Tom Cottons Op-Ed

Beginnen wir am Anfang: Als ich die Überschrift zu Tom Cottons inzwischen berüchtigtem Kommentar las, war mein Instinkt: Das hätte die NYT nicht veröffentlichen sollen. Als ich dann den Kommentar gelesen hatte, blieb ich bei meiner Meinung. Das ist die Sprache des Autoritarismus, das Signal eines möglichen Präsidentschaftskandidaten 2024 an den Amtsinhaber, keine Gnade walten zu lassen. Doch hätte deshalb der Meinungschef entlassen werden müssen?

In dem Sinne, dass es seine Pflicht gewesen wäre, es vorher zu lesen: Ja, nach US-Standards ist eine Entlassung konsequent. In dem Sinne, dass die Redaktion Behauptungen strenger überprüfen hätte müssen und offenbar den gesetzten Standard von „Treu und Glauben“ nicht ausreichend diskutierte: Auch das hätte Konsequenzen haben müssen, eventuell auf Workflow-Ebene. Aber eine Entlassung im Sinne von: Dieser Text hätte nicht erscheinen dürfen?

Keiner der ernsthaften Diskussionsbeiträge geht von der Prämisse aus, dass es ein wichtiger, guter Gastbeitrag war. Das Argument für die Publikation, zum Beispiel hier, ging oft in Richtung Dokumentation einer autoritären Haltung: „Cottons Gastbeitrag hält die Tatsache fest, dass ein amtierender Senator sich dafür ausspricht, militärische Gewalt einzusetzen, um Menschen zum Schweigen zu bringen, die von ihrer Regierung zu einer Änderung der Polizei-Vorgehensweisen fordern.“ Die New York Times selbst argumentierte, wie stets in dieser Frage, mit der Befähigung der Leser, alle Seiten der Debatte wahrzunehmen.

Das Gegenargument ist meiner Meinung nach im New Yorker am stringentesten angeführt: Mehr Meinung ist nicht gleich bessere Meinungsbildung. Zitat:

„Während sich die Verfechter der freien Meinungsäußerung über die Verengung der Debatte Sorgen machen, sorgen sich ihre Kritiker über eine dogmatische und übereifrige Ausweitung der Debatte. Diese Kritiker, nennen wir sie ‚Kontextualisten‘, wollen nicht den in Stein gemeißelten Wert der freien Meinungsäußerung zerstören, sondern ihn gegen andere Werte abwiegen. Was, wenn die Hüter des nationalen Diskurses derart entschlossen sind, Tausend Blumen blühen zu lassen, so sehr betonen, dass der Marktplatz der Ideen jedes Problem löst, dass sie alles, sogar unverblümte Flirts mit dem Faschismus als konstruktive Meinungsverschiedenheit betrachten? Die offene Debatte ist eine tolle Sache, aber ist es möglich, so voreingenommen für Offenheit zu sein, dass du blind für die Tatsache einer eindeutigen und unmittelbaren Gefahr wirst?“ 

In diesem Abschnitt verbirgt sich die Frage: Wie wird unsere Gegenwart im Rückblick der Geschichte einmal bewertet? De facto ist das nach 1945 auch eine immer präsente deutsche Frage.

Ich will noch auf einen anderen Artikel hinweisen, aus The Week. Dort wird die Frage aufgemacht, was hinter diesem massiven Druck auf die New York Times steht, gerade aus der eigenen Redaktion. Zitat:

“Es ist inzwischen sehr verbreitet unter Journalisten, Meinungen nicht als Argumente zu sehen, die vorgebracht werden, mit denen sich auseinandergesetzt wird, die möglicherweise widerlegt werden; sondern als eine Art viraler Propaganda, die die Kraft hat, Leser zu neuen, gesamtheitlichen Perspektiven zu bekehren – ungefähr so, wie sich religiöse Innbrunst während eines Erweckungsrituals verbreitet.“

Diese Einordnung als „virale Propaganda“ ist einerseits abgeleitet aus Erfahrung, Stichwort Online-Radikalisierung und meme-isierte Kommunikationswelt, die viel mit Codes und Overton-Window-Verschiebung arbeitet. Aber zugleich hat dieses Konzept deutliche Schwächen. Zitat:

„Aus dieser Perspektive erscheinen veröffentlichte Ideen wie eine Art ideologischer Ansteckung: Wenn sie gut sind, können sie als eine Art Impfstoff gegen das Böse dienen. Aber wenn sie schädlich sind, funktionieren sie wie ein intellektueller und moralischer Krankheitserreger, der besser ausgelöscht werden sollte.“

Das ist etwas überzeichnet, hat aber einen wahren Kern. Und dieser Kern ist der Punkt, an dem ich nicht mitgehe bei den Aufgeregtheiten: Ja, es gibt Kontext. Ja, es gibt Verantwortung. Aber nein, nicht jede schädliche Idee, nicht jede unangenehme Veröffentlichung bringt die Welt zum Einsturz oder bereitet einer Hypernormalisierung des Radikalen den Weg. Die beschriebene Haltung weist zudem im konkreten Fall der NYT einen völlig überdimensionierten Einfluss auf die Meinungsbildung in den USA zu. Und zugleich unterschätzt sie die Intelligenz der NYT-Leser.

Meine Antwort auf die Frage nach dem Op-Ed also lautet: Hier in meinem Blog hätte ich es nicht veröffentlicht (Herr Cotton hätte sicher eine andere Publikation gefunden). Und in der NYT? Es wäre in dieser Form (unbelegte Behauptungen, anstachelnder Ton im Kontext Gewalt) besser nicht erschienen. Nun gibt es keine andere Version, aber wenn einer faktengeprüften Version in der NYT publiziert worden wäre, hätte ich die Haltung Cottons ziemlich sicher weiterhin abgelehnt. Nicht aber die Existenz des Op-Eds, und das gilt auch für die bestehende Version.

Und ja, diese Position ist insofern angreifbar, als ich aus einer privilegierten Position spreche, mich die Folgen der Politik nicht betreffen etc. Aber auch in diesem Bewusstsein bleibe ich bei meiner Meinung.

P.S. Der Spiegel-Meinungsbeitrag macht das Spannungsfeld ganz gut auf, dass ich auf Ebene der Marken immer mit Nachrichtencontent vs. Identitätscontent (= auf die Haltung seiner Zielgruppe ausgerichtet) bezeichne. De facto ist für beides Platz, auf der Grundlage, dass die Fakten stimmen. Ich selber bevorzuge auf den Branchen-Output bezogen ein deutliches Schwergewicht des Nachrichtenfokus (im Sinne von „Fakten sammeln statt Fakten bemeinen“, nicht im Sinne von „Agenturen und agenturartige Texte überall“). Gesammelte Fakten sind aber natürlich schwieriger zu monetariseren, wenn sie nicht eine Nische betreffen, die zugleich ausreichend groß ist.

Ich bin auch froh, für ein Medium zu arbeiten, das angesichts der Aufgabe „Grundversorgung mit Informationen“ klare und hohe Standards hat. Und ich glaube, dass dem deutschen Journalismus eine amerikanischere Arbeitsweise (Stichwort Rolle der Autorenstimme) gut tun würde, genau wie eine wissenschaftlichere Herangehensweise (Quellen-Transparenz, die von Daniel Drepper angemerkte Frage nach der „Nachrecherchierbarkeit mit dem selben Ergebnis“).

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