Diversity im Journalismus

Vielfalt ist kein Accessoire

Dunja Ramadan plädiert in einem SZ-Kommentar für mehr Vielfalt im Journalismus. Das unterstütze ich vollständig. Die im Journalismus häufig gepflegte Einstellungspraxis nach kultureller Übereinstimmung („Cultural Fit“) hat auf unterschiedlichste Weise Schaden angerichtet.

Dazu kommt die immer noch verbreitete Illusion der Meritokratie, nämlich die Idee, dass die Hierarchie im Journalismus eine Leistungsgesellschaft abbildet; dass also „die Besten“ mit einer Kombination aus Talent, Handwerk und Fleiß nach oben kommen. Als würden die Faktoren Zufall, Netzwerk und besagte kulturelle Übereinstimmung keine Rolle spielen. Der Fall Relotius ist eine Folge dieser beschriebenen Zusammenhänge. Und wenn es eine „positive“ Folge des wirtschaftlichen Niedergangs der Medienbranche gibt, dann ist es die, dass auch Führungskräfte dieses Meritokratie-Selbstbild nicht mehr ohne ein großes Maß Selbstverblendung aufrechterhalten können. Aus dem Ende dieser Illusion kann auch kluge Personalplanung und -förderung entstehen

Allerdings gibt es angesichts der wirtschaftlichen Situation in vielen Häusern nicht mehr besonders viel (Erfreuliches) zu planen. Und das gehört eben auch zur Ehrlichkeit in der Debatte über Menschen mit Migrationshintergrund oder People of Color im Journalismus. Um es zu vergleichen: Die Diversity-Diskussion gibt es in der Tech-Branche schon etwas länger, in öffentlicher Form seit ungefähr 2014. Diversity heißt dort, den Weg in eine Branche zu eröffnen, die in vielen Bereichen relativ sichere Zukunftsaussichten, gute Gehälter und persönliche Entwicklungschancen bietet.

Im Journalismus ist das anders. Diversity ist kein „Win-Win“: Der Gewinn liegt bei der Berichterstattung, in den Redaktionen, bei Lesern/Hörern/Zuschauern. Im Idealfall in der Gesellschaft, die ein komplexeres Bild von sich erhält. Aber der Gewinn liegt nicht zwangsläufig bei den Journalisten und Journalistinnen, die zu Minderheiten gehören: Der Weg in den Journalismus bedeutet heute ein hohes Risiko von Prekarisierung, gleicht trotz der gepflegten bürgerlichen Branchen-Fassade eher dem Entschluss, Künstler zu werden. Das ist kein Grund, Diversity aufzugeben. Sondern es bedeutet, dass der deutsche Journalismus sich zu spät strukturell damit beschäftigt – wie schon mit so vielen anderen Fragen.

P.S: Ich will auch kurz anmerken, dass es gerade seit 2018 Diversity-Anstrengungen gibt, es in vielen Häusern kein Start bei Null ist (auch, weil sich das ja nach dem Thema Frauenförderung logisch ergeben hat). Und ein Laden wie die taz praktiziert das ohnehin bereits seit Jahren.

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