Microblog – Dienstag, 21. Januar

Das Wesen der Orte Das abgebildete Café in Berlin Mitte geht mir nicht aus dem Kopf. Okay, auch wegen des Brandings aus der Hölle. Aber auch, weil ich noch nie ein ehrlicheres Bekenntnis dazu gesehen habe, kein Café, sondern ein Ort für Laptop-Arbeiter zu sein. Ich frage mich immer nach der Geschäftskalkulation dahinter: In der Bay Area hatten einige Coffeeshops irgendwann ein Schild mit einer Maximal-Aufenthaltszeit an der Wand. Klar, weniger Tischwechsel heißt weniger Umsatz. Und dennoch ist der Trend ungebrochen, bis hin zu einer völligen Verwechselbarkeit, in welchem Café in welcher Stadt man sich gerade befindet. Ich habe im Internet viel zu Etikette in Laptop-Cafés, zu Empfehlungen rund um die Welt gefunden, zu Beschwerden im Kontext Gentrifizierung. Aber nichts über die wirtschaftlichen Überlegungen hinter dem Trend, nicht mal bei Planet Money.

Das Wesen der Orte, Teil II Näher kommen wir der Sache vielleicht mit einem Blick auf die Funktion von Orten. Ian Bogost ist der Meinung, dass wir Orte und Räume inzwischen von unserer Mediennutzung ausgehend denken. Und dadurch die Unterscheidungen verschwimmen. Zitat. „Irgendwo ist so gut wie sonst irgendwo geworden. Das Büro ist ein passender Ort, um E-Mails zu löschen. Aber das Bett genauso. Oder die Toilette. Du kannst Fernsehen im Familienzimmer gucken – aber auch im Auto oder im Café, womit du aus diesen Räumen Impromptu-Kinos machst. Deine Lebensmittel kannst du via App kaufen, während du auf den musikalischen Vorspielabend wartest, bei dem deine Kinder auftreten. Gewohnheiten wie diese verdichten die Zeit, aber sie verändern auch den Raum. Nirgendwo fühlt es sich besonders außegewöhnlich an, und jeder Ort nimmt das Behagen und die Lasten jedes anderen Ortes an. Wenn man so viel zuhause machen, warum sollten wir es dann überhaupt noch verlassen?“

Das Wesen der Orte, Teil III Womit wir bei der Wahrnehmungsfrage sind. Ich hatte vergangene Woche auf Drew Austins Gedanken zu Airpods als Werkzeug für die Individualisierung unserer Umgebungswahrnehmung verlinkt. Drew: „Der Stadtplaner in mir muss zähneknirschend die Möglichkeit eingestehen, dass wir vielleicht aufgeben werden, irgendwelche Gemeingüter herzustellen oder zu bewahren – und stattdessen unseren Einfallsreichtum für Werkzeuge verwenden, die uns immer ausgeklügelter unsere personalisierten Realitäten gestalten lassen.“ Uns fällt es also nicht nur leichter, unsere subjektive Erfahrung der Umgebung zu verändern, als die Umgebung selbst, wie Drew Austin anmerkt. Vielmehr verliert die wahrgenommene Umgebung in vielen Momenten ihre unterscheidbaren Eigenschaften und damit auch die Bedeutung als Raum im herkömmlichen Sinne.

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