Im Homeoffice-Zeitalter? Fragen und Folgen

Die Telearbeit hatte in Deutschland lange einen schlechten Ruf. Vielleicht, weil sie sich nach Telespiel anhörte. Vielleicht auch, weil wir deutschen Bildschirmarbeiter jenen unauffällig-auffälligen Seitenblick vermissen würden, mit dem wir um nach 17 Uhr kurz abchecken, wer denn noch im Büro ist, um ja nicht den Eindruck eines verfrühten Feierabends zu vermitteln.

Alte Gewohnheiten sterben langsam, bis sie eben sterben. Das mit dem Homeoffice wird mit Corona auch in den dämmergrausten Konzernbürokratien ernst. Was ich nach fünf Jahren USA-Homeoffice erstmal begrüße. Dennoch ist das Homeoffice natürlich auch für Arbeitgeber eine Kosten-Nutzen-Rechnung.

Om Malik hat das am Beispiel der Facebook-Ankündigung schön demonstriert: Selbst, wenn wir eine Lohnanpassung bei Umzug in günstigere Städte wegrechnen, ist es unterm Strich ein Gewinn für die Tech-Firmen. Facebook zum Beispiel macht sich mit seinem Open-Floor-Konzept in der Zentrale angreifbar für Klagen: Wer sich als Mitarbeiter dort mit Corona infiziert und nachweisen kann, dass er zur Anwesenheit verpflichtet war, hat gute Erfolgsaussichten. Dazu kommen Einsparungen bei Tech-Bussen, exzessive Catering-Kosten etc. Insgesamt lässt sich das Homeoffice als Umlegung auf externalisierte Kosten des Mitarbeiters betrachten: Mittags-Selbstversorgung ohne subventionierte Kantine, Nutzung des privaten Internet-Anschlusses, Abnutzung der Privatwohnung & Einsparung von Büromiete durch Wohnungsnutzung. Das extremste Beispiel: In den USA haben einige Hedgefonds Zeitungen gekauft, die Immobilien in guter Lage weiter vermietet und die Reporter zum mobilen Arbeiten (also Café oder daheim) angewiesen.

Natürlich ist es nicht schwarz und weiß, Dinge lassen sich nicht regeln und grundsätzlich bedeutet die Flexibilität der Arbeitsort-Wahl die Möglichkeit des Fortschritts. Aber auch eine Möglichkeit, Mitarbeitern unter dem Deckmantel der Selbstverantwortung einen schlechten Deal zu geben (umgekehrt gilt das natürlich auch: die Homeoffice als Versteck).

Wie würde flächendeckendes Homeoffice wirklich die Arbeitswelt verändern? In Sachen Produktivität ist es ein zweischneidiges Schwert: Nicht nur wegen der Ablenkungsmöglichkeiten im Büro und daheim, sondern auch, weil Produktivität kein reines Abarbeiten ist; der Austausch von informellem Wissen im Büro kann Produktivität durchaus steigern.

Es könnte sein, dass persönliche Ausstrahlung und Büro-Klüngeleien weniger wichtig werden. Oder sich auch einfach andere Kanäle suchen, denn Feierabend-Bonding ist eine problematische Konstante, bei der sich womöglich nur der Anfahrtsweg ändert. Letzteres zeigt bereits mögliche Ungleichheitsvektoren: Denn wer Familie hat, hat nicht nur für Feierabend-Bonding wenig Zeit und Interesse. Sondern womöglich auch nicht die räumlichen und zeitlichen Voraussetzung für sinnvolle Telearbeit, auch wenn die Kinderbetreuung wieder funktioniert.

Wenn wir von „oben“ auf das Homeoffice schauen, ergeben sich auch gesellschaftliche Trends: Pendeln würde eine andere Rolle spielen, genau wie sich die Ballung in den Städten und Großräumen theoretisch verändern könnte. Theoretisch, weil Deutschland hier mit dem schlechten Breitband-Ausbau noch keine Strukturen geschaffen hat, echte Wohnort-Wahlfreiheit für Telearbeiter zu schaffen. Aber auch das sind keine monokausalen Entwicklungen: Städte ziehen ihren Reiz nicht nur daraus, dass der Weg zur Arbeit kürzer ist.

Und aus den ganz oben genannten Gründen werden Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen weiterhin die Präsenz vorziehen, bis sich das Homeoffice wirklich als gleichwertig erwiesen hat, auch im Sinne von Anerkennung und Aufstiegsmöglichkeiten. Ob gegenwärtige Teamleiter/Teamleiterinnen wirklich in der Lage sind, diese Arbeitsmodelle zu fördern und die Vorurteile rund um Präsenz- und Telearbeit abzulegen: Ich habe meine Zweifel angesichts der klassischen Prägung dieser Arbeitsgeneration; nicht zuletzt haben sie ihren eigenen Aufstiegsweg oft mit Hilfe von Büro-Vernetzung geebnet. Ich denke, gerade diese kulturelle Prägung wird trotz Corona dazu führen, dass noch einige Zeit vergehen wird, bis die Homeoffice als gleichwertige Alternative anerkannt sein wird.

Photo by Ylanite Koppens from Pexels.

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