Twitter 2017 ™

Müsste ich meinen Eindruck von Twitter 2017 ™ beschreiben, ich würde das Bild einer Party wählen: Einer netten Party, denn du kannst ohne soziale Hemmschwellen interessante Menschen und Ideen kennenlernen.

Gut, die Gäste gruppieren sich häufig um die Selbstdarsteller, Prominenten und Besserwisser. Geschenkt, wo ist das anders? Neuankömmlinge sitzen erst einmal in der Ecke rum und reden verschämt mit sich selbst. Na gut. Einige Gäste wollen auch gar nicht reden, sondern verteilen Flyer und brüllen Slogans für ihre Sache. Angeblich sind hier auch Roboter unterwegs, aber wie in Westworld sollen sie äußerlich nicht von regulären Partygästen zu unterscheiden sein. Aber was weiß ich schon?

Manchmal fliegt auch ein Molotow-Cocktail durch den Raum und es gibt Aufregung, und auf dem Weg zur Toilette sieht man durch den Türspalt, wie in einem Nebenraum ein paar Gäste verprügelt und beschimpft werden. Unangenehm, aber wer will sich schon in fremde Angelegenheiten einmischen. Gut, dass die Abwasserleitung kaputt ist und die Toilette direkt ungefiltert und den See fließt, aus dem unser Dorf sein Trinkwasser bekommt… nicht schön. Aber ich frage mich wirklich, warum ich seit Ewigkeiten die gleichen Gesichter sehe und keine neuen Gäste mehr kommen. Seltsam.

tl; dr: Twitter 2017 ™ ist also ungefähr so kaputt wie das Weltgeschehen da draußen, das es ja auch abbildet und beeinflusst. Aber manchmal eben auch wie ein guter Moment mit Freunden, selbst wenn man die Menschen dahinter nicht “kennt”. Ich bin inzwischen an einem Punkt, wo ich mir die moralische Frage stelle: Ist es richtig, ein Werkzeug zu benutzen, mit dem andere Menschen gemobbt und psychisch destabilisiert werden?

Und nein, das ist jetzt keine Debatte über freie Meinung etc., sondern eher über die Art, wie wir im Netz miteinander umgehen in großen Gruppen und nach welchen Mustern wir handeln. Wenn Cornel West und Ta-Nehisi Coates diskutieren und sich dann eine Horde Neonazis einmischt und rumtrollt (um nur ein Beispiel zu nehmen), hat das eben nichts mit öffentlichem Diskurs zu tun. Und klar kann ich jetzt sagen “If you can’t stand the heat, get out of the kitchen”, aber das ist aus unterschiedlichsten Gründen ein fahles Argument, einer davon: es gibt nicht so viele Küchen und Wahrnehmung funktioniert nun einmal derzeit durch die Pipelines der Social-Media-Firmen.

Ich werde das natürlich in diesem Text nicht lösen können. Ich habe mich schon in den vergangenen zwölf Monaten mit Snark, Reflex-Aufregung und ähnlichem Likesammel-Verhalten auf Social Media zurückzuhalten versucht. Für den Twitter-Ago war diese Zurückhaltung (kombiniert mit meinem Hang zu speziellen US- und Nischenthemen) ziemlich uninteressant.

Die nächste Stufe ist, mein aktives Microblogging vorwiegend hierher zu verlegen. Das gibt mir Raum zum Nachdenken, macht mich zum Eigentümer dieser Gedanken und stützt die Strukturen des dezentralen Webs. Ich glaube, dass ich damit nur eine Entwicklung zu kleineren Einheiten vollziehe, die wir in den nächsten Jahren auch auf den Social-Media-Plattformen selbst erleben werden. Und ich freue mich über jeden Besucher und Kommentierenden hier!

Mein RSS-Feed.

2 Gedanken zu „<span class='p-name'>Twitter 2017 ™</span>“

  1. Ach schön. Ich hab auch noch einen halbfertigen Artikel auf Halde, der über die „Gefahren“ und „Probleme“ im Netz 2017/18 nachdenkt, die jenseits der grossen Netzpolitik-Themen liegen. Das ist noch viel Raum für Kritik jenseits von NSA/BND/Innenminster-Dystopien.

    Und natürlich kann ich jedes Mehr das hier passiert nur begrüssen! Das besonders schöne daran: Es ist ja später mehr als die Summe der Teil. Luhmann, Zettelkasten und so …

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