Bekenntniszivilisation

Machine Politics

Der Computerhistoriker Fred Turner in seinem langen, lesenswerten Essay:

„Mit der Zeit, nachdem neue Medien unser öffentliches Leben getränkt haben, und nachdem die Kinder der 1960er zu den Eliten von heute geworden sind, haben wir verstanden: Wenn wir einen Platz auf der politischen Bühne haben wollen, müssen wir unsere Innenleben nach außen sichtbar machen. Wir müssen sagen, wer wir sind. Wir müssen uns bekennen.

Wenn [der prominente US-Neonazi] Richard Spencer sich Vertreter einer schikanierten Minderheit nennt oder wenn Donald Trump seinen Ärger auf Twitter herauslässt, benutzen sie die gleichen Strategien wie die Demonstranten der 1960er oder auch der #MeToo-Bewegung heute. Diese Beobachtung zu treffen bedeutet nicht, die Anliegen zu vergleichen – überhaupt nicht. Aber ob wir wie Trump lügen oder lang verborgene Wahrheiten wie die Mitglieder von #MeToo offenlegen: Diejenigen, die Macht in der öffentlichen Sphäre von heute erhalten wollen, müssen in einem zutiefst persönlichen Idiom sprechen. Sie müssen jene authentische Individualität ausstrahlen, von der das Committee for National Morale glaubte, dass es das einzige Bollwerk gegen den Totalitarismus im Ausland und daheim sei.“

Ich kann – die kommenden Tage bieten sich an – die Lektüre dieser Parallelgeschichte des Internets als Geistesgeschichte nur empfehlen. Einige der Themen sind auch Teil dieser Blogskizzen.

Zu meinen vielleicht stärksten Eindrücken der jüngeren Vergangenheit gehört unser gebrochenes Verhältnis zum Individualismus: Als Konsumbürger-Individualismus Ressourcen zerstörend und spirituell entleerend; als Selbstverwirklichungsindividualismus Solidarität erschwerend und kollektives Handeln verunmöglichend; als Grundprinzip und Fundament unseres Strebens aber in der westlichen Zivilisation aus unterschiedlichen Lagern und Erfahrungen für alternativlos erklärt. Zitierter Absatz scheint mir nahe zu legen, dass nun der Individualismus einen stärker charismatischen Akzent erhält. Die Weltbilder sind ja ohnehin schon personalisiert, nun kommt offensichtlich das Sendungsbewusstsein hinzu.

Was sich daraus ableiten lässt – ich kann es nicht überblicken. Die mächtigste Gegenbewegung zum Individualismus wurzelt zumindest nicht in einem neuen Kommunitarismus oder einer solidarischen Kapitalismusreform, sondern in einem Wunsch nach Homogenisierung, die ja oft eine Vorstufe des Kollektivismus ist*. Dass dabei „authentische Individualität“ ein wichtiger Faktor bei der Umsetzung ist, gehört allerdings nicht zu den neuen Phänomenen.

*Die Ironie ist, dass Progressive wie Reaktionäre der jeweils anderen Seite den Homogenisierungs-Vorwurf machen.

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