Wochenlinks 2319

Ich will wieder mehr Leseempfehlungen hier festhalten, statt sie über Social Media zu verbreiten. Oder zumindest mehr Kontext liefern als dort. Deshalb in unregelmäßigen Abständen eine Auswahl von dem, was ich jeweils in den vergangenen Tagen gelesen habe.

Venezuela’s Two Presidents Collide Wenn Jon Lee Anderson nach Venezuela reist, ist das Resultat immer nuanciert und komplex, Er war einer der wenigen englischsprachigen Journalisten, die damals größeren Zugang zu Chavez bekam, ohne dass er den realexistierenden Chavismo verharmlost hätte. Mein Eindruck nach der Lektüre: Es wird schlimmer werden, bevor es besser wird.
A global timepass economy Wie die zweite Hälfte der Internetnutzer gerade online geht. Nicht für Produktivität oder Weizenpreise, sondern für Social und vor allem Streaming. Faszinierende Zusammenhänge und Anekdoten, unter anderem ein legasthenischer Uber-Fahrer in Indien, der alles über Voice abwickelt, inklusive der Navigation.
The Airbnb Invasion of Barcelona Auf das Stück und die dort beschrieben Kultur des touristischen Normcores („Lebe wie ein Einheimischer, aber wie ein Einheimischer, der so ist wie Du“) will ich demnächst nochmal eingehen. Die ganze Idee von „authentischen Erfahrungen“ war ja eh im Reise-Kontext schon immer dubios, aber inzwischen trägt jeder beliebte Ort Züge einer Kulisse. Siehe auch…
Everest is Over „Den Mount Everest als Idee oder kulturelle Kraft gibt es nicht mehr.“ Nicht nur wegen dieses Satzes der beste Text, den ich zu Overtourism auf dem höchsten Berg der Welt gelesen habe. Interessant fand ich die Beobachtung, wie mit Massentourismus-Bergsteigertum auch der Altruismus abnimmt (was offenbar unter Bergsteigern stark diskutiert wird).
Google Chrome, the perfect antitrust villain? Wo der Open-Source-Teil von Chrome aufhört und die lizenzierten Plugins beginnen. Was ich immer wieder feststelle: Es gibt viel zu wenig Menschen, die über die Details unserer Digitalarchitekturen und ihrer Geschichte ausreichend Bescheid wissen, um genau solche Fragen zu stellen.
Das bringt uns alle um (€) Die Hauptstadtpolitik-Berichterstattung des Spiegel ist mir oft zu gewollt personalisiert und zu wenig analytisch. Aber im Kontext des Nahles-Rücktritts war die ganze Intrigen-Genese sehr hilfreich, zumal sie schon am Samstag erschien.
Die neue Scham (€) Max Scharnigg lese ich eigentlich immer, außer wenn er über Gartenwerkzeug schreibt vielleicht. Hier geht es um die Strenge, mit der wir die Alltagshandlungen unserer Freunde betrachten. Allerdings gibt es natürlich auch eine gegenteilige Interpretation: Dass es in progressiven Kreisen außer heimlichem Augenrollen und eines schlechten Gewissens keine Konsequenzen hat, ob man bewusst zu leben versucht oder nicht. Und selbst das schlechte Gewissen lässt sich über Social Signalling beruhigen (und um dieses Signalling geht es in dem Text).
going halfline  Intermittent fasting, but for Twitter Zwei Blogtexte über das, was ich „The Twitter Itch“ nenne. Dieses Jucken, ständig wieder dorthin zu gucken, obwohl viele Bereiche schlechte Laune machen und man sich auf einer Party befindet, auf der jeder den größten Applaus möchte. Ich hoffe weiterhin, zwischen „ganz oder garnicht“ einen Mittelweg zu finden. Aber das kommt mir ungefähr wie die Idee vor, ein Kind mühsam von gezuckertem Essen zu entwöhnen und ihm zwei Wochen später eine Tafel Schokolade mit den Worten „Aber nur ein Stück pro Tag, ja?“ hinzustellen. (Regelmäßige Leser wissen, dass ich die Metapher „Information als Nahrung“ sehr gerne verwende)
Reply All: #141 Adam Pisces and the $2 Coke Reply All von Gimlet Media hatte ich seit Jahren nicht mehr gehört. Vielleicht ein Fehler, denn die Episode zeigt ganz gut, weshalb dieses Digitaldetektiv-Format so fantastisch ist. Warum bestellt jemand unter dem Namen „Adam Pisces“ beim Pizzalieferanten Domino dauernd eine Dose Cola, ohne sie abzuholen – und das in den ganzen USA? Die Antwort ist nicht der wichtigste Punkt, sondern der Weg dorthin.

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