstrong als König die afroamerikanische „Zulu-Parade“ im Karneval an, während Burroughs auf der anderen Flussseite in einer anderen Welt lebte).

Auch Algiers ist heute geteilt, aber wie fast ganz New Orleans entlang sozialer Linien (die leider oft mit der ethnischen Zugehörigkeit zusammenfallen): Es gibt Richtung Fluss einige wohlhabende und relativ friedliche Ecken, um ihre Zukunft ringende Familien aus der Mittelschicht und auch viel Armut und Perspektivlosigkeit. Es ist nicht einfach, hier seine Kinder großzuziehen, es gibt keine Jobs und immer wieder knallt es. Neulich haben sich zwei Autofahrer gestritten, dann aufeinander geballert und sind dabei in ein Haus gerast.

Und mittendrin in diesem urbanen Mosaik steht das Burroughs-Haus, es hat sogar ein Erinnerungsschild im Garten (und der Nachbar jätet Unkraut).

Former Home William S. Burroughs

Natürlich ist das Haus viel kleiner als in meiner Fantasie, aber so ist das irgendwie immer mit der Realität. Und darum geht es auch nicht, sondern darum, dass ich auch schon einmal hier war: Dort, wo sie im Garten saßen und redeten und rauchten und sich zudröhnten und tranken. Weil ich dabei war, als ich es las.

Jetzt ist keiner mehr da, alle sind sie ihren Weg gegangen. Burroughs musste 1949 nach Mexiko fliehen, weil sie ihn mit Drogen erwischt hatten. In Mexiko dann erschoss er aus Versehen sein Frau, aber das ist eine andere Geschichte und irgendwann sind sie dann alle gestorben. Aber diese Momente, diese wenigen Tage hier, die bleiben für immer. Und ich kann es riechen, was Kerouac damals im Frühling beschrieben hat, weil wieder Frühling ist und der hier vermutlich immer so riechen wird, solange noch Menschen in diesem modernen Atlantis leben:

„The air was so sweet in New Orleans it seemed to come in soft bandannas; and you could smell the river and really smell the people, and mud, and molasses, and every kind of tropical exhalation with your nose suddenly removed from the dry ices of a Northern winter.“

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