Mein 2019

Wie war 2019? Komplex, würde ich sagen. Für mich persönlich: mit Veränderungen verbunden. Zum Beispiel mit zwei Umzügen: Von Texas nach München nach Berlin. Den Kulturschock nach dem Interkontinental-Umzug konnte ich entsprechend nur oberflächlich verarbeiten, weil ja die Veränderung gleich weiterging. Dass Deutschland mir ellenbogenlastiger als früher vorkommt, kann mit der amerikanischen Freundlichkeit im Umgang zusammenhängen. Oder auch mit dem veränderten gesellschaftlichen Klima hier. Oder der allgemeinen Gereiztheit der Welt.

2019 war für mich auch das Jahr beruflicher Veränderung. Zehn Jahre lässt man nicht so einfach zurück, aber eben dann irgendwie doch. In professioneller Hinsicht habe ich meine Entscheidung keine Minute bereut; was mein Seelenheil angeht, nicht mal eine Sekunde. Jetzt also “Hauptstadtjournalismus”, ein Thema für sich. Aber eines, das ich (hoffe ich) mit dem notwendigen Abstand sehe, letztlich geht es darum, einen guten Job zu machen. Neu für mich ist tatsächlich, dass ich mit dem Sprechen fürs Radio an einem Defizit arbeiten muss, das mich derzeit noch von den anderen Journalisten & Journalistinnen in meiner Redaktion unterscheidet. “A humbling experience”, wie es so schön heißt, aber unterm Strich eine gute Erfahrung.

Der Jobwechsel war auch eine Gelegenheit, meinen Berufsweg zu reflektieren. Das Ergebnis war recht ernüchternd. Seit ungefähr 2005 hat mich das Bewusstsein angetrieben, dass die Digitalisierung den Journalismus verändern wird; und dass in dieser Veränderung die Möglichkeit liegt, etwas Neues zu aufzubauen, das auch ohne frühere Gatekeeper-Funktion gesellschaftlich relevant und notwendig ist. In der Realität will die große Mehrheit meiner Profession hierzulande aber eigentlich gar keine Veränderung, sondern die Bewahrung des Alten unter neuen Marktbedingungen. Ich glaube zwar nicht, dass das funktionieren wird, aber ich habe diese Haltung zu akzeptieren gelernt. Der Preis dafür: mich interessiert das Branchengeschehen immer weniger. Der Beruf macht mir jeden Tag weiterhin wahnsinnig Spaß und ich bin privilegiert, ihn unter guten Bedingungen ausüben zu dürfen. Aber irgendwo da vorne in der Zukunft liegt ein Abschied in der Luft.

2019 ist aber natürlich noch viel mehr als Wohnort und Beruf. Mensch-sein zum Beispiel. Sich über seine Rolle im Kosmos Gedanken machen, ohne dabei zu sehr um sich selbst zu kreisen. Eine gesunde Mischung aus gelerntem Wissen und Wissen aus Erfahrung zu leben. Partnerschaft und Freundschaft zu pflegen, und das nicht nur ritualisiert. Seine Haltung zur Welt zu finden, ohne in Gedankenmustern zu erstarren. Körper und Geist nicht als getrennte Sphären zu erleben, sondern sie als Teil des Ganzen zu spüren. Sich überlegen, was das “Ganze” ist. Das alles sind Dinge, die auch 2020 auf meinem Zettel stehen – und ich habe sie auch deshalb recht abstrakt formuliert, weil sie beinahe intim sind. Und weil ich gar nicht festhalten könnte, an welcher Stelle im Prozess des Mensch-seins ich gerade bin.

Das alles hängt auch mit Inputs zusammen, die wir zulassen. Ich habe in den vergangenen Wochen gute Erfahrungen mit dem Digitalsabbat gemacht, Samstagen ohne Internet, abgesehen von Maps und Musikstreaming. Noch besser sind meine Erfahrungen damit, endlich mein Spanisch wieder aufzufrischen, weil ich dadurch wieder mehr Details wahrnehme, nicht nur an Informationen. Das alles steht im Kontext, mich nicht selber zu optimieren, sondern einfach klarer zu sehen und zu erleben. Twitter hat 2019 zu dieser Klarheit kaum beigetragen, obwohl ich aktiver als sonst war. Ich würde mich lieber mit jedem interessanten Menschen von dort einmal im Jahr persönlich treffen, als dauernd über durch Gruppenapplaus und manchmal auch Sockenpuppen angeheizte Aufreger-Debatten zu stolpern.

Aber ich schweife ab. Das Wichtigste ist weiterhin Gesundheit, auch wenn das letztlich eine banale Erkenntnis ist. Hier war 2019 in meinem Umfeld am Ende ein okayes Jahr. Ich selber genieße es, wieder in einem funktionierenden Gesundheitssystem zu leben. Und ich bin neugierig, was das ruhigere, klarer strukturierte 2020 bringen wird. In diesem Sinne auch allen, die hier lesen, die besten Wünsche für 2020 und das kommende Jahrzehnt!

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