Der Fall Amthor als Startup-Parabel

Ist Philipp Amthor käuflich? (€)
A Young Star in Merkel’s Party Faces Turbulence

Ein Start-Up im Stealth Mode, basierend auf einer Technologie („Künstliche Intelligenz“), die in der Praxis nichts und alles sein kann. Und die sich inzwischen relativ leicht aus öffentlichen Libraries zusammengebauen lassen kann. Aber die als Begriff natürlich in keinem Pitch Deck fehlen darf.

Ein Mission Statement [„(…)for Augustus Intelligence to become the leading gateway to artificial intelligence (…) for the ongoing benefit of humanity“], das keinen Zweifel am 10X ROI-Versprechen lässt. Gründer-Profile, die laut Spiegel-Artikel bis in den Graubereich des Erlaubten aufgehübscht werden (ein angeblich vom UN-Generalsekretär unterstütztes Projekt, eine angebliche Entwicklung des Google-Translate-Algos).

Und dann die Gruppe drumherum: Investoren aus dem Umfeld, das im Bereich Tech manchmal abschätzig als „Touristen“ bezeichnet wird (branchenfremde Familienbüros, eine ehemalige Bertelsmann-Managerin). Leute wie Karl-Theodor zu Guttenberg, die inzwischen wahrscheinlich Zahlen bewerten können, aber eben Quereinsteiger-via-Kontakte sind. Und aus diesen Playern ergeben sich weitere Kontakte, die irgendwann mal zur Kundenakquise führen sollen (womöglich im Sicherheitsbereich, vgl. Hanning und Maaßen, beide inzwischen in eine nach Schlangenöl duftenden Consultingfirma involviert).

Gab es jemanden unter Investoren und Aufsichtrat, der sich wirklich die Technologie angeguckt hat? Oder wollte? In der Klage zweier Ex-Mitarbeiter von Augustus Intelligence heißt es: Der AI-Algorithmus sei eine aus öffentlich vorhandenem Code „zusammengehauene“ Demoversion gewesen. Es gebe weder das behauptete Funding, noch ein Produkt, noch substantielle Einnahmen. Dazu passt, dass der Umsatz laut neuem Spiegel-Artikel via Projektübernahme einer anderen Firma gesteigert werden sollte – einer Projektübernahme ohne Gewinnübernahme, wohlgemerkt. Einziges Ziel ist es natürlich, mit solchen künstlichen Kennzahlen neues Funding zu bekommen.

Das alles ist dermaßen typisch für den Startup-Hustles, der „Fake-it-‚til-you-make-it“-Philosophie der 99 Prozent Jungunternehmen, deren beste Option am Ende eine Übernahme oder ein Aqui-hire durch eine unbedarfte oder leidenschaftlose Großfirma ist. Aber angesichts der Technologietrend-Narrative und Investments aufgrund dieser Narrative ist natürlich schwer zu sagen, wer zu dem anderen 1 Prozent gehört. Fairerweise muss man sagen: Viele Startups glauben trotz völlig gegenteiliger Symptome natürlich selbst lange daran, zu den ein Prozent Gewinnerfirmen zu gehören. Dieses magische Denken macht anfangs auch den Reiz aus, dort zu arbeiten.

Die ganze Angelegenheit ist auch eine Geschichte über das bei Tech Dabei-sein-wollen, von dem nicht nur Leute wie Philipp Amthor träumen, der in dem Kontext ein kleines Licht ist.

Was die rechtlichen Fragen betrifft: Die Lage wäre eindeutig, wenn er zum Zeitpunkt seiner Anfrage bereits Direktor gewesen wäre. Im tatsächlichen Fall hätte sich Amthor, wenn Posten und Firmenanteile erst später ins Gespräch kamen, bewusst sein müssen, dass dadurch der Eindruck eines Quid-pro-Quo entstehen kann. Unter dem Strich ist die Frage nach den Konsequenzen also eine politische.

Und die Frage, ob Aktienoptionen als anzeigepflichtige Einkünfte mitteilungspflichtig sein sollten, ist nicht trivial: In diesem Fall kann der tatsächliche Wert der Optionen am Ende auch Null sein, wenn ein Startup absäuft oder man vor der entsprechenden Frist aussteigt. Zugleich aber ist durch diesen unsicheren Viel-oder-Nichts-Wert das Interesse am Erfolg einer Firma (und die daraus entstehende Möglichkeit eines Interessenkonflikts) umso größer. In absehbarer Zeit steht übrigens die Reform der Mitarbeiterbeteiligung an, die gerade die Optionskompensation bei Startups erleichtern soll.

P.S: Das Foto stammt aus dem Magazin einer christlichen Sekte in den USA, die Karl-Theodor zu Guttenberg für den Auserwählten hält und auch die „AI“ von „Augustus Intelligence“ damit in Zusammenhang bringt. 

P.P.S: Ich nehme an, dass das mit dem Settlement zwischen Augustus Intelligence und den beiden Ex-Managern jetzt etwas schneller gehen dürfte… 😉

P.P.S. 2: Nein, ich glaube nicht an die Twitterati-Theorie eines deutschen Cambridge Analytica, sondern halte mich an Ockhams Rasiermesser, solange es keine anderen Indizien gibt.

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