Alltag und Möglichkeitssinn

Jetzt, wo alles voller Gedanken, Worte, Content über Corona ist, wächst der Wunsch nach Unterscheidung: Zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem, um entsprechend Dinge auch ignorieren zu können. Das ist natürlich sowieso einfacher gesagt als getan, hinzu kommt, dass diese Unterscheidung auch im persönlichen Leben derzeit durchaus schwierig ist. Einkaufsplanungen können wesentlich werden, die vor kurzem gefassten Lebenspläne unwesentlich.

Und hinter all dem schwingt mit: Dass sich etwas verändert, etwas Neues Form annimmt. Ich kann nicht sagen, ob dieser Eindruck nur in meinem Bewusstsein entsteht oder sich gerade tatsächlich etwas materialisiert. Oder, anders gefragt: Was ist absurder – damit zu rechnen, dass sich alles ändern wird, oder damit zu rechnen, dass sich gar nichts ändern wird? Ich weiß nicht einmal, ob sich in dieser relativen Zwangssituation gerade bei jeder und jedem Einzelnen das Selbstbild verändert. Einerseits lernt der Stress zum Kennenlernen des eigenen Wesens ein. Andererseits sind wir Menschen mit sehr unterschiedlichem Interesse und Begabung zur Introspektion ausgestattet. Und vielleicht werden wir uns später geändert haben und dadurch glauben, dass sich alles geändert hat. Oder umgekehrt: Alles ändert sich und wir glauben, dass nur wir uns geändert haben.

Obige Zeilen zeigen, dass es mir schwer fällt, sinnvolle Worte und Konzepte zu finden. Was gerade bei Worten angesichts meines Berufs seltsam erscheint. Doch Worte finden ist gerade Arbeit. Die Tür ins Arbeitszimmer öffnen, sich hinsetzen, Radio machen und manchmal abends kaputt wieder herauskommen, als käme man aus dem Schacht der Zeche. Und dann am nächsten Tag wieder. Das sind sie wohl, diese Rhythmen, an die wir uns gerade alle gewöhnen.

Um den Blick mal wieder zu heben: Ich habe immer dieses Wort von Robert Musil gemocht: Möglichkeitssinn. Um aus dem Mann ohne Eigenschaften zu zitieren.

„Wenn man gut durch geöffnete Türen kommen will, muß man die Tatsache achten, daß sie einen festen Rahmen haben: dieser Grundsatz, nach dem der alte Professor immer gelebt hatte, ist einfach eine Forderung des Wirklichkeitssinns. Wenn es aber Wirklichkeitssinn gibt, und niemand wird bezweifeln, daß er seine Daseinsberechtigung hat, dann muß es auch etwas geben, daß man Möglichkeitssinn nennen kann.

Wer ihn besitzt, sagt beispielsweise nicht: Hier ist dies oder das geschehen, wird geschehen, muß geschehen; sondern er erfindet: Hier könnte, sollte oder müßte geschehen; und wenn man ihm von irgend etwas erklärt, daß es so sei, wie es sei, dann denkt er: Nun, es könnte wahrscheinlich auch anders sein. So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren, alles, was ebensogut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist. Man sieht, daß die Folgen solcher schöpferischen Anlage bemerkenswert sein können, und bedauerlicherweise lassen sie nicht selten das, was die Menschen bewundern, falsch erscheinen und das, was sie verbieten, als erlaubt oder wohl auch beides als gleichgültig.

Solche Möglichkeitsmenschen leben, wie man sagt, in einem feineren Gespinst, in einem Gespinst von Dunst, Einbildung, Träumerei und Konjunktiven; Kindern, die diesen Hang haben, treibt man ihn nachdrücklich aus und nennt solche Menschen vor ihnen Phantasten, Träumer, Schwächlinge und Besserwisser oder Krittler.“

Das halte ich dieser Tage eigentlich weiterhin für ein gutes Konzept, als Mensch in der Welt und politisch. Und ich glaube nicht an die melancholische Weltsicht, dass wir uns in eine Vergangenheit zurücksehnen müssen, in der es noch eine Zukunft gab.

Beitragsbild: Gustav Klimt – Waldabhang in Unterach am Attersee

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