Lancetgate und die Peer-Review-Reform

Critical Lessons From Last Week’s Retraction of Two COVID-19 Papers

„Schon vor der Pandemie waren die Entscheidungen von Fachjournal-Chefredaktionen von dem Wunsch geprägt, den Wirkungsfaktor eines Journals zu steigern. Das führte dazu, dass Redaktionen wissenschaftliche Veröffentlichungen von niederer Qualität akzeptierten, wenn sie mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit Aufmerksamkeit erhalten würden. Und umgekehrt lehnten sie höherwertige Fachartikel ab, wenn sie damit rechneten, dass diese nur spärlich zitiert werden würden. Auch wenn diese Überlegung bei den beiden zurückgezogenen Covid-19-Fachaufsätzen keine Rolle spielten, hat sie ohne Zweifel bei der Veröffentlichung Hunderter Pandemie-Fachartikel niedriger Qualität eine Rolle gespielt.“

Gerade während des Lockdowns kursierten einige unterkomplexe Wissenschaftsbilder. „Seriöse Wissenschaft hat keine andere Agenda als das Suchen und Überbringen möglichst fundierter Fakten“, war da zum Beispiel in einem Leitartikel zu lesen. Das entspricht ungefähr der Aussage „Gute Politik hat immer die Bürger und Bürgerinnen im Blick“. Man kann nicht widersprechen, aber auch keine Erkenntnis gewinnen.

Man muss nicht Thomas Kuhns Paradigmenwechsel-Idee folgen oder auf „You get what you measure“ hinweisen, um auf praktische Widersprüche zu stoßen (und nein, ich rede nicht von den Widersprüchen, die die Bild bei Drosten fand). Vielmehr zeigt der Surgisphere-Skandal, dass die Seriosität eben auch bei Publikation in einer Zeitschrift wie The Lancet nicht immer gewährleistet sein kann. Und dahinter versteckt sich (in diesem Falle neben erstaunlicher krimineller Energie) die Realität des wissenschaftlichen Betriebs, der Faktoren gegen „seriöse Wissenschaft“ liefert: Das Prinzip „Publish Or Perish“ als Alltagsregel sei genannt. Die Rolle von Wahrnehmbarkeit in Fach und Öffentlichkeit in Verbindung mit den Mechanismen der Aufmerksamkeitsökonomie. Dazu kommen offensichtlich fehlende Kapazitäten beim Peer-Review-Prozess (der Autor des obigen Textes nennt zum Beispiel den Zugang zu Rohdaten).

Daraus lässt sich die Notwendigkeit einer Peer-Review-Reform ableiten, wie sie im verlinkten Artikel skizziert ist. Und weiter unten in der Futterkette bedeutet das auch für Journalisten stärkere Daten-Alphabetisierung. Der Wissenschaftsjournalismus hat dies in seinen Werkzeugkasten integriert, auch wenn natürlich Fachartikel in Publikationen wie Lancet größeres Vertrauen genießen. Aber in vielen anderen Bereichen fehlt dies oft noch, werden Studien-Ergebnisse falsch dargestellt oder Schlussfolgerungen zweifelhafter Studien übernommen.

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