Die vier politischen Lager der Zukunft

reflections of past futures

Der australische Ökonom John Quiggin hat vor einiger Zeit bei Crooked Timber eine recht schlüssige “Amateur-Theorie” aufgestellt. Es geht um die drei großen Lager, um die sich Politik in den Industrienationen absehbar gruppieren wird:

Die Neoliberalen: Hart (Konservative) und weich (Sozialdemokraten des “Dritten Wegs”), Anhänger oder Ergebene des globalisierten Kapitalismus. Bis zur Finanzkrise die dominierende, beinahe alleine herrschende Strömung. Holte sich Stimmen als Neben-Ideologie aus dem wertkonservativen Milieu und dem Mitte-Links-Spektrum (Gemäßigter GlobKap als “geringeres Übel”).

Die Tribalisten:
Gruppenidentität als formierendes Element. Besonders mächtig, wenn sich eine bislang dominierende Gruppe zusammenfindet, die politischen Einfluss verliert (vgl. weiße Christen in den USA, für mich im weitesten Sinne die ehemalige Kohl-Koalition in Deutschland). Aufsteigend.

Die Linke: Nicht die deutsche Partei gleichen Namens, sondern Grüne, Sozialdemokraten, Feministen, Gewerkschaften. Kritiker der gegenwärtigen gesellschaftlichen Ordnung aufgrund deren fehlenden Fairness.

Ich stimme dem Schema beinahe zu, würde aber noch eine Amateur-Modifikation hinzufügen: Die Aufteilung der “Linken” in post-materielle Linke (näher am Dritten Weg) und die Klassenkampf-Linke mit dem Fokus auf die materielle Verteilungsfrage.

Quiggin weist darauf hin, dass keine der Schulen eine Lösung hat und die ganze Konstellation instabil ist. Gehen wir einmal mögliche Koalitionen durch, die nach meiner Modifikation möglich wären:

Tribalisten und Neoliberale: Ein nationalisierter Neoliberalismus, der auf Eliten zurückgreift, einzelne Gruppen (Tribes) bevorzugt und quasi-koloniale Strategien anwendet. Widerpart: Klassenkampf- und postmaterielle Linke.
Neoliberale und postmaterielle Linke: Liberale gesellschaftliche Werte, Minderheiten erhalten Einfluss auf gesellschaftliche Entscheidungssphären. Gegenleistung: Keine Veränderung am Status Quo der Bevorzugung von Kapital gegenüber Arbeit inklusive daraus folgender Ungleichheit. Widerpart: Klassenkampf-Linke und Tribalisten.
Tribalisten und Klassenkampf-Linke: Anti-elitäres Bündnis zur drastischen Veränderung des Systems unter vorläufiger Aussparung von Identitäts- und Motivationsfragen. Widerpart: Neoliberale und postmaterielle Linke.
Klassenkampf-Linke und postmaterielle Linke: Eine wiedervereinigte Linke, die Sozialdemokratie im Sinne des 19. Jahrhunderts mit postmateriellen Anliegen mischt (es ist allerdings nicht davon auszugehen, dass diese Koalition eine strukturelle Mehrheit hätte). Widerpart: Neoliberale und Tribalisten.
Neoliberale und Klassenkampf-Linke, Tribalisten und postmaterielle Linke: Nicht vereinbar, da gegensätzlich.

Natürlich lassen sich die Senior-Partner dieser Koalitionen je nach weiterem geschichtlichem/ökonomischem Verlauf unterschiedlich benennen – und die Widerpart-Koalitionen können in ihrer Ablehnung zur eigentlich dominierenden Kraft werden (was der gesellschaftlichen Veränderungsmechanismen nach dem Prinzip des ex negativo entsprechen würde, „Dagegen sein ist leichter als dafür“).

Und: Was ich als „Koalition“ bezeichne, kann letztlich eine neue (oder uns neu erscheinende) Fusions-Weltanschauung werden.

3 Gedanken zu „Die vier politischen Lager der Zukunft“

  1. Ein interessanter Post – in der Parteienforschung sagt man ja, dass sich Parteien anhand von Konfliktlinien bilden, also etwa Stadt vs. Land, Katholiken vs. Protestanten, Kapital vs. Arbeit usw.

    In der Nachkriegszeit konnte man dann beobachten, dass alle diese Konfliktlinien durch die großen Volksparteien nivelliert wurden – in der CDU durch die Öffnung für Städter und in der SPD durch die Öffnung für Angestellte. Und ein neues „Alleinstellungsmerkmal“ wie etwa der Umweltschutz der Grünen wurde dann schnell von anderen Parteien kopiert, so dass keine neuen langfristigen Konfliktlinien entstehen konnten.

    Ich hatte kurz gedacht, es könnte eine neue Konfliktlinie zwischen „digital natives“ und „digital immigrants“ entstehen – die Piraten-Partei lässt grüßen.

    Aber tatsächlich scheint mir heute, dass die neue, permanente Konfliktlinie eher die zwischen Globalisierungsgewinnern und -verlieren ist. Zumindest lässt sich unter diesem Thema die gesamte neue Parteienlandschaft subsumieren, egal ob Trump in den USA, Front National in Frankreich, FPÖ in Österreich oder AfD in Deutschland.

    Das wären von der Macht-Dynamik her dann in der Tat „Tribalisten“, wobei natürlich Gruppenidentität auch bei allen anderen Parteien ein entscheidendes Element ist, bei den Grünen etwa, aber natürlich auch bei den Sozialdemokraten.

    Was die Tribalisten aber besonders gefährlich macht, ist letztendlich ihre Filter-Bubble, die es unmöglich macht, mit rationalen Argumenten gegen diese politische Strömung zu argumentieren.

    Auf Vox.com ist dazu vor einiger Zeit ein wirklich faszinierender Artikel erschienen: http://www.vox.com/2014/4/6/5556462/brain-dead-how-politics-makes-us-stupid

  2. @Daniel Florian: Spannende Punkte! Wahrscheinlich lässt sich wirklich viel auf das Verhältnis zur Globalisierung zurückführen, so wie das meiste durch Auswirkungen der Kombination Globalisierung und Digitalisierung zu erklären ist. Nur ist die Frage, was der Maßstab ist – manchmal sind es gefühlte Verschlechterungen, die Veränderung muss auch nicht ökonomisch erfahrbar sein, auch wenn die Ökonomie natürlich durchscheint (vgl. Debatte um Einwanderung etc.).

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