Microblog der Woche 2/2020

Jan Vermeer: Ansicht von Delft

#StattTwitter. Notizen und Gedanken zu Nachrichten und allem anderen. Neueste Beiträge oben.

Sonntag, 12.1.2010

Lübcke-Mord: Video zeigt Tatverdächtige auf AfD-Demo in Chemnitz
Man stelle sich mal ein anderes Szenario vor: Ein Verdächtiger eines Politikermords wäre auf einer Demo der Partei „Die Linke“ gefilmt worden. Wir hätten sicher im rechtsreaktionären Internet-Umfeld Debatten über Verschärfung von Gesetzen gegen Linksextremismus, politische Diskussionen darüber, wann der Verfassungsschutz endlich Zugriff auf die Szene bekommt, aufgeregte Wortmeldungen über die Verteidigung der Demokratie in allen Medien etc. #

Might there soon be a supernova near Earth?

„From Earth, a mere 600 light-years away, a Betelgeuse supernova would be spectacular. It would be visible in the daytime for weeks, as bright as the full Moon at night, and able to cast shadows. The last supernova thought to have had such brightness occurred a millennium ago.“ 🙌 🙌 🙌
(…) „Betelgeuse is destined to become a supernova soon, that much is certain. But “soon” in astronomical terms could mean anything from today to 100,000 years’ time.“ 😞😞😞 #

Freitag, 10.1.2020

When Politicians Get a License to Lie
„Aufwieglerischer Content von einer nachrichtenrelevanten Person verbreitet sich viral. Er erhält zusätzliche Berichterstattung, weil er viral ging. Die zusätzliche Berichterstattung sorgt dafür, dass er sich noch stärker viral verbreitet. Ein endloser, sich selbst verstärkender Kreislauf. Mit jedem Schritt verbreitet sich Falschinformation, wächst die Empörung, verfestigt sich die Polarisierung und Politiker und die, die nachrichtenrelevant sind, fühlen sich noch mehr bestärkt. Aber Nachrichtenrelevanz ist eine Entscheidung, die sich nur als Unvermeidlichkeit tarnt.“ #

Die externalisierten Kosten technologischer Entgrenzung
Ich weiß nicht, ob LM Sacasas der klügste Technologie-Skeptiker ist. Sicher bin ich mir, dass er der melancholischste ist. Hier schreibt er über Digitaltechnik und die Maxime der Entgrenzung, der sie folgt, um kulturelle oder moralische Grenzen zu überwinden. Aber natürlich hat alles einen Preis, auch wenn dieser zunächst unsichtbar sein mag. Und wo liegt die Freiheit darin, so die Frage in einem anderen Zusammenhang, ständig gefühlt neuen Content zu konsumieren, der unserem Geschmack angepasst ist – der uns „Neugier“ spüren lässt, während wir uns nicht die Mühe und Zeit für wirkliche Neugier nehmen müssen? Eine gute Frage zum Nachdenken.

Donnerstag 9.1.2020

Digitalreport 2020 und Diskussion über Digitalministerium Kein Vertrauen in die Digitalkompetenz von Politikern und Parteien Aktuelles Tagwerk…

The End of the Beginning Ben Thompson mit der These, dass die Zeit der großen Tech-Herausforderer vorbei ist . Er zieht Parallelen zur US-Automobilbranche, in der alle relevanten Firmen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stammen. Innovationsstau oder Regression bedeutet das nicht, ähnlich wie die Rolle des Autos erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts derart zentral für unser Leben wurde. #

 Die Union steckt im Dilemma Sollte es im Laufe dieses Jahres wirklich ein „Zukunftsteam“ der Union geben, wäre das eine der interessanteren Entwicklungen. #

Kaum blogge ich auf meiner privaten Domain, kündigt Twitter an, dass man künftig die Zielgruppe der Tweets wählen kann. Sprich: Festlegen, wer antworten darf. Bis hin zum „Statement“, das gar keine Antworten erlaubt. Das alles wären sehr interessante psychosoziale Dynamiken und de facto ein Schritt in Richtung der Gruppenfunktionen, die auch Facebook anbietet. Außer, dass alles weiterhin öffentlich ist. #

With the state’s help, Chinese technology is booming 2019 Letter – Dan Wang
Zwei gute Übersichten zum Zukunfstechnologie-Standort China. Als Hightech-Werkbank der Welt hat China einen „geoepistemischen Vorteil“, also Vorsprung durch Wissen beim Zusammenbau komplexer Komponenten. Gleichzeitig traditionell schwach bei der Entwicklung komplexer Technologien wie Verbrennungsmotoren. Das will man bei Microchips (fehlender Baustein für unabhängige IT/KI/IoT-Strategie) ändern – mit einem Regierungsprogramm in Höhe von 29 Milliarden US-$. Der politische Einfluss bietet schnelle Sprünge, aber auch Korruption und die Gefahr, statt Innovation nur politische Wünsche abzuhaken. Insgesamt zwei optimistische Ausblicke, der Economist verhaltener als Wang. #

China’s success at AI has relied on good data
Diesen Teil des Economist-Briefings fand ich so interessant, dass ich es nochmal erwähnen wurde: Woher kommen die Fortschritte im chinesischen Machine Learning? Aus der Data-Labelling-Branche: Die Firma MBH beschäftigt zum Beispiel 300 000 Mitarbeiter, die Daten taggen und die ML-Ergebnisse korrigieren. Insgesamt ist das Ganze auch Standort-Projekt: Daten/Foto-Etikettierung bietet viele Jobs für Mitarbeiter mit geringer Qualifikation, deshalb buhlen verschiedene Städte und Provinzen mit Zuschüssen darum, solche Firmen zu holen. Alles sehr erstaunlich und futuristisch. #

Mittwoch, 8.1.2020

The strange case of Paul Zimmer, the influencer who came back as a different person Wilde Geschichte: Der Influencer Paul Zimmer fällt wegen Geldgier bei seinen Fans ins Ungnade, taucht zwei Jahre ab und kommt zurück – als andere Person. Genauer gesagt als Teenager (Zimmer ist 23 und spielt jetzt einen jungen, völlig unverbrauchten 16-Jährigen). #

Medienkram
Ich finde das deutschsprachige Feuilleton inzwischen weitestgehend langweilig, aber schätze die Book Reviews (wovon meine Links auf LRB, NYRB etc. Zeugnis ablegen). Deshalb drücke ich natürlich 54Books die Daumen, dass eine kritische Masse an Menschen das Projekt unterstützen und die Form Buchrezension dort über sich hinauswächst. Zum Spiegel-Relaunch erlaube ich mir, gar keine Meinung zu haben. Auf Produktebene wissen die schon, was sie machen, nehme ich an. Ich bin gespannt auf die algorithmischen Empfehlungen und darauf, was sich inhaltlich/journalistisch verändert, denn das ist nochmal komplexer als ein neues Gefäß. Inklusive einer kulturellen Komponente im Backend: „Klusmann hat ein Moratorium verhängt. Wer lange für das Magazin gearbeitet hat, braucht zunächst keine Schichten im Newsroom der digitalen Ausgabe zu schieben.“ Etc. etc. #

„Innovation“
Investor: „Hey, es gibt schon so viele Einkaufslieferdienste, das ist überhaupt nicht mehr unterscheidbar.“
YC-Startup: „Aber unserer legt den Leuten die Sachen in den Kühlschrank.“
Investor: „Nehmt mein Geld!“

Why an internet that never forgets is especially bad for young people Was ich in diesem Stück gelernt habe: 15-jährige Teenager legen sich aus SEO-Gründen LinkedIn-Profile an, damit ihre „professionelle Seite“ als erstes auftaucht. Darüber hinaus ein guter aktueller Überblick über die alte Frage, wie sich das Verhalten von Teenagern angesichts eines ewigen Archivs ändert. #

DJ Shadow’s Sonic Archaeology Miniatur über DJ Shadow, wie er im Audioarchiv der New Yorker Stadtbücherei nach neuen Songelementen sucht. Was ich ziemlich cool finde (Disclosure: Ich hatte als Praktikant in New York einen Büchereiausweis der NYPL und musste für einen ZDF-Beitrag Nazi-Karikaturen suchen) #

An einem Morgen wie heute bin ich recht dankbar für eine gute Info-Diät, in diesem Fall BBC und Deutschlandfunk. Es bleibt jedem Journalisten selbst überlassen, ob er jetzt Trump einen „Zugzwang“ (ZON) oder eine „schwierige Entscheidung“ (Spiegel) über einen Gegenschlag hinein interpretiert und mit Konjunktiven hantiert – aber die bisheriger Stand und Tweets lassen eher auf eine Deeskalation der Situation schließen. Zumindest ist der einzige Akteur, der öffentlich Reaktionsdruck auf Trump ausübt Fox News/Sean Hannity. (Fairerweise muss man sagen, dass die angespitzten Teaser wieder mal das eigentliche Problem sind) #

Dienstag, 7.1.2020

„Rechtsextreme profitieren von unmoderierten Plattformen“
Christian Huberts erzählt sehr differenziert über den Komplex „Radikalisierung und Computerspiele“. Witzelnde Tabubrüche im Freundeskreis junger Männer sind kein Netz-Phänomen, doch die vernetzte Krassheit und Menschenfeindlichkeit, die den fließenden Übergang in den Fremden- und Frauenhass ermöglicht, schon. Ich hatte das Uneigentliche der Kommunikation und Radikalisierung als Meme nach Halle schon einmal angerissen, es gibt hier großen Forschungsbedarf, wenn wir das alles verstehen wollen. Was ich gut finde: Huberts differenziert zwischen Gamification und Pointification (? Punktefizierung ?), also der Belohnung über messbare Punkte (oder Likes etc.) – und spannt den Bogen auch rüber zur regulären politischen Kommunikation, die inzwischen ebenfalls so funktioniert. You get what you measure.
P.S. Die gesamte Podcast-Serie zu Games und Politik gibt es hier. #

‘Many lives have been lost’: five-month internet blackout plunges Kashmir into crisis Der Observer/Guardian berichtet bereits seit Monaten regelmäßig über die Internet-Abschaltungen in Indien (106 in 2019). Folgen für den Alltag in Kaschmir: Ärzte können im schwer zu bereisenden Gebiet nicht mehr Einschätzungen via WhatsApp austauschen, was offenbar Menschenleben gekostet hat. Krankenhäuser sind offline. Geschäftsleute nehmen den Zug in die Nachbarprovinz, um administrative Online-Aufgaben zu erledigen. Etc. #

What the Death of iTunes Says About Our Digital Habits Robinson Meyer mit einem Rückblick auf die Zehnerjahre. Die Idee der Nullerjahre war Ordnung – also Dinge abarbeiten, klassifizieren, abspeichern, wegschmeißen. Gmail und grenzenloser Speicherplatz haben dazu geführt, dass sich der Content – die Apps, die Musik, die Dateien – stapelt. Fast bis ins Unendliche. Unter diesen Voraussetzungen kann auch Zero Inbox als Prinzip nicht mehr richtig funktionieren. Und dieser Unordentlichkeit begegnen wir mit Rechenkraft, nicht mit Struktur. Selbst Apps rufen wir inzwischen über die Suche auf. Die algorithmisierte Timeline scheint mir in diesem Kontext auch eine Fake-Sortierung: Eine Priorisierung im Unendlichen, nicht eine Liste, die endet. Apropos Unendlichkeit: Nicholas Carr hat etwas über TikTok als erstes unendliches Medium geschrieben. #

Yes, it’s that bad. #USAußenpolitik

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Souveränität und Schwachsinn Die CSU-Landesgruppe hat ein Law-und-Order-Papier vorgelegt, in dem selbstredend das politische Modewort der Gegenwart vorkommt: Souveränität. Ein „neues Jahrzehnt der Souveränität“ will die Partei einläuten, und die Verwendung des Wortes lässt nicht nur den Umkehrschluss zu, dass es diese Souveränität bislang nicht vollständig gibt (ein dummes politisches Signal einer Regierungspartei), sondern eben auch die völlige Entkernung. Wir hatten ja mal „digitale Souveränität“ als Unabhängigkeit/Selbstbestimmung in Infrastruktur und Diensten, das wurde dann von Sicherheitspolitikern aufgegriffen und in den Wunsch nach Hackback und Cryptoknackerei gegossen. „Souveränität“ ist also das neue „lass‘ den Staat mal machen“, eine weitere semantische Variante der politischen Handlungsfähigkeitsdemonstration™. #

USA und Iran, ein paar Links:
(1)Many are predicting attacks on American interests abroad: embassies, civilian targets, oil infrastructure in Saudi Arabia. But the list of predictable targets ends where the Iranians’ list of attractive targets starts. We have traded acute chaos in Baghdad for an extension and escalation of our permanent war against Iran in the region.“
(2) The Killing of Qassem Suleimani Is Tantamount to an Act of War
(3) „There are two generations of Americans that feel bad blood with Iran. There are people much older that look at the hostage crisis, and there are people for whom the bad blood is Iraq. To them, he is the guy who put bombs and I.E.D.s to blow up Humvees and kill hundreds of American soldiers, and egged on militias to take on the U.S., and ultimately forced the U.S. out of Iraq. And that is also true. That is the whole complication.“
 (4) „Not for the first time, the American government has proved an objective ally of Iran’s hardliners. The man once known as the living martyr would be smiling.“
(5) „By late Thursday, the president had gone for the extreme option. Top Pentagon officials were stunned.“ #

Power, precarity and white-hot anger: what I learned in a decade in journalism Hamilton Nolan, ehemals Gawker und Splinter, über seine Erfahrungen im Journalismus. Die besten Zitate…

„In journalism, as in life, there are only lucky idiots and unlucky idiots.“

„America would be better off setting up a single live camera on the convention stage, and then sending the thousands of political reporters out to talk to homeless people instead. That would offer at least the hope of capturing some insight about what is happening in the country.“

„Some journalists will tell you what they want to write about, and others will tell you where they want to work. It is the latter, unfortunately, who get most of the jobs. The most esteemed positions in media are often held by people whose greatest talent is “getting good jobs”.“

„Which is all to say: I recommend it highly. If you ever get a chance to be a journalist, grab it and hold on tight. It is much, much better than having a real job.“ #

Wochengemälde Jan Vermeer: Ansicht von Delft. Antonio Cassese, in den Neunzigern Oberster Richter am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, wurde während der Untersuchung der Kriegsverbrechen in Bosnien einmal gefragt, wie er es verkrafte, sich täglich mit menschlicher Grausamkeit zu beschäftigen. Er erwiderte, dass er in der Mittagspause sich als Ausgleich die Vermeers im Museum Mauritshuis ansehe. Vermeers Bilder haben tatsächlich eine eigenartige Aura, selbst die menschlichen Figuren wirken, wie Ernst Gombrich einmal festgestellt hat, wie Stilleben. Und vielleicht ist das manchmal auch der richtige Abstand, um der Welt zu begegnen. #

3 Gedanken zu „Microblog der Woche 2/2020“

  1. Vielen Dank für die Zusammenstellung. Ich freue mich jede Woche darauf! Und jetzt dann wohl täglich ein Update? Cool!

  2. Liebe @Ute, vielen Dank für das Lob, das freut mich! Updates gibt es täglich (zumindest Montag bis Freitag, da ich Samstag digitalabstinent bin), manchmal sogar mehrmals am Tag.

  3. iTunes ist tot?! Geil! Da sag noch einer, dass es keine Fortschritt mehr gibt.

    Und besonders schöner Gedanke zum Vermeer! Sehr schönes Format. Ich würde mich sehr freuen, wenn Du das beibehälst.

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