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Wo ist die Brücke?

Railroad bridge

taz-Autorin Ulrike Hermann, die zum Thema auch ein Buch geschrieben hat, zu fehlenden ökonomischen Übergangsszenarien:

„Es fehlt nicht an Konzepten, wie eine ökologische Kreislaufwirtschaft aussehen könnte, die den Kapitalismus überwinden soll. Stichworte lauten: erneuerbare Energien, Recycling, langlebige Waren, öffentlicher Verkehr, weniger Fleisch essen, biologische Landwirtschaft und regionale Produkte.Doch das zentrale Problem ist leider ungelöst: Es fehlt die Brücke, die vom Kapitalismus in diese neue ‚Postwachstumsökonomie‘ führen soll. Über den Prozess der Transformation wird kaum nachgedacht.“

Diese Diagnose, bei der es leider auch bleibt, liegt sehr im Zeitgeist: Wir ahnen, wie etwas besser gemacht werden könnte, aber wissen nicht, wie wir dorthin kommen. Ökonomische Systemereformen sind hier natürlich eine der komplexesten Formen, aber selbst wenn es darum geht, wie Menschen wieder stärker mit anderen Meinungen konfrontiert werden… Izabelle Kaminska in der FT:

In a highly atomised and compartmentalised culture, however — where even workplace gatherings don’t bring people together because everyone is being encouraged to “work for himself” in the gig economy or from home — there seem to be ever fewer occurrences where we, the public, have no choice but to interact with those who disagree with us. This in turn encourages the cultivation of safe spaces, which in turn twists our perception of reality into something it simply is not.

Wenn wir uns also auf Kritik an den Verhältnissen beschränken müssen, gleichzeitig keinen Austausch über unsere geschlossenen Gruppen hinweg haben – dann wird es mit der produktiven Veränderung der Dinge sehr schwer. Die politische Rechte kann damit theoretisch einfacher zurechtkommen, weil sie in vielen Punkten zurück zum Dagewesenen möchte. Aber es wäre zu einfach, regressive Mechaniken verantwortlich zu machen: Unter dem Strich nimmt für mich der progressive Teil der Gesellschaft den Veränderungsbedarf nicht ernst genug und wird so in vielen Belangen zum Bewahrer des Status Quo, der Stabilität verspricht. Diese Stabilität ist aber, so erleben wir immer wieder, eine Illusion.

Ein Gedanke zu „Wo ist die Brücke?“

  1. Hmmm … wow … das sind sehr viele Baustellen. Ich fange mal oben an …

    Ich für meinen Teil sehe nicht in wie weit „erneuerbare Energien, Recycling, langlebige Waren, öffentlicher Verkehr, weniger Fleisch essen, biologische Landwirtschaft und regionale Produkte“ im Widerspruch zum Kapitalismus stehen, oder ihn überkommen sollen. Das sind doch alles (mit Ausnahme vom ÖPNV) mehr oder wenige Nieschen im aktuellen Kapitalismus und ich sehe da auch keine inneren Widersprüche zum Kapitalismus: Leute bieten all das an. Andere Leute kaufen es. Kapitalismus.

    Daraus folgend sehe ich halt auch das Problem der scheinbar fehlenden Brück nicht. Ich schreib das ja gerne bei mir im Blog: Eigentlich ist es total einfach, das richtige zu erkennen und zu tun. Wir machen halt beides nur oft nicht. Beispiel: Fairphone, dessen Open OS und F-Droid. Das hat keine als echte Alternative auf dem Schirm, wird von vielen echten Entwicklern verachtet. Trotzdem hat es das in Cachys-Blog auf Platz 3 der besten Smartphones des Jahres geschaft, einfach weil es halt sowohl aus Hardware als auch aus Software-Sicht einfach das Richtige ist. Es ist Aufwand und schwieriger, genau wie es schwieriger ist, bio zu kaufen und sich vegetarisch zu ernähren, aber das Richtige ist und bleibt es.

    Dann die Filterblasen-These: Ich bin seeehr unsicher, was diese Interpretation der Gegenwart angeht. Ad hoc würde ich ja sagen, dass wir früher in noch viel abgeschotteteren Filterblasen gelebt haben: 5 Fernsehsender, die man regelmässig sieht, 2 Tageszeitung (im besten Fall) und vielleicht noch 1 oder zwei Magazin. Was immer man von der Welt erfahren hat, ging durch die Hände von vielleicht 200 Menschen. Das Netz hat es ermöglicht, diese Wahrnehmung drastisch zu erweitern und ich glaube vielen Menschen gucken auch wirklich in mehr Lebenswelten rein.

    Volle Zustimmung aber bekommt zu schluss von mir noch die „nimmt für mich der progressive Teil der Gesellschaft den Veränderungsbedarf nicht ernst genug“-These. 100% d´accord! Und ich kann Dir auch sagen warum: Das Ende des Sozialismus hat – imho – die Diskussion um einen Systemalternative beendet. Sowohl emotional-biographisch, als auch theoretisch.

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