Zur Smartphone-Debatte

Ein paar Gedankenskizzen zur Smartphone-Debatte rund um den Spiegel-Artikel, zu der bereits Dirk und Lobo etwas geschrieben haben. Vorab: Ich habe nach dem Feedback die Spiegel-Geschichte gelesen und fand sie in Ordnung, wenn auch nicht überraschend. Mich nerven ein paar Sachen an einigen Spiegel-Texten und auch anderswo (#RechercheNachThese #Übertreibungen wie das „Epizentrum der Erschütterungen“ Familie #ZahlenHappenStattZahlenAnalyse*), aber geschenkt, ich gehöre womöglich auch nicht zur Zielgruppe: Das Problem existiert, es kommen verschiedene Seiten zu Wort und die anekdotische Vermittlung hat neben Schwächen auch Stärken. Ich frage mich allerdings, ob wir das Richtige diskutieren.

01 „Das Smartphone“, „Das Internet“

Meine Sorge: „Das Smartphone“ ist das neue „Das Internet“, ein Raum für Projektionen rund um Verhaltensänderung und Technologiehoffnungen/-sorgen, inklusive der alten Gegensätze. Ich glaube aber, dass wir über „das Smartphone“ nicht diskutieren können, ohne auf die Software-Ebene zu kommen. Zumindest wäre es produktiver. Ein Smartphone ist anders als ein Fernseher Werkzeug und Unterhaltung zugleich ist, und Smartphones durch ihre Kontext-Informationen und Taschen-Bedienbarkeit eben auch mehr als ein vernetzter Computer sind. Das Smartphone ist eben Whatsapp, Taschenlampe und Uhr zugleich, und Whatsapp erfüllt zum Beispiel als Gewährleistung für Ambient Awareness einen fantastischen Zweck (die unentkommbare Ronja von Rönne hat neulich darüber geschrieben).

02 Also, reden wir über Software

Wir müssen uns allerdings nichts vormachen: Natürlich ist der Großteil der mobilen (Unterhaltungs-/Kommunikatiins-)Software so konzipiert, dass Trigger ausgelöst werden und die Benutzung ständig wiederholt wird. Ich habe in meiner Zeit in der Bay Area mal ein Seminar von Nir Eyal („Hooked – Building Habbit Forming Products) besucht: 98 Prozent der Zeit wurde über die Aktivierung von Triggern und Einfang-Haken gesprochen, zwei Prozent der Zeit von ethischen Fragen. Der Siegeszug von Verhaltensdesign in Tech, kombiniert mit der Ausrichtung von Kennzahlen nach dem VC-Leitspruch „Skaliere schnell“ und Konzepten wie „Micro Moments“ haben die App-Welt zu einer Spielautomaten-Shitshow gemacht. Vielleicht sollten wir es mit der Lebensmittelindustrie vergleichen. In einer bemerkenswerten Recherche zu Junkfood in den USA hieß es 2013 in der New York Times über das Marketing-Credo der Lebensmittelbranche (Zitat eines ehemaligen Managers):

“Discover what consumers want to buy and give it to them with both barrels. Sell more, keep your job! How do marketers often translate these ‘rules’ into action on food? Our limbic brains love sugar, fat, salt. . . . So formulate products to deliver these. Perhaps add low-cost ingredients to boost profit margins. Then ‘supersize’ to sell more. . . . And advertise/promote to lock in ‘heavy users.’ ”

Das ist auch der Ethos großer Teile der Mobile-Software-Industrie im Jahr 2016 (vgl. auch Tristan Harris).

03 Lösungen

Die Wahrheit ist: Es wird kein Snapachat/YikYak/WhatsApp/Facebook-Light geben, das ohne Push und Hooks auskommt. Noch sind die Designer in den Firmen den Produktmanagern untergeordnet – und damit den Metriken, nach denen deren Arbeit gemessen wird. Die Wahrheit ist auch: Wir führen ein großes Langzeit-Experiment zu den Auswirkungen dieser Technologie durch, an uns allen. Das Ergebnis ist allerdings völlig offen. Weil gerade eine größere Anzahl von Menschen damit Probleme hat (und wenn es nur „die Erwachsenen“ sind), glaube ich an eine Lösung auf Betriebssystem-Ebene (granulare Einstellung der Aufmerksamkeitsoptionen). Ob das eine Verhaltensänderung bewirken wird (oder überhaupt in Anspruch genommen wird), ob sich eine andere Form von Nutzung herauskristallisiert oder alles eine Frage der Routine oder Neuordnung unseres Verhaltens ist, wird sich zeigen. Es gibt kaum Daten und die Wechselwirkungen sind komplex (vgl. Psychologie in Social Media). Vernünftige Menschen essen nicht, wenn sie schon satt sind – leben aber damit, dass Chips ihnen nicht das Gefühl der Sattheit vermitteln (und meiden sie oder finden Konzepte, Maß zu halten). Andererseits ist Fettleibigkeit ein Problem rund um die Welt.

04 Das Wesentliche

Vielleicht denken wir Aufmerksamkeitsökonomie falsch – im Sinne dessen, dass wir uns nur von der Produktionsseite damit beschäftigen. Es klingt esoterisch, aber die Aufmerksamkeitsökonomie stellt die Frage nach dem Wesentlichen neu – in jeder Beziehung. Meine Hoffnung ist, dass wir uns in einer Zwischenphase befinden und Smartphone-Software besser, werthaltiger wird und Menschen mit einen angemessenen Abstand damit umzugehen lernen. Ich bin recht optimistisch, dass „einfach mal weglegen“ nicht der Weisheit letzter Schluss ist.

*Re: Statistik – Als Beispiel der Satz „Wie verlockend diese Art der Kommunikation [via Smartphone-Textmessaging im weiteren Sinne] ist, illustriert eine Zahl aus den USA: Dort übersteigt die Zahl der Handynutzer, die im Straßenverkehr getötet wurden, mittlerweile die Zahl derjenigen, die durch Alkohol am Steuer ums Leben kommen.“ Die Formulierung ist unklar, laut offizieller NHTSA-Statistik kamen 2014 insgesamt 9.967 Menschen im Zusammenhang mit Alkohol am Steuer ums Leben, 3179 durch abgelenkte Fahrer. dazu gehört aber neben SMS/Messaging auch Telefonieren, Essen, Videos, sich zu Mitfahrern umdrehen etc. Vielleicht ist etwas anderes gemeint, aber ich weiß nicht, was.

Ein Gedanke zu „Zur Smartphone-Debatte“

  1. Pingback: Smartphones in die Schule – Interview zu App Camps |

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