Coronavirus-Notiz (und Links)

Edgar Degas: Die Probe

Hier war es in den vergangenen Tagen ruhig. Was vor allem daran liegt, dass ich meist den ganzen Tag durcharbeite (Radio aus der Homeoffice ist…komplex) und in ruhigen Minuten, naja, die Coronakrise verfolge, Kontakte halte oder mich ablenke. Ich kann gar nicht sagen, wie erholsam der samstägliche Digitalsabbat gestern nach zwölf Arbeitstagen war – Bücher und gemerkte Texte lesen, Musik hören, nur zwischendurch mal Nachrichten. Aber das nur am Rande, trotz einer der kollektivsten Erfahrungen in der Geschichte unserer Spezies ist die Erfahrung für jeden Einzelnen ja höchst individuell, und ich habe Respekt vor allen, die nicht verrückt werden.

Ich fühle mich insgesamt, das will ich noch unterbringen, sehr an unsere Erfahrungen New Orleans erinnert: Wir hatten da wegen der Gewaltkriminalität eine gewisse, teils berechtigte, Paranoia entwickelt, gerade nach Einbruch der Dunkelheit. Das hatte nicht nur mit Ritualen wie Einschalten von Haus-Alarmanlagen zu tun, sondern auch mit lokalem Medienkonsum und Dingen, die in Stadt und Nachbarschaft wirklich passiert sind (wo sonst werden Menschen beim abendlichen Gassigehen überfallen und bekommen ihren Hund abgenommen?).

Worauf ich hinaus möchte: Es gibt Dinge, die sich in der Psyche festsetzen. So war ich nach dem Umzug nach Austin anfangs nachts noch ziemlich alert, was mögliche Geräusche rund um das Haus anging. Oder bei Szenarien rund um Einbrüche, die passieren könnten, während man im Bett liegt. Oder worauf man beim Spazierengehen im Dunkeln oder beim Aussteigen aus dem Auto achten muss. Nicht völlig zwanghaft, aber so, dass die Gedanken regelmäßig auftauchten, bis sie dann irgendwann angesichts der Anpassung an eine neue, sicherere Realität verschwanden. All das wird auf eine andere Art das Coronavirus mit uns machen und die Rückkehr in den zwischenmenschlichen Alltag wird auch in unserem Unterbewusstsein keine in die Normalität sein.

Doch nun zu den Links aus den vergangenen Tagen, die ich für einen Blick über die akuten Entwicklungen hinaus hilfreich fand:

Der Ausnahmezustand Dieser Artikel von Uwe Volkmann (und auch die Diskussion drunter) ist ein guter Anker für die Debatten, die wir jetzt führen müssen. Es gilt auch bei einer Krisensituation, Abwägungen zu treffen und NICHT alles einer Ausnahmesituation unterzuordnen, inklusive der Interpretation von Grundrechten. Denn es gibt eben auch einen Zeitgeist, der sich aus solchen Entscheidungen erhebt, und der dann bleibt. Und es gibt einen Zeitgeist, der zum Beispiel in mögliche Eilentscheidungen des Bundesverfassungsgerichts einfließen wird, das sicherlich eher zurückhaltend beurteilen würde. Siehe hierzu auch Prantl (derzeit €), mit dem ich wahrlich nicht immer übereinstimme.

Am konkreten Beispiel: Vor ein paar Tagen habe ich @DLF die Standortdaten-Frage kommentiert, in der Erwartung, dass tatsächlich personenbezogenes Tracking erst in einiger Zeit diskutiert wird, je nach Pandemie-Verlauf. Und nun soll genau das offenbar am Montag beschlossen werden [Update Montag: Passus offenbar bis April auf Eis gelegt] Unabhängig davon, dass die Methode womöglich nicht besonders genau sein wird: Natürlich findet das im Kontext des Infektionsschutzgesetzes statt, aber wie realistisch ist es, dass Innen- und Sicherheitspolitiker das NICHT in absehbarer Zeit als Ermittlungswerkzeug wollen? Genau deshalb gilt es, nicht reflexhaft zu reagieren, wenn es um Hypes wie angebliche Corona-Partys oder die Obsession auf Social Media geht, wer beim Social Distancing die härtesten Maßnahmen fordert. Wir sollten mit unseren Wünschen vorsichtig sein.

Governments are spending big to keep the world economy from getting dangerously sick Der Economist mit einem Überblick der wirtschaftlichen Stützmaßnahmen weltweit, bis runter auf die bayerische Ebene. Und natürlich mit kleinem Ausblick, was bei welchem Szenario noch nötig sein könnte. Das Stück sei stellvertretend für die gesamte Economist-Ausgabe genannt, die wirklich dem Qualitätsversprechen gerecht wird: Ein Blick rund um die Welt, recherchierter Kontext, die Fragen von übermorgen schon gestellt.

Adam Tooze, Part 1 Adam Tooze, Part 2 Auch Talking Politics blickt auf das große Ganze. Konkret darauf, was Fiskalpolitik noch reißen kann und wie sich Geopolitik, Wirtschaft und nicht zuletzt das Währungssystem entwickeln werden, soweit sich etwas dazu sagen lässt. Das wird noch mega-relevant und Adam Tooze wundert sich zurecht, warum in den meisten deutschen Medien der ganze Euro-/EZB-Kontext relativ am Rande behandelt wird. Denn es wird, nicht nur wegen Italien, zum Schwur kommen.

The Real Pandemic Danger Is Social Collapse Eigentlich berührt Branko Milanovic das Thema der Überschrift nur am Rande. Im Kern geht es um die Frage, ob die Neuausrichtung der Weltwirtschaft nach der Krise das Ende der Globalisierung bedeutet, oder vor allem das Ende von Just-In-Time-Lieferketten.

The seven early lessons of the global coronavirus crisis Das Endgame der Pandemie, das über allen oben verlinkten Diskussionen schwebt, prägnant zusammengefasst: „Ab einem gewissen Zeitpunkt werden Regierungen gezwungen sein, sich zu entscheiden, ob sie die Ausbreitung der Pandemie eindämmen wollen und dafür den Preis der Zerstörung der Wirtschaft zahlen. Oder ob sie einen größeren Verlust an Menschenleben tolerieren, um die Wirtschaft zu retten.“

Stop Making Points „“Listen to me. The problem is your imagination. Stop using dystopia as your compass. Stop using metaphors. You have to live through this.“ Kein Text hat mir in den vergangenen Tagen größeren Genuss gebracht als dieses Stückchen Leben, aufgezeichnet von Francesco Pacifico in Rom.

Let’s Get Ready To Rumble: Humanity Vs. Infectious Disease David Epstein hat seinen Newsletter reaktiviert und führt einige interessante Stränge zusammen. Und erwähnt auch einige Dinge, die für mich neu waren: So habe ich hier zum ersten Mal gelesen, dass Arturo Casadevall von Johns Hopkins daran arbeitet, Betroffene unter bestimmten Umständen mittels Blutspenden genesener Patienten (vgl. Antikörper) zu behandeln.

The Man Who Saw the Pandemic Coming  Coronavirus outbreak raises question: Why are bat viruses so deadly? Auf der Ebene der Zusammenhänge zwischen Viren und Ökosystemen: Der erste Link ist ein sehr interessantes Interview mit Dennis Carroll, einem der führenden amerikanischen Zoonosen-Kenner, der sozusagen das Backend der Pandemie  beschreibt (und dann in einem zweiten Schritt die Strukturen analysiert, in denen wir als Menschheit reagieren, oder eben auch nicht). Der zweite Link beschäftigt sich mit der Wechselwirkung von Fledermaus-Immunsystemen und Anpassungsmechanismen der Viren (schnell reagierendes Immunsystem = Virus-Evolution begünstigt schnelle Reproduktionsraten).

Beitragsbild: Edgar Degas – Die Probe (1874)

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