Wirecard: Eine unbequeme (Medien-)Wahrheit

Why was Frankfurt so blind for so long about Wirecard?

Bernd Ziesemer in der Financial Times:

„Die Bürokraten der BaFin fühlten sich angegriffen, als die ersten Berichte über mögliche Verstöße bei Wirecard erschienen. Ein riesiger Skandal, direkt vor ihrer Nase? Undenkbar. Weil viele deutsche Medien entweder die Expertise oder die Mittel fehlten, tief in eine solche globale und komplizierte Geschichte einzutauchen, freuten sie sich über einen gelegentlichen Wirecard-„Scoop“, der ihnen zugespielte wurde – von deutschen Investmentfonds oder der BaFin oder manchmal von beiden. Politiker wiederum hielten die ganze Affäre für zu fachbezogen, um ihr besondere Aufmerksamkeit zu schenken.

Bis zur vergangenen Woche war es also ein einseitiger Kampf: Nur ein paar deutsche Journalisten, die meisten davon von kleineren Publikationen, unterstützten die kritische Berichterstattung. Keine größere Finanzinstitution stellt Wirecard öffentlich in Frage. Die klügeren Fonds schichteten ihre Investments um, die dümmeren blieben drin. Eine Sache ist jedoch sicher: Künftige Journalistenschüler und Journalistenschülerinnen werden die Affäre als eine aussagekräftige Fallstudie betrachten. Ich selbst werde einer der Dozenten sein, der sie dazu ermutigen wird.“

Bei allem (dem Erscheinungsort inhärenten) Großlob spricht Ziesemer einen wunden Punkt an: Die Spezialisierung im deutschen Journalismus lässt weiterhin nach, der Investigativjournalismus lebt vor allem in zwei Handvoll Spezial-Ressorts, die letztlich gerade in Verbünden ihre Schlagkraft entfalten. Dabei ist die Investigation, im Sinne von „der Sache auf den Grund gehen“, auch im 21. Jahrhundert die zentrale Funktion des Journalismus. Die Übermittlung von Nachrichten ist es seit der Jahrtausendwende nicht mehr, sehen wir einmal von einer Gewährleistung der Grundversorgung ab.

Dagegen arbeiten Faktoren wie die Kosten und die Gegenfinanzierung: In Zeiten der Hyperpolarisierung versprechen Meinung und Kolumnen oft mehr Aufmerksamkeit, Zustimmung und womöglich auch zahlendes Publikum. Das ist ein Problem, an dem den Journalismus höchstens eine Teilschuld trifft. Und doch wächst vor dem Hintergrund unserer gesellschaftlichen Entwicklung der Bedarf, den Dingen intensiv auf den Grund zu gehen, statt sie oberflächlich abzubilden. Das ist teuer. Denken ist teuer. Recherchieren ist teuer. Spezialisierung ist teuer. Sekundäre Informationsverarbeitung und Hot-Take-Produktion dagegen entspricht den leider gängigen Marktpreisen.

Und auch angesichts dessen, dass gerade im wöchentlichen Dauertakt richtig fähige Journalisten und Journalistinnen aus der Branche aussteigen, gehe ich leider davon aus: Die gefeierten Scoops im Rampenlicht lenken uns davon ab, wie kaputt die Basis für das ist, was Journalismus tun können sollte.

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