Microblog der Woche 17/2020

Tintoretto: Das Liebeslabyrinth

Notizen und Gedanken zu Nachrichten und allem anderen. Neueste Beiträge oben.

Freitag, 24.4.2020

The problem of modelling: Public policy and the coronavirus Ausführliches Stück von Paul Collier über Modellrechnungen und politische Entscheidungen.

The coronavirus cruise: on board the Diamond Princess

„Hallo, hier ist Norbert“ Statt eines Nachrufs auf Norbert Blüm dieses (mit Recht) vielgeteilte Stück aus 2015.

Respectable Racism: The “War With China ” Edition Von „Russiagate zur Sinophobie“.

I read the essay. Die Antwort auf Marc Andreessen (siehe weiter unten). Das Leben ist kein libertärer Ponyhof.

Dieters Paradies
Eine gruselige Haltung, die aus diesem Text spricht und die Mely Kiyak eigentlich nötig hätte. Wenn die publizistisch-politische Linke glaubt, mit Verachtung Verbündete zu gewinnen, ist ihr nicht zu helfen. Ich gehe aber nicht davon aus, dass solche Texte für mehr als die Peer-Group gedacht sind. Mal ganz abgesehen davon, dass es IMO nicht „links“ ist, systemische Grundsatzprobleme einfach in den Verantwortungsbereich des Einzelnen zu verschieben.

Donnerstag, 23.4.2020

Heute vor 15 Jahren… Das erste Youtube-Video wird hochgeladen.

Die kommende Sinophobie Es ist kein rein amerikanisches Phänomen, auch wenn es dort die Asian-Americans natürlich besonders trifft. Vielmehr wird uns das Phänomen weltweit begleiten: Eine westliche Sündenbock-Geschichte, die auf China zielt. Dort, wo einfache Narrative gesucht werden. Umgekehrt, man erinnere sich an einige Anekdoten aus der Frühphase der Pandemie, funktioniert das Spiel natürlich auch. Und insgesamt bewegt sich die Gesamtlage sichtbar auf eine offene Konfrontation zwischen den USA und China hin.

Streit um Corona-App: Forscher warnen vor einer zentralisierten Datenbank Mein Beitrag aus er Morgensendung. Hierzu auch diese interessante Sicherheitsanalyse und dieser Artikel über das Problemfeld Bluetooth-Signal.

Mittwoch, 22.4.2020

Zwei Jahrestage von heute, auf die ich beim Joggen gestoßen bin Genauer gesagt, beim Hören von Podcasts: 150 Jahre Lenin, hier gewürdigt mit einem kritischen DLF-Hintergrund. Und 50 Jahre Earth Day, auf den mit Bill McKibben und Elizabeth Kolbert zwei fantastische Kenner der Zusammenhänge von Ökologie und Zivilsation blicken – natürlich im Zusammenhang mit Klimawandel und Coronakrise.

Deutschland maskiert sich Deutschland war und ist bei den Schutzmasken schlecht vorbereitet. Was die bundesregierung auch wusste. Zitat aus em Artikel: „Wegen des ‚Deltas zwischen Bestellungen und Lieferungen‘ veranlasste das Gesundheitsressort damals sogar eine Nachrichtensperre, niemand sollte von dem Masken-Fiasko erfahren.“ Stefan Sasse schlägt drüben in seinem Blog einen Untersuchungsausschuss vor, der nach der nächsten Wahl die Vorbereitungen untersuchen und Schlüsse ziehen soll.

2017 hatte ich im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise das Problem einmal skizziert: Untersuchungsausschüsse sind in der Praxis Mittel der parteipolitischen Auseinandersetzung mit den entsprechenden Mechanismen geworden. Und wie damals frage ich mich, ob es ein ideales Werkzeug für schnörkellose „Aufarbeitung“ gibt. Vielleicht wäre das eine gute Gelegenheit, den U-Ausschuss aufzuwerten. Oder etwas zu schaffen, das auch den Ebenen Länder & Kommunen gerecht wird. Kommissionen wären ebenfalls eine Alternative, klar – aber die sind natürlich stark von der Besetzung abhängig. Enquete-Kommissionen richten sich eher auf die Zukunft, aber auch das ließe sich verbinden. Ich hoffe wirklich, dass diese Debatte geführt wird. Was unterlassene Aufarbeitung bedeutet, haben wir nach der Flüchtlingskrise erlebt. #

Der Widerstand der Länderchefs gegen Merkels Basta-Politik ist gut und richtig Jenseits der üblichen Chinakracher-Überschrift enthält der Kommentar ein Lob des Föderalismus, das ich teile. Natürlich verstärkt der Länderwettbewerb die symbolpolitische Komponente, wie jetzt auch gerade an der Maskenpflicht zu sehen ist. Aber dieser Wunsch nach Einheitlichkeit ist de facto einer nach Zentralisierung. So lässt sich tatsächlich verfolgen, was funktioniert und was nicht. Ich habe es im Podcast erwähnt: Die Bundesrepublik ist auch regional homogen genug, um hier Spielräume zu erlauben. Ist ja nicht so, dass gerade in Bremen die Toten auf der Straße liegen würden, während in Baden-Württemberg die Fußgängerzonen voll sind. #

China’s political system and the coronavirus Auch hier der Wunsch nach Aufarbeitung, präziser: einer Aufarbeitung der chinesischen Fehler, um sie künftig zu vermeiden. Natürlich erscheint das derzeit unrealistisch, die einstige Supermacht USA hat sich das auch immer verbeten. Branko Milanovic deutet schon einmal eine interkulturelle Herangehensweise an, aber in Wahrheit sind das unrealistische Szenarien (zumal Missouri China bereits verklagt hat, also die USA definitiv auf eine Anklage-Verteidigung-Konstellation drängen werden).

Warum die Coronakrise ermüdet Hier ist von „moralischer Ermüdung“ die Rede, aber ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich die Moral ist, die uns ermüdet. Sondern einfach nur das Multitasking, weil viele alltägliche Dinge nun eben Willensentscheidungen erfordern und nicht mehr einfach „passieren“ oder geregelt sind (vgl. „Wann gehe ich zum Einkaufen“, „Wie beschäftige ich die Kinder tagsüber“). #

Peter Beard, Wildlife Photographer on the Wild Side, Dies at 82 Eine erstaunliche Lebensgeschichte, der dieser Nachruf völlig gerecht wird.

In Bloom Wenn es um Quarantäne-Tagebücher geht, hat NPlusOne die besten Texte.

Dienstag, 21.4.2020

The Global Struggle to Control the Coronavirus Eine kurze Weltreise über den Umgang mit dem Coronavirus. Es gäbe sehr viel zu lernen international, aber im Moment ist der Blick – zumindest auf politischer Ebene – vor allem nach innen gerichtet. Und ohnehin sind die Leitplanken und gemeinsamen Orientierungen, die in den Nullerjahren noch existiert hätten, mehr oder weniger verschwunden. #

A Post-COVID-19 Digital Bretton Woods Lassen sich digitalpolitische Forderungen aus der Coronakrise ableiten, die wirklich systemische Konsequenzen haben? Das Argument hier ist richtig: Ja, denn wir werden jetzt womöglich eine sich rapide modernisierende Wirtschaft erleben. Die Forderungen nach einem digitalpolitischen Bretton Woods enhalten:
(1) Eine universelle Erklärung über Künstliche Intelligenz (analog zur universellen Erklärung der Menschenrechte)
(2) Globale Koordinierung von Daten-Regulierungsrahmen
(3) Ein neues globales System für Besteuerung
(4) Standardisierte Messrahmen für die Digitalwirtschaft
(5) Neue Institutionen für politische und regulative Koordinierung der wirtschaftlichen Digitalisierung
#

It’s Time To Build Marc Andreessen und die A16Z-Crew finde ich ja immer recht anstrengend. Aber der Wunsch, etwas aufzubauen, lässt sich auch auf Deutschland übertragen, selbst wenn hier vieles sehr viel besser funktioniert. In dem Wissen, dass ich verallgemeinere, muss ich allerdings einen fehlenden Ehrgeiz diagnostizieren. „Gut genug“ ist erstmal eine pragmatische Herangehensweise, aber nicht, wenn es sich auf die Maßstäbe von vor 10 bis 20 Jahren bezieht.#

Stand der Biopolitik Dieser Artikel versucht sich in der Krise an einem Abgleich mit Foucaults „Biopower“ („Bio-Macht“, oder häufiger „Biopolitik“). Die Regulierung des Lebendigen, sozusagen. Ich weiß nicht, ob das besonders weit führt, aber zumindest hat sich die Gesundheitslenkung als akzeptierter Vektor für staatliche Maßnahmen entpuppt. Und die müssen eben nicht per se dem Schutz der Bevölkerung dienen. Wenn ich mir ein globales Dashboard wünschen würde, dann genau zu diesem Punkt der Verhältnismäßigkeit von Maßnahmen.#

The Climate Club Nobelpreisträger William Nordhaus über Klimapolitik als Gefangenendilemma und die Entwicklung einer Ultima Ratio: Ein Club von klimaschützenden Ländern, die Nicht-Mitglieder sozusagen besteuern, indem sie Handel etc. erschweren. Das ist insofern zeitgeistig, als wir wahrscheinlich in eine Ära stärkerer zwischennationaler Einzelbündnisse, je nach Thema, eintreten. Die Frage ist jedoch, ob das zur Lösung der Klimakrise geschehen wird.#

BPs giftiges Golfküsten-Erbe Im Schatten des Virus hat sich gestern die Ölkatastrophe der Bohrinsel Deepwater Horizon zum zehnten Mal gejährt. Das Thema ging eigentlich am Golf selber nie ganz weg, ich erinnere mich noch an die Ölschicht unter dem Sand am Strand von Mississippi. Oder an Grand Isle im Schatten der Bohrtürme. Oder an die Debatten über die submarine Todeszone im Golf von Mexiko.

Events als Content Kurze Beobachtung: Es ist ganz logisch, aber eben auch problematisch, wie Live-Events gerade in die „Digitalcontent“-Ecke wandern. Was schlecht ist, denn „Digitalcontent“ ist schwer zu monetarisieren (unendliche Auswahl, begrenzte Zeit). Gerade klassische Tech- oder Politikkonferenzen zum Beispiel ließen sich, je nach Networking-Element, locker digital veranstalten. Womit wir bei ganz anderen Profitabilitätsberechnungen sind (niedrigere Orga-Kosten, aber niedrigere Preise). Bei Musik etc. ist die Sache anders gelagert, denn „Live“ bedeutet Nähe zu Künstlern und zu den anderen Zuschauern. Aber genau solche Veranstaltungen dürften noch lange verboten bleiben.

Vertikale Medien Was mich vergangene Woche sehr gefreut hat: Dass die Riffreporter mit einer Recherche stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt sind, und dass Jan-Martin Wiarda mit seinem Blog langsam zur verlässlichsten journalistischen Anlaufstelle für Bildungsfragen wird.

Für regelmäßige Tages-Microblogs reicht im Moment die Zeit nicht, auch wegen der fehlenden Energie für tieferes Nachdenken außerhalb der Arbeitszeit. Aber je nerviger Social Media wieder wird, desto größer den Wunsch nach ausgeruhteren Gedanken. Deshalb „fahre ich das mal langsam hoch“, um im Duktus der Gegenwart zu bleiben. Eventuell gebe ich das Mikro-Format auch komplett auf und fächere wieder alles in einzelnen Beiträgen auf.

Bei anderen Projekten zögere ich im Moment: Ich habe mir vor einiger Zeit die Domain internet-observatorium.de gesichert, um dort mehr Digitales zu bündeln. Aber da sind a) die Frage, ob Content-Zeit sinnvoll investierte Zeit ist und b) die Tatsache, dass im Zuge der Coronakrise das „Internet“ als separater Begriff (im Vergleich zu IRL oder AFK zum Beispiel) immer antiquierter wirkt. Mal sehen.

Beitragsbild Tintoretto – Das Liebeslabyrinth

 

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