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Was tun, wenn Kronos Startups frisst?

The Prado, Madrid, 1988

Steven Davidoff Solomon in der New York Times über die (fehlende) Anwendung des Kartellrechts bei digitalen Plattformen (Anlass: Walmart kauft Jet.com):

„Under the traditional view of antitrust, when Facebook, for example, tries to buy a company like Instagram, it can argue that anyone can start such a website. And there are other competitors like Google and Snapchat. And so this gets past the antitrust authorities, who seem more concerned with how the data will be used rather than the accumulation of users. Both United States and European Union regulators examined the WhatsApp deal, but it passed muster because WhatsApp was viewed as a messenger service, something where there was alternative competition.

This misses the point that domination is all about users and views. Those companies with users and page views can dominate, and accumulating those users is everything, something only an infinitesimally small number of companies can find the key to doing.“

Es gibt verschiedene Gründe für die amerikanische Zurückhaltung in Wettbewerbsbeschränkungen (hier mehr darüber), unter anderem das Erbe der Chicagoer Schule (freier Markt, freier Markt, freier Markt) und IMO auch die verbreitete Ansicht, dass die Tech-Branche die letzte Industrie-Hoffnung der USA ist (der Tech-Lobbyismus sorgt dafür, dass diese Botschaft in Washington ankommt).

Die Chicagoer Schule entwickelt sich langsam in allen Feldern zum Auslaufmodell und auch in Nordamerika werden immer häufiger Parallelen zwischen den Tech-Großkonzernen und einstigen Konglomeraten wie Standard Oil, Western Union oder der Bell Company gezogen. Solomon vergleicht die Großkonzerne mit Kronos, der seine Kinder fressen musste, damit sie ihn nicht verdrängen.

Plattformen sind ein sehr neuer, in den Wechselwirkungen und Entwicklungen (Funktionen lassen sich digital recht einfach ergänzen) sehr schwer vorhersagbarer Komplex. Albert Wenger hat mit dem „Recht auf Bots“ (a.k.a. „Recht auf einen API-Key„) eine interessante Idee dazu formuliert, die eine Zerschlagung (das klassische Mittel) umgehen würde. Stärkere Verfügungsrechte über die eigenen Tracking-Daten sind meiner Meinung nach ein anderer Baustein. 

Aber das ist nur Ansätze für den klassischen Konsumenten-Markt; ungelöst ist die Frage nach der Verstärkung von Netzwerkeffekten, wenn viele Industrien um Data-Mining-Funktionen ergänzt werden – also der Datensatz-Vorsprung, der z.B. die Google-Suche uneinholbar macht, auch in anderen Branchen zum Vorschein tritt (vgl. aktuell die Monsanto-Strategie im Bereich Landwirtschaft).

Eine andere Wissenskonzentration erleben wir auch in der Forschung, wo Tech-Großkonzerne gerade vor allem in den USA die Unis leerkaufen und so quasi Grundlagenforschungs-Silos errichten können: Das ist ihr gutes Recht und passiert auch in anderen Branchen, allerdings werden wir auch bei der Privatisierung von Wissen und Daten über verpflichtende API-Konzepte nachdenken müssen.

Ich befürchte eine weitere Monopolisierung im Zuge der Digitalisierung weiterer Branchen – in Form einer Abhängigkeit von Tech-Dienstleistern, auf deren proprietäre Software oder Wissen durch Datenmassen kein Akteur verzichten kann (vgl. SAP der Neunziger/frühen Nullerjahre auf Steroiden). Und die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass diese Dienstleister aus den USA und China kommen werden und zugekaufter Teil eines Großkonzerns sind, der bereits heute existiert. Genau deshalb ist die amerikanische Debatte über das Kartellrecht relevant.

3 Gedanken zu „Was tun, wenn Kronos Startups frisst?“

  1. Ich sehe gerade im Tech Bereich diese Monopole nicht ganz so kritisch, denn sie stehen
    geradezu täglich im Wettbewerb mit neuen Ideen. Ein Beispiel itunes beherrscht den Markt
    der digitalen Musik, der Marktanteil liegt m.W. bei ca. 70%. Trotzdem muss Apple kämpfen,
    nicht weil im Bereich der downloadbaren Musik ein neuer Wettbewerber erschien, sondern
    weil mit Spotify ein ganz neues Modell etabliert wurde. Ähnlich sieht es im Bereich der
    Betriebssysteme aus, Windows hat 90%, aber was nützt es Microsoft wenn man im Bereich
    der mobilen Betriebssysteme nichts hat? Konnte Google seine Dominanz im Bereich der Suche
    und Werbung im social Media Bereich umsetzen? Nein trotz Versuche mit Google + bleibt hier
    Facebook die Nr.1.
    Gerade im Tech Bereich bedeuten Monopole erst einmal wenig und ich bin mal gespannt
    wer am Ende im Bereich der Mobilität die Nase vorne hat? Die klassischen Automarken
    oder neue Herausforderer?!

  2. Danke für den Kommentar! Natürlich gibt es immer eine gewisse Instabilität, ich frage mich allerdings, ob wir auch in Zukunft davon ausgehen können. Immerhin wandert viel Wissen über Zukunftstechnologien sowie Entwickler-Personal in die Konzerne. Mobile ist als Plattform erst einmal auserzählt und es nicht so, dass Google und Apple zwei völlig neue Player gewesen wären (und Spotify wird mittelfristig eben genau wegen der finanziellen Möglichkeiten Apples IMO den Kürzeren ziehen).

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