Anhörung Datenstrategie – Best Of

Hier aus meinen Notizen zur Anhörung Datenstrategie im Kanzleramt. Ich habe die mir bekannteren Aspekte (vgl. Digitalisierungsskepsis von Behörden, Datenschutz als Standortfaktor etc.) rausgelassen und mich bei allen Teilnehmern auf einen oder zwei Aspekte/Vorschläge/Einschätzungen beschränkt, die ich interessant fand. Hier die Anhörung zum Nachgucken.

Boris Otto, Fraunhofer ISST und IDS:
Es existieren keine maschinenlesbare Standards (Terms & Conditions) für die Datenökonomie. Keine vereinheitlichen Format-Standards, keine Standards für Daten-Nutzungsverträge. Standards sollten aus der Branche heraus entwickelt werden.

Regina Riphahn, Rat für Sozial- und Wirtschaftsdaten:
Vier Problemfelder: 1. Fehlender Datenzugang für die Wissenschaft (vgl. aggregierte Steuer-, Melde-, Kriminalitäts- und Immobiliendaten). Föderalismus (jeder macht sein Ding im eigenen Format) verschlimmert das Problem. 2. Fehlender Remote Access. 3. Fehlende Datenqualität. 4. Fehlendes Vertrauen von Behörden und Politik in die Forschung. Forderung: Datenschutzrechtliche Privilegierung der Forschung.

Wolfgang Marquardt, Jülich Supercomputing Centre
Diagnose: Daten-Initiativen (vgl. Gaia-X, nationale Forschungsdateninfrastruktur) bislang zu stark von der Technologen-Seite getrieben, nicht von der Nutzerseite gedacht. Könnte uns auf die Füße fallen, wenn die Zielgruppen nicht mit beteiligt werden (a.k.a. Produkte, die niemand nutzt).

Irene Bertschek, ZEW, Uni Gießen
Löschungspflichten (nach Beendigung eines Projekts) widersprechen den Standards wissenschaftlichen Arbeitens. Replizierbarkeit von Forschung erschwert.

Katharina Zweig, TU Kaiserslautern / AlgorithmWatch
Vorschlag: Federated Learning,  Ergebnisse besteuern, da sich die Verbesserung messen ließe.

Lena-Sophie Müller, Initiative D21
Data Literacy als Priorität, muss rollenspezifisch verlaufen. Beispiel Finnland (1% der finnischen Bevölkerung sollen KI-Grundkompetenzen erhalten). Zentrale für digitale Bildung wäre notwendig.

Ingo Dachwitz, Netzpolitik.org
Datenschutz, Open Data und Anonymisierungstechnologien als Kriterium für Startup-Förderung.

Susanne Dehmel, Bitkom und Sachverständigenrat für Verbraucherfragen
Die Differenzierung zwischen personen- und nicht personenbezogenen Daten verliert zunehmend an Bedeutung, entsprechend muss die Datenstrategie einen Ansatz wählen, der für beides wirkt.

Christoph Peylo, Bosch
Urheberrechtsfragen bei Daten ungeklärt (DSVGO), schwierig, wenn bei KI-Trainingsprozessen plötzlich etwas entfernt werden muss. Aufsichtsbehörden müssen auch Best Practices vermitteln.

Thami Shamsi, Datarade
Beispiel Handelsregister: Die Unternehmensdaten dort sind wichtig für Firmen, vgl. Fraud Prevention, Know-Your-Customer, Vertriebsplanung etc. Datensätze sind einzeln abrufbar, aber es gibt keine API, lizenztechnisch zudem nicht weiterverwertbar.

Andreas Mundt, Präsident Bundeskartellamt
Stichwort Data-Pooling von Klein- und Mittelständischen Unternehmen: Anmeldepflicht von Kooperationen der Unternehmen 2003 auf EU-Ebene abgeschafft, weil Wettbewerbsbehörden damals überlastet waren. Erhofftes Resultat: Entbürokratisierung. Praxis: Rechtsunsicherheit. Bundeskartellamt berät, gibt informelle Freigabe, Formalisierung durch GWB-Novelle.
Stichwort behördliche Digitalisierung & IT-Projekte: Der Staat muss seine digitale Kompetenz als Dienstleister stärken, gerade kleinere Behörden brauchen mehr Unterstützung.

3 Gedanken zu „Anhörung Datenstrategie – Best Of“

  1. Danke, das Wesentliche wurde m.E. erfasst. Baustellen haben wir viele, jedoch wer soll der Bauleiter und Koordinator sein. Bund, Länder, Kommunen kochen noch zu oft ihr eigenes Süppchen. Mit der Folge, es wird unterschiedliche Anwendersoftware angeschafft, die oftmals nicht mal übergreifend miteinander kommunizieren können. Beispiele: Geodaten, viele Anbieter, Datenaustausch kaum möglich; Haushalt, einige spezialisierte Anbieter, Personenstand Monopolstellung AutiSta, aber unterschiedliche Rechenzentren, Datenaustausch/-zugriff kaum oder mit großen Schwierigkeiten möglich; Meldewesen, ein spezialisierter Anbieter, gibt jedoch auch andere; elektronischer Sitzungsdienst, zig Anbieter usw. In der Praxis können z.B. miteinander kooperierende Kommunen nicht mal Geo-Daten austauschen, weil unterschiedliche Anwendungen von unterschiedlichen privaten Firmen. Diesen Flickenteppich kann niemand zusammenführen.

  2. @Linuxkumpel: In der Tat, die Frustration ist auch bei den Fachpolitikern groß. Das ist alles organisatorisch dermaßen ausdifferenziert, dass ein Paradigmenwechsel oder selbst eine Formatverständiguung schwierig erscheinen. Ich weiß auch nicht bzw. habe große Zweifel, ob ein Digitalministerium daran irgendwas ändern würde. Ich habe hier vor einiger Zeit im Kontext „Change Management“ einmal was zu „zurückgelassenen Bürokratien“ notiert, das auch hier ganz gut passt: https://kopfzeiler.org/blog/2018/09/18/organizational-imprint-bureaucracies-change-management/

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