Zettelkästen

Ich habe eigentlich nicht vor, einen Computer meine Gedanken lesen zu lassen. Aber wenn, dann nur für den Zweck, mein Informationsmanagement zu verbessern. Ideen gleich abzulegen und zu katalogisieren. Das wird für mich die Königsdisziplin der Software-Evolution. Also nicht die Auslesung des Gehirns, sondern reibungsloses Info-Management.

Im Moment beschäftige ich mich damit wieder ausführlicher, die Idee eines digitalen Zettelkastens, um meine Ideen und Schwerpunkt-Themen besser zu organisieren. Ich teste DEVONthink und habe mir sogar ein Handbuch dafür gekauft. Und es klingt nach den ersten Anpassungsversuchen wirklich logisch. Aber da ist natürlich das Problem der Diszipliniertheit: Zettelmanagement heißt ja, wirklich in jedem relevanten Informationsarbeiter-Workflow das Ablegen, Verschlagworten und Kategorisieren mitzudenken. Und das ist selbst für mich, der viel mit To-Do-Listen arbeitet, ziemlich schwierig.

Die verschiedenen Medien – Smartphone, Desktop, pdfs, Websites, Markdown-Notizen, Tweets – sind nur eine Seite des Problems. Denn bei genauerem Hinsehen steckt ein Großteil meiner Dokumente in einem proprietären Format: Zum Beispiel als handschriftliche Buchnotizen. Aber selbst digital: Ich habe in den vergangenen Jahren ungefähr 19 000 Artikel aus dem Web an meinen Kindle geschickt (fragt mich nicht, wie viel ich davon gelesen habe). Der Grund dafür liegt speziell darin, dass ich gerne ohne blaues Bildschirmlicht lese, weil ich beruflich sowieso so viel am Computer sitze. Aber Kindle-Dokumente lassen sich eben nicht exportieren, nicht einmal die Markierungen sind (anders als Ebook-Notizen) extrahierbar. Und das ist natürlich nur der Anfang: Podcasts zum Beispiel passen überhaupt nicht in das Schema, weil selbst bei der Existenz von Transkripten diese in der Regel nicht direkt in der Datei hinterlegt sind. Und wenn, was würde ich dann machen: MP3s archivieren? Die liegen ja in meiner Podcast-Software, ich müsste mir quasi die Webseite suchen, wo ich sie herunterladen kann. Wo ich vielleicht auch das Transkript finden würde. Problem gelöst, irgendwie, aber halt nur in der Theorie.

Wenn ich das Netz durchsuche, sehe ich, dass ich nicht der Einzige bin. Hunderte Wissensarbeiter tauschen sich aus, beschreiben Evernote-Workarounds oder komplexe Ordnungsformate dritter Potenz. Haben sich ganze Informationswelten über Tinderbox zusammengebaut. Fragen einander, was mit den neuen mobilen Archiven im Wiki-Stil ist, die in der Regel in der Cloud sitzen (was wieder Formatnachteile hat). Behaupten manchmal, dass es gar nicht so schwer ist. Auf Zettelkasten.de hört sich das ja wirklich alles in der Luhmann’schen Tradition sehr professionell an. Was mich persönlich in meiner Stümperei hoffnungslos macht.

Denn es geht ja nicht nur darum, Informationen zu sammeln und zu katalogisieren, sondern auch auf ungewohnte Art ins Verhältnis miteinander zu bringen. Der heilige Gral der Wissensarbeit. Und ich glaube ja, dass Software das irgendwie lösen wird, auf Betriebssystemebene womöglich, oder als Funktion irgendeines Word- oder Adobe-Abos. Und dann wird es eine Nutzungsart geben, die uns allen völlig logisch erscheint, und die digitalen Zettelkästen-Methoden werden uns wie Mainfrain-Computer im heimischen Wohnzimmer vorkommen. Vielleicht. Hoffentlich? Wenn ich bis dahin 20 000 Digitalzettel gesammelt habe, werde ich natürlich heftig bestreiten, dass die Software-Evolution mein System überflüssig gemacht hat.10

2 Gedanken zu „Zettelkästen“

  1. Habe selbst im Studium den Zettelkasten.de benutzt. Bin mit dem dahinter stehenden Prinzip aber nie warm geworden, wahrscheinlich weil ich kognitiv selbst schon auf Wiki-Strukturen und untereinander verlinkende Verschlagwortung konditioniert war. Andererseits: Wie alltagstauglich kann ein Werkzeug sein, wenn es fast schon eine akademische Ausbildung vom Anwender fordert?

  2. @Libralop: Das Wiki-Prinzip gibt es für solche Fälle auch, aber das benötigt im Privatgebrauch ganz ähnliche „mentale Karten“ darüber, wo Informationen abgelegt werden. Da hoffe ich tendenziell wirklich auf automatisierte Sortierungen, die auch vom Verhalten lernen. An meiner Behauptung zur „Gralsfrage“ hängt sicherlich die Frage dran, wie groß die Zielgruppe ist. Vielleicht mit zunehmender Zahl von Feldern, die ins Digitale wandern, immer größer. Vielleicht aber ist das völlig überkandidelt als Featurewunsch.

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